Neuer Dardenne-FilmLiebesverrat

Der kleine Sohn stört nur, also weg mit ihm: "Der Junge mit dem Fahrrad", der neue Film der Brüder Dardenne

Europa hat zwei Gesichter. Es gibt die hochglanzpolierten Zentren, scheintot schön und mit Klarlack versiegelt, Flaniermeilen für die Beauty-Farm-People, die sich in der neoliberalen Epoche nach oben geschleckt haben wie die Fliegen am Honigglas.

Das andere Gesicht Europas beschreiben zwei belgische Regisseure. Sie heißen Jean-Pierre und Luc Dardenne und haben in Cannes schon zweimal die Goldene Palme gewonnen. Bei ihnen ist Europa ein Kontinent der Ausfallstraßen, der Billigläden, Spelunken, Wohnsilos, Kellerlöcher und Bretterbuden. Hier leben Billiglöhner, Halblegale, Illegale und Betrüger, hier lebt das Treibgut, das Europa an seinen Rändern ausspuckt und ins Zentrum spült. In diesen Filmen scheint nie die Sonne, und Belgien ist das hässlichste Land der Welt.

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Aber man darf sich von der Tristesse nicht täuschen lassen. Die Brüder Dardenne sind keine »Sozialfilmer«; sie sind Meister darin, das Unsichtbare im Gesellschaftlichen sichtbar zu machen, die elementaren menschlichen Beziehungen. Ihre Filme zeigen das Verhältnis von Vater und Sohn und von Mutter und Tochter; sie erzählen von Verrat, von Schuld und Vergebung. In ihrem neuen Film Der Junge mit dem Fahrrad hat ein Vater seinen Sohn verlassen, er ist einfach weggezogen, sogar dessen Mountainbike hat er verkauft. Der Zwölfjährige Cyril will es nicht glauben, denn so etwas würde sein Vater nie tun, der doch nicht!

Aber es ist so. Der Vater (Jérémie Renier) hat ein neues Leben angefangen, er ist nun Koch in einem schäbigen Lokal, stochert lustlos in Fertigsoßen herum und lässt seinen Sohn, der ihn nach langer Suche ausfindig gemacht hat, einfach stehen. Keine Umarmung, nichts. Der Vater verkörpert einen Sozialtyp, der oft bei den Dardennes auftaucht, emotionslos, abgestumpft und neutral, wie der Repräsentant einer neuen modernen Kälte. Sein Sohn könnte auch ein Moped sein. Er gefällt dem Vater nicht mehr. Also weg damit.

Cyril (Thomas Doret) ist nun der Vaterlose, von einer Mutter ist nicht die Rede. Er hat nichts und niemanden mehr, nur noch seinen Schmerz, Cyril ist ein Störfaktor, ein trampelndes, kratzendes, ausgesetztes Menschending. So verfahren die Dardennes oft. Sie kappen menschliche Bindungen und zerschneiden das soziale Band, bis von einer Figur nur noch der Körper übrig bleibt, der irgendwie im Weg liegt und mit dem man machen kann, was man will. In ihrem Film Das Kind verkauft ein Kleinkrimineller seinen neugeborenen Sohn an Zwischenhändler und versteht gar nicht, warum die Mutter das nicht okay findet. In Lornas Schweigen hat sich die Heldin für einen neuen Pass an einen Junkie verkaufen lassen, und der Junkie ist am Ende nur noch »Müll«. In dem Film Das Versprechen profitieren Vater und Sohn von eingeschleusten Afrikanern, und was ein Menschenkörper wert ist, hängt vom Preis ab, den man für ihn erzielt.

»Verdinglichung« nannte man das früher, und Kinder und Jugendliche trifft es zuerst. Doch in dem Jungen mit dem Fahrrad geschieht etwas Unwahrscheinliches, der Film nimmt eine Wendung, die seinen Realismus beinahe sprengt: Die Friseuse Samantha (Cécile de France) nimmt sich des schwierigen Jungen an, kauft sein Fahrrad zurück und steht auch dann noch zu Cyril, als er mit der Schere auf sie losgeht. Eine Engelsgeduld hat Samantha, sie liebt den unbändigen Kerl, einfach so. Als die Friseuse mit ihrem Schutzbefohlenen ins Grüne fährt, als plötzlich die Sonne scheint und das Adagio aus Beethovens 5. Klavierkonzert erklingt, bekommt der Film etwas unsentimental Märchenhaftes, ganz so, als könne der Kleine seine Traumata abschütteln und bei der Frau mit dem großen Herzen ein neues Leben beginnen.

Der Junge mit dem Fahrrad ist heller und freundlicher als andere Dardenne-Filme, die Zerstörung eines Menschen wird – im Gegensatz zu dem realen Fall, auf dem die Geschichte beruht – durch einen selbstlosen Akt abgewendet, durch Liebe. Dieser Widerspruch existiert immer bei den Brüdern Dardenne, und er fesselt den Zuschauer von Anfang an: Es gibt Freiheit, keiner hängt vollständig an den Fäden seines sozialen Schicksals. Und doch ahnt man: Lebten diese Figuren nicht in einer Wolfsgesellschaft, dann würden sie von ihrer Freiheit einen anderen Gebrauch machen, dann wären sie bessere Menschen und müssten nicht lügen, betrügen und verraten.

 
Leserkommentare
  1. Die Selbernannten Vaeter. Nicht dass sie grau sind oder ...

  2. der sich immer weitergehende Eingriffe bis ins Privateste erlaubt, sind wir da nicht alle verdinglicht, Nummern in der Statistiken der Soziologen?
    Der Staat, der ein statistisches Mittel bildet, und uns alle verzweckt?

  3. Bitte sehen Sie sich diesen Film an, am besten im Original und urteilen Sie danach. Ohnmächtig ob der Wut und der Tränen wie Menschen zueinander sein können. Der Film ist ein Meisterwerk!
    Lass deine Augen offen sein, geschlossen deinen Mund,
    und wandle still, so werden dir geheime Dinge kund.(Hermann Löns)

    Eine Leserempfehlung

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