Ist ja nur eine Zahl, hat Manfred Bergmann am Anfang gedacht. Aber seitdem diese verdammte Zahl in der Welt ist, ist alles viel schwieriger geworden. Denn Bergmann will nichts anderes, als dem Kapitalismus einen Zahn ziehen. Er will den Banken Geld wegnehmen, eine neue Steuer erheben auf den Handel mit Derivaten, Swaps, Futures, Aktien, Anleihen; auf alles, womit die Banken so handeln. Irgendwas zwischen 0,01 und 0,1 Prozent soll die Steuer betragen, das klingt läppisch, aber die Banken werden sich wehren, das weiß Bergmann jetzt schon. Sie werden ihn behandeln wie einen Systemfeind.

Bergmann nennt das Ganze eine Finanztransaktionssteuer, aber im Grunde will er nichts anderes, als den Banken Geld wegnehmen und es dem Volk geben. Zurückgeben – denn die Rettung der Banken in der Finanzkrise hat ja das Volk bezahlt. Was Bergmann will, ist eine Robin-Hood-Steuer.

Doch diese verdammte Zahl lässt es nun so aussehen, als wolle er nicht nur den Banken etwas wegnehmen, sondern allen Menschen. Als wolle er nicht mehr Gerechtigkeit, sondern weniger Wohlstand. Minus 1,76 Prozent weniger Wohlstand. Das ist die Zahl.

Manfred Bergmann sitzt in seinem ruhigen Eckbüro der EU-Kommission in Brüssel und ärgert sich. Denn die Zahl wurde von seinen Kollegen errechnet; Kollegen, die nichts von seiner Steuer halten und die mit einem Mal seine Gegner sind. Die Zahl stellt das System von Wachstum und Wohlstand so offenkundig infrage, dass es sehr schwer für Bergmann wird, die 27 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union von seiner Steuer zu überzeugen. Allen voran die Engländer , die mit London den größten Finanzplatz der Welt haben. Aber bei Steuergesetzen müssen sich alle EU-Staaten einig sein, sonst fällt das Gesetz durch.

Bergmann ist der Mann, der gegen eine Zahl kämpfen muss, wenn er die Robin-Hood-Steuer retten will.

Manfred Bergmann kommt aus dem Münsterland. Er erinnert ein bisschen an Otto Rehagel oder einen jener Fußballtrainer vom alten Schlag. Die mit den großen Händen, die im Trainingsanzug zum Spiel kommen und nicht im Anzug, und die "wat" und "dat" sagen. "Ich habe den Ruf, zu reden, bevor ich denke", sagt er ohne eine Regung im Gesicht. Vielleicht sagt er es auch nur deshalb, weil der Pressesprecher des Kommissionspräsidenten bei dem Gespräch wie ein Aufpasser dabeisitzt. Doktor Manfred Bergmann ist Volkswirt und hat in Münster zur Frage promoviert, wie die europäische Integration unterschiedlicher Steuersysteme aussehen kann. Seit 24 Jahren arbeitet er als Beamter in Brüssel. Er hat an Klimasteuerrichtlinien gearbeitet und Stellungnahmen darüber geschrieben, ob bestimmte politische Überlegungen ökonomisch sinnvoll sind. Seit Juli 2011 sitzen er und 80 Mitarbeiter an dem Gesetzesvorschlag für seine Robin-Hood-Steuer. Es ist sein erster Gesetzesvorschlag. Er muss gut werden. Bergmann weiß, dass er es mit dem mächtigsten aller Gegner aufnimmt, der Finanzindustrie. Und in einer Zeit, in der die Angst vor einer Rezession umgeht, kann nur ein Verrückter vorschlagen, das Wachstum zu drosseln. Ist Bergmann irre geworden?

Bergmann hat in Büchern nachgeschlagen und ist auf einen Mann namens Tobin gestoßen. Der amerikanische Ökonom und Nobelpreisträger James Tobin schlägt im Jahr 1972 eine Art Robin-Hood-Steuer auf Devisen vor , um die durch Spekulanten hervorgerufenen Währungsschwankungen zu verkleinern. 1998 wird die Steuer zum Gründungsmythos der Globalisierungskritiker von Attac: den Reichen nehmen und den Armen geben. Sie gilt als utopische Spinnerei, denn niemand kann sich vorstellen, dass sich die größten Wirtschaftsnationen der Welt auf die Besteuerung ihrer Finanzmärkte einigen. Zu viel spricht dagegen. Die Macht der Banken und ihre Kreativität, mit der sie Geld in unbeobachtete Regionen fließen lassen können. Wie viele Steuern würden da zum Schluss überhaupt noch anfallen?

Doch dann bricht 2008 die amerikanische Investmentbank Lehman Brothers zusammen und führt die Märkte der Welt an den Abgrund. Und die Welt sieht anschließend, dass die Banken die Politiker immer weiter vor sich hertreiben. Dass die Banker immer größere Rettungsfonds fordern und den Politikern nichts anderes übrig bleibt, als zu zahlen. Denn die Politiker ahnen: Wenn sie nicht zahlen, reißen die Banken alles mit in den Abgrund. Es fühlt sich an wie Erpressung. Seitdem wird ein Mittel gegen die Erpressung gesucht, die Robin-Hood-Steuer.