Sozialreformen Oliver Twist junior
Charles Dickens wird 200: Der britische Romancier beschrieb ein gespaltenes Land. Hat sich das gebessert?
© Christopher Furlong/Getty Images

Spielende Kinder in Manchester (Archivbild)
Der Fußmarsch war kalt und beschwerlich, aber schließlich gelangte Oliver Twist nach London. »Die Häuser dort waren massig«, schreibt Charles Dickens, »und sie wurden nur von den aller ärmsten Leuten bewohnt. Selbst Ruinen schienen von obdachlosem Gesindel als Schlupfwinkel auserlesen. Die Rinnsteine waren verstopft voll Kot; selbst die Ratten, die tot in dem Unrat verwesten, machten den Eindruck, als ob sie Hungers gestorben seien.«
Der Waisenjunge Oliver Twist war in seinem ganzen Leben noch nie satt gewesen. In dem Armenhaus in der Kleinstadt, aus der er weggerannt war, setzte es eine Tracht Prügel, wenn man nach etwas mehr Haferschleim fragte. Aber in London war die Armut noch viel schlimmer und der Verfall der Menschlichkeit noch viel krasser.
Der Stoff für den Roman hatte sich Charles Dickens vor seiner Haustür aufgedrängt. Durch die britische Industrialisierung der Landwirtschaft in den 1830ern waren Millionen von Menschen arbeitslos geworden. Wie Häftlinge wurden sie in den staatlichen Armenhäusern weggesperrt. Wer dort keinen Platz fand, lebte in den Ruinen und Rinnsteinen der Städte. Für die aufsteigende industrielle Mittelklasse dagegen hatte das goldene Zeitalter begonnen. Sie konnte unbegrenzt Geld verdienen.
Die Veröffentlichung von Oliver Twist im Jahr 1837 schlug ein wie eine Bombe. Statt leichter Unterhaltung hatte Dickens ein gesellschaftspolitisches Pamphlet geschrieben, in dem er die schamlose Gier der Industriebarone anprangert. Dickens warnt vor dem Verfall der Gesellschaft.
Zu seinem zweihundertsten Geburtstag feiern die Briten diese Woche Charles Dickens und sein literarisches Genie. Wer Oliver Twist zu diesem Anlass erneut liest, findet allerdings auch einige Parallelen zur wirtschaftlichen und sozialen Gegenwart Großbritanniens.
In den vergangenen vierzig Jahren hat die soziale Ungleichheit in allen Industrienationen zugenommen. Doch in keinem anderen Land Europas ist die Kluft zwischen Arm und Reich so tief wie im Vereinigten Königreich. Ein Junge, der im Arbeiterviertel von Glasgow auf die Welt kommt, stirbt statistisch 13,5 Jahre früher als einer, der im gutbürgerlichen Kensington in London aufwächst. Laut einer OECD-Studie verdienen die obersten zehn Prozent der britischen Bevölkerung zwölfmal so viel wie die untersten Einkommensgruppen. In Deutschland ist der Unterschied nur halb so groß. Fast jeder zehnte Brite gilt als arm.
Was sich in Statistiken niederschlägt, hat seinen Ursprung in einer großen politischen Idee. Ende der siebziger Jahre lag die britische Wirtschaft im Koma. Die Gewerkschaften führten den Klassenkampf im Geiste der Oktoberrevolution. Nichts ging mehr. Die Briten mussten sich neu erfinden. Margaret Thatcher begann die wirtschafts- und gesellschaftspolitische Ordnung des Landes vollkommen umzukrempeln. Liberalisierung war das Wort der Stunde. Die älteste aller Industrienationen entwickelte sich zu einer dynamischen Finanz- und Servicegesellschaft. In der City of London konnte das internationale Finanzwesen gedeihen wie in einem Treibhaus.
Großbritannien wurde zum Musterland der Globalisierung. Für die meisten waren es Boomjahre. Doch die vielen Billigjobs und die hohe Arbeitslosigkeit unter den Industriearbeitern brachte immer mehr Menschen an ihr Existenzminimum. Die Kinder dieser Unterschicht wurden zusätzlich durch eine Bildungspolitik benachteiligt, die ausschließlich die Hochschulen förderte. So hat heute jeder fünfte 16- bis 24-Jährige keinen Job oder Ausbildungsplatz. Jung, arm und ohne Perspektive.
Die Lage ist ernst, das bedrohliche Haushaltsdefizit verschlimmert sie noch. Der Schatzkanzler George Osborne muss den Staatsbankrott vermeiden, senkt deswegen die Ausgaben um 113 Milliarden Pfund (135 Milliarden Euro). Sparen ist die Vokabel geworden, die den deprimierten Seelenzustand einer ratlosen Nation beschreibt.
- Datum 13.02.2012 - 17:44 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 9.2.2012 Nr. 07
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als Erfüllungsgehilfe eines neuen Zeitgeistes profilieren, indem eine Mittelschicht voller Wutbürger grundlos politisiert wird. Es ist schon verwunderlich, wie stark mit dem allgemeinen Strom gegen Wulf mitgeschwommen wird, wenn man gleichzeitig weder von den Skandalen um Beck, Özdemir und Hannelore Kraft liest. Hier stimmt eben das Parteibuch.
Der Vergleich mit Dickens hinkt schon stark.
Menschen einfach nicht vorkommen.
In den wirtschafts"wissenschaftlichen" Betrachtungen kommt der Mensch nur als "menschliche Rohstoffe" (human resources, es gibt nicht mal eine Singularform) oder sogar als "full time equivalent" vor. Und diese Rohstoffe haben laut Managementplan zu funktionieren. Alles andere ist irrelevant.
Wenn dann so ein menschlicher Rohstoff (im Deutschen geht der Singular dann doch schon) sich nicht so verhält, dass er als full time equivalent taugt, dann wird der spezielle menschliche Rohstoff eben durch einen anderen menschlichen Rohstoff ersetzt.
Das ist die Sicht der Neoliberalen auf eine menschliche Gesellschaft.
Es sollte empörend sein, aber in Besprechungen bin ich immer wieder mit dieser Denkungsart konfrontiert - und es wäre eine sehr schlechte Idee, in solchen Besprechungen zu widersprechen.
Das war in der Zeit, in der Charles Dickens lebte, schon mal genau so. Zwischenzeitlich war ews auch mal ein wenig anders, aber die Neoliberalen haben immer noch die Lufthoheit und meinen, sie könnten mit ihrer völlig eingeschränkten Sichtweise der Dinge eine bessere Welt schaffen.
In Wirklichkeit fahren sie die Welt an die Wand.
der sich selbst zur "Handelsware" oder zum "Rohstoff" degradiert...
Man kann es nennen wie man will...
Die Gier ist Motivation allen Antriebs dieses "Wachstumswahns"...
Und wenn man die betreffenden "Volksvertreter" anschaut...
Die Macht der Gier bringt leider nicht alle so schnell zu Fall wie es wünschenswert wäre...
Zitat Ch. Dickens: "Alle Betrüger der Welt sind nichts
im Vergleich mit den Selbstbetrügern."
Es gibt die Einen wie die Anderen auf Seite der Volksvertreter oder auch sonstig Verantwortlichen in entsprechender Position - aber auch Volkes Stimme ist hier nicht wenig vertreten...
Die Regeln werden von denen gemacht, die den Auftrag dazu bekommen haben - allein was sie daraus machen und welches wahre Motiv ihren Handlungen und Entscheidungen zu Grunde liegt, ist ein anderes Ding (meinereiner)...
Es scheint wohl eher, dass die Neoliberalen Marktgläubigen eine neue Attacke auf den sozialen Konsens der Gesellschaft verüben.
Thatcher ruinierte das Land, indem sie es deindustrialisierte und ein riesiges Finanzkapitalkasino eröffnete. Gleichzeitig wurden und werden die verarmten Menschen kriminalisiert, so wie bereits zu Charles Dickens Zeiten mit der Speenhamland Gesetzgebung http://de.wikipedia.org/w... .
Den Finanzkapitalisten braucht man auch nicht mit Moral zu kommen, sie haben keine. Man muss ihnen mit dem Gesetz kommen, und zwar knallhart.
Die Briten haben, genau wie alle anderen Europäer, nur eine Chance, ihre Lage zu verbessern, indem sie die Finanzkapitalisten entmachten, und zwar nachhaltig.
Wir reden hier von einer Mittelschicht, die zwischen Prekariat und Superreichen zerrieben wird, da ihre Jobs von Computern und indischen Call-Centern für einen Bruchteil eines menschenwürdigen Gehalts übernommen werden. Und warum? Weil Profit geil ist. Weil den Shareholdern 10% oder 15% oder 20% Rendite nicht mehr genug sind. Weil es 25% sein müssen.
Wir reden hier von geopolitischen Umwälzungen, welche ganze Volkswirtschaften in den Ruin treiben, und Sie kommen mit Skandalen von Provinzfürsten, an die sich schon am nächsten Tag keiner mehr erinnert?
Bah.
Wie die Menschen ideologisch und psychologisch zugerichtet werden, damit sie sich nicht gegen diese Refeudalisierung wehren können, mag man im TSP nachlesen: ... „Man muss nur Menschen auf die niedrigste Stufe ihrer Existenz bringen, indem man auch ihre grundlegendsten Bedürfnisbefriedigungen wie Schlaf, Wärme, Kommunikation, Essen und Trinken, Namen und Identität entzieht und ihnen dann eine ,rettende Hand’ reicht – dann glauben sie alles, was man verlangt“, sagt der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth „Unser scheinbar vernünftiges Ich ist ein wackliges Gebilde, dessen Prinzipien die meisten Menschen aufgeben, wenn ihre unterste biologische und psychische Existenz infrage gestellt wird.“ ... http://www.tagesspiegel.d... .
Bei uns hieß das Programm dazu Hartz IV, welches jetzt auf die europäischen Staaten ausgeweitet werden soll, in denen man die man den sozialen Rechtsstaat noch nicht zugrunde gerichtet hat, wie in Großbritannien unter Thatcher und Schröder in Deutschland.
Es sterben ja auch immer noch Menschen, weil's bitterkalt ist. Und wer sich z.B. Harry Potter genauer ansieht wird auch Parallelen feststellen. Eigentlich ein Armutszeugnis. Aber, wenn wir ständig nur Politiker bekommen, die das einen Dreck interessiert kann ja auch nichts besser werden. Aber nett, dass hier auch mal das offensichtliche nicht länger geleugnet wird. Da ist ja Hopfen und Malz noch nicht verloren. ;)
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