Sie nennen sich Jungdeutscher Orden, Stammtisch der Drei Gleichen oder Bund der Aufrechten und sehen sich als Verteidiger des Deutschtums. Sie beweinen den verlorenen Krieg, sie verachten Demokratie und Parlament, und selbstverständlich hassen sie die neue Republik. Sie wollen "Haß säen, Haß, heiligen, unausrottbaren Haß", Hass gegen die Demokraten, die Intellektuellen, die Pazifisten, die Weltbürger, die Juden, die Sozialdemokraten, die Kommunisten, die Anderen. Skrupel haben sie keine. So heißt es in den Statuten der Terror-Organisation Consul , die auch hinter den Morden an Finanzminister Matthias Erzberger 1921 und Außenminister Walther Rathenau 1922 steht: "Es dürfen nur Männer in die Truppe, die entschlossen sind, keinerlei Hemmung in sich tragen und bedingungslos gehorchen, die brutal genug sind, rücksichtslos durchzugreifen, wo sie eingesetzt sind. [...] Kein Verhandeln, sondern Schießen und rücksichtslos Befehlen."

Durch Hunderte Mordanschläge und weitere Attentate stürzen die rechten Terroristen Deutschland während der ersten Jahre der Weimarer Republik in einen wahren Bürgerkrieg. Zu befürchten haben sie wenig. Selbst wenn sie häufig im Untergrund operieren müssen, werden sie von verlässlichen Komplizen in Armee und Innenministerien mit den nötigen Informationen versorgt. Noch besseren Schutz aber bieten ihnen die Strafverfolgungsbehörden, die bereitwillig Verfahren verschleppen und Verdächtige verschonen, bis sie untergetaucht sind, und lässt sich eine Anklage nicht mehr vermeiden, dann treffen sie auf den verständnisvollen Respekt einer Richterschaft, welche die Täter nur im äußersten Notfall verurteilt. Die nationalkonservative Justiz agiert als treue Gehilfin des Terrors.

Ein durchschnittlicher Mord von rechts kostet vier Monate Haft und zwei Reichsmark Geldstrafe. So errechnet es 1920 mit nüchterner Sachlichkeit der junge Statistiker Emil Julius Gumbel . In akribischer Kleinarbeit hat er Gerichtsakten, Einstellungsbescheide, Zeugenaussagen und Presseberichte zusammengetragen und daraus einen Überblick über die politischen Morde in Deutschland seit der Revolution vom 9. November 1918 aufgestellt: von rechts weit über 300, von links knapp zwei Dutzend. Während selbst geständige Rechtsterroristen gute Chancen auf einen Freispruch haben, erwarten die Täter von links im Normalfall 15 Jahre Freiheitsstrafe oder gleich die Hinrichtung. Anfang 1921 veröffentlicht Gumbel die Ergebnisse seiner Recherche in dem Buch Zwei Jahre Mord, das 1922 erweitert unter dem Titel Vier Jahre politischer Mord erscheint.

Aber wer immer sich davon erschüttern lässt: Die politisch Verantwortlichen sind es nicht. Von diesem Ausmaß an Indolenz ist selbst Gumbel überrascht. Dabei hatte der junge Gelehrte in seinem Leben bereits Gelegenheit genug gehabt, sich von der Randständigkeit seiner Positionen in Deutschland zu überzeugen.

Geboren wird Emil Julius Gumbel am 18. Juli 1891 in München als erstes von drei Kindern; die Familie gehört einer Bankiersdynastie an und ermöglicht ihm eine sorglose Jugend. Liberal und weltoffen ist das Elternhaus; dass die Familie jüdischen Glaubens ist, spielt für den Heranwachsenden keine Rolle. 1910 legt er sein Abitur ab und beginnt in München ein Studium der Mathematik und Nationalökonomie, das ihn unter anderem in Berührung mit dem Mathematiker Alfred Pringsheim bringt (dem Schwiegervater Thomas Manns) und mit Lujo Brentano, einem der führenden Kathedersozialisten der Zeit. Noch im Juli 1914 lehrt Brentano, dass die wirtschaftlichen Verflechtungen der Moderne einen Krieg unmöglich machten. Am 24. Juli wird Gumbel mit Bestnote zum Dr. oec. publ. promoviert. Eine Woche später beginnt der Weltkrieg.