DIE ZEIT: Herr Gössner, sind Sie sicher, dass jetzt niemand mithört?

Rolf Gössner: Sicher bin ich mir da nie. Aber zumindest offiziell ist meine Dauerbeobachtung durch den Verfassungsschutz ja 2008 eingestellt worden – übrigens mit der bemerkenswerten Begründung, dass sich die Bedrohungslage in der Bundesrepublik geändert habe und die knappen Ressourcen nun anderweitig eingesetzt werden müssten. Immerhin: nach fast vier Jahrzehnten.

ZEIT: Sie sind als vermeintlicher Unterstützer linksextremistischer Kreise überwacht worden. Zu Unrecht, urteilte das Kölner Verwaltungsgericht vor genau einem Jahr. Jetzt steht der Inlandsgeheimdienst in der Kritik, weil er Abgeordnete der Linkspartei beobachtet und offenbar nicht bemerkte, dass jahrelang eine Neonazi-Bande mordend durch die Republik zog. Hat Sie das überrascht?

Gössner: Für mich war es schon erschreckend, mit welcher Verbissenheit ein bundesdeutscher Geheimdienst mein Engagement als Anwalt, Journalist und Bürgerrechtler ausgeforscht hat – oder auch Abgeordnete der Linkspartei –, während sich der rechte Terror fast unbehelligt entfalten konnte . Wirklich schockierend.

ZEIT: Wie haben Sie eigentlich gemerkt, dass der Verfassungsschutz Ihre beruflichen und ehrenamtlichen Aktivitäten ausschnüffelte?

Gössner: Ich habe immer wieder Merkwürdigkeiten feststellen müssen. Da gab es geöffnete Briefe, da wurden Nachbarn über meine Besucher ausgefragt. Offiziell erfahren habe ich von meiner geheimdienstlichen Überwachung erst nach 26 Jahren durch eine Anfrage beim Bundesamt für Verfassungsschutz . Das war 1996. Ich hatte Auskunft zu den Daten verlangt, die über mich gespeichert werden. Ich erhielt ein lückenhaftes Personendossier, eigentlich eher ein Sündenregister mit Artikeln, Reden und Interviews, die in »falschen«, weil vermeintlich linksextremen Publikationen veröffentlicht worden waren. Alle zwei Jahre habe ich dann mein neuestes Sündenregister abgefragt.

ZEIT: Als die Überwachung begann, waren Sie 22 und Student. Die Bespitzelung begleitete Sie später während Ihrer Arbeit als Journalist, als Rechtsanwalt und zuletzt sogar als stellvertretender Richter am Bremer Staatsgerichtshof. Wie lebt es sich mit dem Wissen, ein Staatsfeind zu sein?

Gössner: Man kann sich nicht völlig frei machen davon, darf aber nicht der Paranoia verfallen. Ich wollte so normal wie möglich damit umgehen. Manche meiner Kollegen haben das Wissen um ihre Ausspähung oder auch nur die Vermutung nicht verkraftet. Sie haben sich permanent umgeschaut oder das eigene Auto auf Manipulationen untersucht. Einige haben ihren Beruf gewechselt oder zumindest ihren Arbeitsschwerpunkt. Ich denke, ich habe es geschafft, mich nicht einschüchtern zu lassen.

ZEIT: Wie ist Ihnen das gelungen?

Gössner: Mein privates Umfeld hat mir dabei enorm geholfen. Auch habe ich nicht angenommen, pausenlos observiert oder abgehört zu werden. Genau kann ich das nicht nachprüfen. Denn von den über 2.000 Seiten meiner Personenakte, die das Bundesamt vorlegen musste, sind etwa 85 Prozent ganz oder teilweise unleserlich gemacht, manipuliert oder entfernt worden – aus Gründen des »Quellenschutzes« und des »Staatswohls«.

ZEIT: Gab es Selbstzensur?

Gössner: Allein schon zu wissen, du wirst permanent beobachtet, hat sicher auch bei mir solche Mechanismen ausgelöst. Ich habe schon überlegt, ob ich mir diesen oder jenen Kontakt »noch leisten kann« oder ob ich einen Text nicht besser anders formulieren soll. Im Umgang mit Informanten oder Mandanten musste ich den Geheimdienstschatten besonders ernst nehmen, da es hier um Vertrauensverhältnisse geht.