DIE ZEIT: Herr Scully-Power, haben Sie auf Ihrem letzten Flug jemanden kennengelernt?

Will Scully-Power: Nein, das war ein Inlandflug von Byron Bay zurück in meine Heimatstadt Sydney , und ich hatte einen fürchterlichen Kater. Ich war mit einem Freund ein paar Tage unterwegs gewesen, und wir hatten nur gefeiert. Aber ich fliege sehr oft, wie die meisten Australier, und ich habe dabei schon viele tolle Menschen kennengelernt. Sogar meine Freundin Maia.

ZEIT: Seit Januar betreiben Sie die Internetseite www.wemetonaplane.com : eine Plattform, auf der sich Menschen wiederfinden können, die sich im Flugzeug getroffen und danach aus den Augen verloren haben. Wie kamen Sie auf die Idee?

Scully-Power: Einerseits gibt es wenige Orte, an denen man mit Fremden so gut ins Gespräch kommt wie im Flugzeug . Man verhält sich dort anders als am Boden, ist offener. Andererseits habe ich die Erfahrung gemacht, dass man danach häufig auseinandergeht und die komplette Lebensgeschichte des Sitznachbarn kennt, aber ansonsten nur seinen Vornamen. Keinen Nachnamen, keine Telefonnummer, keine E-Mail-Adresse. So kann man jemanden im Internet kaum wiederfinden – obwohl viele Leute das durchaus versuchen: Geben Sie bei Google mal die Worte »We met on a plane« ein. Ich habe es getan und gesehen: Etwa 4.400 Menschen suchen jeden Monat nach diesem Begriff. Das zeigt doch, dass meine Seite eine Marktlücke bedient.

ZEIT: Wie funktioniert Ihre Seite genau?

Scully-Power: Sie füllen ein Formular aus: Flugnummer, Abflughafen, Ziel. Dazu schreiben Sie, wen Sie wiederfinden wollen und warum Sie ihn kontaktieren möchten. Diese Geschichte geht dann bei uns online. Dazu gibt es auch die Möglichkeit, das Inserat zum Beispiel mit Ihrem Facebook-Profil zu verlinken. Dann heißt es abwarten... Oder aber Sie lesen erst mal, was die anderen User so geschrieben haben – vielleicht ist Ihr Sitznachbar ja schon darunter. In diesem Fall melden Sie sich bei uns und erhalten seine Mail-Adresse.

ZEIT: Kommt die Vertrautheit zwischen Menschen im Flugzeug denn nicht gerade dadurch zustande, dass man weiß: Ich sehe den anderen wahrscheinlich nie wieder? Es hat doch seinen Grund, wenn zwei sich gut unterhalten, aber keine Kontaktdaten austauschen...

Scully-Power: Ach, die Situation nach der Landung ist doch sehr hektisch. Alle stehen auf, schnappen ihr Handgepäck, müssen durch den Zoll, die Koffer holen... Dabei kann es schon mal passieren, dass man sich aus den Augen verliert oder einfach vergisst, nach der E-Mail-Adresse zu fragen, obwohl man das eigentlich vorhatte.

Will Scully-Power traf seine Freundin Maia im Flugzeug. © www.wemetonaplane.com

ZEIT: Sie haben sich über den Wolken verliebt. Was macht eine Begegnung da oben so besonders?

Scully-Power: Gerade Leute, die in den Urlaub fliegen, sind in der Regel bester Laune, aufgeregt und abenteuerlustig. Die Höhe trägt ihren Teil bei; und dazu haben die Begegnungen auch noch etwas Schicksalhaftes: Unter all den Flügen, die zwei Menschen buchen konnten, und unter all den Sitzen, die das Computersystem ihnen zuweisen konnte, hat der Zufall diese zwei auf nebeneinanderliegende Plätze verschlagen. Das Irre ist doch: Wenn auch nur ein belegter Sitz zwischen ihnen wäre, kämen sie ziemlich sicher nicht miteinander ins Gespräch.

ZEIT: Wie lief das damals bei Ihnen und Ihrer jetzigen Freundin Maia?

Scully-Power: Das ist eine sehr schöne Geschichte. Ich bin im Juli von Kuala Lumpur nach Sydney geflogen. Maia betrat den Flieger als Allerletzte. Sie hatte noch mit dem Personal diskutiert, weil sie eigentlich nach Auckland auf Neuseeland wollte und nicht wusste, dass ihre Route via Sydney verlief. Sie vermutete einen Computerfehler. Ich dachte gleich, dass sie nett aussieht, als sie den Gang herunterkam. Dann steuerte sie tatsächlich den freien Platz neben mir an. Weil ich ein Buch über Google las, hielt sie mich für einen Computer-Nerd und fragte, ob ich Informatiker sei. Ich sagte Ja, und sie gestand mir, nicht mal einen Facebook-Account zu besitzen, geschweige denn ein Smartphone .

ZEIT: Aber Ihre E-Mail-Adressen haben Sie getauscht?

Scully-Power: Ja, Gott sei Dank!

ZEIT: Auf Ihrer Seite stehen derzeit rund 100 Einträge. Gibt’s schon Erfolgsgeschichten?

Scully-Power: Ganz ehrlich?

ZEIT: Bitte.

Scully-Power: Nein. Aber die Seite wurde in den ersten 30 Tagen 20.000-mal aufgerufen, das ist beachtlich. Und 30 Prozent der User bleiben länger als zehn Minuten – das heißt, sie lesen die Anzeigen genau. Ich denke, es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich die ersten finden. Mein Lieblingseintrag ist übrigens ganz kurz. Die Begegnung fand am 31. Dezember 2011 statt, auf einem Flug mit der Nummer 4261 von Paris nach Berlin . Die Suchanzeige ist ein einziger Satz: »Du hast mir vorgesungen.« Ich bin sehr gespannt, ob die Geschichte weitergeht.