La PalmaDer weiße Karneval

Feine Herrschaften rauchen Havannas, falsche Dienstmädchen schwingen die Hüften: Am Tag der Indianos spielt die Kanareninsel La Palma Karibik. von Hans W. Korfmann

Auf der kanarischen Insel La Palma wird der Straßenkarneval Los Indianos gefeiert.

Auf der kanarischen Insel La Palma wird der Straßenkarneval Los Indianos gefeiert.  |  © Desiree Martin/AFP/Getty Images

Es war ruhig geworden auf der grünen Insel, es kamen keine großen Schiffe mehr, um Fässer mit Trinkwasser zu füllen, bevor sie über den Atlantik in die Neue Welt segelten. Man lud keinen Wein mehr, um ganz Europa damit zu versorgen, auch das Geschäft mit dem Zuckerrohr, den Bananen und dem karminroten Farbstoff der Koschenille-Laus lief schlecht. 10.000 Menschen, ein Drittel der Bewohner La Palmas, waren über Generationen nach Kuba, Venezuela und Brasilien ausgewandert. Nun schrieb man das Jahr 1970. Und Victor Díaz Molina, der zu Hause geblieben war, langweilte sich. Er traf sich mit seinen Freunden am Hafen von Santa Cruz, und weil Karneval war, kamen Yolanda Cabrera und ihr Bruder auf die Idee, sich zu verkleiden. Mit einem hölzernen Reisekoffer liefen sie durch die Straßen, so wie einst die Indianos: jene Auswanderer, die in Südamerika tatsächlich ihr Glück gemacht hatten und nach Jahrzehnten in edlen weißen Klamotten, mit Koffern voller Geld und dunkelhäutigen Hausmädchen nach La Palma zurückgekehrt waren.

Außerdem beschlossen Victor und seine Freunde, jeden, dem sie begegneten, mit Talkpuder zu bewerfen. Das war schon einmal Sitte gewesen auf der Insel, bis die Kirche dem heidnischen Pulverfest ein Ende setzte. »Wir waren vielleicht zehn, hatten fünf Dosen mit Talk dabei und liefen vom Hafen zur Plaza de España. Es war sehr lustig.« Deshalb verkleideten Victor und seine Freunde sich auch im nächsten Jahr wieder und im übernächsten. Einmal fummelten sie sich in die ausgedienten Uniformen der Iberia-Airlines und zogen zur Startbahn, die man zwischen den Friedhof und eine tiefe Schlucht an den steilen Hang gequetscht hatte. Der Kapitän der Maschine zögerte nicht, die verführerischen Stewardessen an Bord zu lassen, und wenig später balancierte Victor ein Tablett mit Whisky und Wein durch die Reihen der Passagiere.

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»Wir hatten nicht viel, Anfang der Siebziger, aber wir hatten Spaß«, sagt Victor Díaz Molina, der im Garten vor seinem kleinen Haus sitzt und zu dem großen, hölzernen Vogelkäfig schaut, in dem vor Kurzem noch Kanarienvögel zwitscherten. Eines Nachts schlich ein Raubtier herbei und nahm sie mit. Auch mit der Musik des Karnevals war es irgendwann vorbei; denn Franco behagte das bunte Treiben nicht. Victor und seine Freunde feierten heimlich weiter, in Kneipen und in entlegenen Gassen, und wenn die Polizei auftauchte, verschwanden alle spurlos in irgendwelchen Hauseingängen. Damals wurde es noch ein bisschen stiller auf der Insel La Palma.

Karte La Palma
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Heute ist es wieder laut. Es sind auch keine zehn Palmeros mehr, die zum Karneval durch die Straßen ziehen, es sind Tausende. Im Kraterrund des alten, zur Hälfte ins Meer gestürzten Vulkans mit dem Hafen von Santa Cruz drehen sich Karussells und ein neongrün beleuchtetes Riesenrad, auf der pinkfarbenen Achterbahn kreischen Kinder vor Vergnügen, vor den Schießständen stehen Frauen, die keine Frauen sind. Eingehakt wie alte Freundinnen, ziehen die Freizeittransvestiten paarweise durch die Straßen, auffällig gekleidete Gestalten mit zu kräftigen Schenkeln und zu kurzen Kleidern. Auch die 20 Trommler aus Dresden sind in diesem Jahr wieder dabei, umringt von einer tanzenden Menge. Sie sind die einzigen deutschen Karnevalisten auf La Palma. »Wir wollen Party«, sagt Krischan, der Vortrommler, und um diese Zeit ist Santa Cruz eine einzige Party. Während in Köln die Rosenmontagszüge mit drögem Rumtärätätää durch die Straßen ziehen, tanzt man hier zu kubanischen Rhythmen. Alles ist südamerikanisch, nur der Federschmuck fehlt – und weniger bunt ist es als in Rio. Vor allem am »Tag der Indianos«, dem alle Palmeros entgegenfiebern, trägt man ausschließlich Weiß – jenes strahlende Weiß, in das sich die erfolgreichen Heimkehrer kleideten, wenn ihre Schiffe nach Jahren endlich wieder im Hafen von Santa Cruz einliefen.

Die Damen halten goldene Papageienkäfige in den Händen

Heute kommen die Schiffe nicht aus Übersee, sondern von den nahen Inseln und vom Festland. Doch wie damals stehen am Tag der Indianos an der Reling feine Herrschaften in weißen Anzügen, die Havanna im Mundwinkel und den Überseekoffer neben sich. Damen in weißen Kleidern halten spitzenverzierte Sonnenschirme und goldene Papageienkäfige in den Händen. Auch ein paar kaffeebraune Hausmädchen mit Spitzenhäubchen, Staubwedeln, gigantischen Hüften und gewaltigen Busen sind an Bord – einst Zierde jedes vornehmen Haushalts.

Nicht nur mit Schiffen und Flugzeugen kommen die Menschen, auch die Busgesellschaft schickt ihre Fahrer im 15-Minuten-Takt in die Hauptstadt. Die überfüllten Fahrzeuge schlängeln sich durch die Kraterlandschaft, rollen aus dem wüsten Süden mit den schwarzen Dünen an, dem Westen mit den tropischen Gärten und Bananenplantagen, dem bewaldeten Norden mit seinen Pilzen; und überall am Straßenrand lesen sie kleine Gruppen auf, die sich als Heimkehrer kostümiert haben: Männer mit Panamahüten und Zigarrenkästchen, Frauen mit weißen Netzhandschuhen und weißen Stoffblumen an weißen Hüten. Nur das Gegacker zusammengebundener Hühner fehlt, sonst könnten die riesigen Kakteen, die an den Busscheiben vorbeiziehen, auch in Südamerika stehen.

Der weiße Puder regnet wie Asche in der Stadt

Am Tag der Indianos sind alle Schaufenster der Stadt weiß dekoriert. Geschäfte bieten weiße Hüte, Hemden, Hosen, Jacken, Schirme an. Selbst im Tabakladen stehen plötzlich Kleiderständer, drehen sich Mädchen im neuen Outfit vor Spiegeln und posieren dann auf der Straße vor jeder Kamera. Männer lehnen lässig in weißen Anzügen vor den Bars und lassen aus Havannas kleine Wölkchen in Richtung Sonne aufsteigen. Am Tag der Indianos wird der Krater zum Amphitheater, und jeder ist ein Star; jeder weiß, was gespielt wird.

Auf der Straße verkaufen echte Südamerikaner in bunten Ponchos Dosen mit Puder; die Besitzer der kleinen Geschäfte in der Calle O’Daly kalfatern vorsorglich Türen und Fenster mit Klebeband. Sie wissen, dass der Sturm nicht ausbleiben wird, dass am Nachmittag dichte Wolken weißen Puders wie ein Ascheregen über dem Städtchen niedergehen werden, dass die Häuser erblassen werden – all diese bunten Häuser mit ihren blau, gelb, rot lackierten Türen und Fensterläden, deren kräftige Farben noch aus Tagen stammen, als den Bauern jeder Farbtopf recht war, den sie geschäftstüchtigen Matrosen im Hafen abkaufen konnten.

Leserkommentare
    • Amantom
    • 16. Februar 2012 13:14 Uhr

    Super Bericht mit tollen Fotos, macht richtig Lust und Laune, dabei zu sein.
    Habe soeben den Artikel gelesen und beschlossen, im nächsten Jahr mit meiner Palmabine dieses Fest zu genießen. Vielen Dank für die Reportage.

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