Zeruya ShalevKontrollierter Vulkanausbruch

Die israelische Erfolgsautorin Zeruya Shalev schafft in ihrem neuen Roman zu viel Ordnung im Familienchaos. von Ursula März

Das Faszinierende an den Romanen Zeruya Shalevs ist ihre Überhitzung, ihre vulkanische Erzählsituation: Eine private, keineswegs unübliche Geschichte – eine leidenschaftliche Affäre beispielsweise oder eine sich anbahnende Ehescheidung – wird von innen mit einem derart hohen psychischen Druck aufgeladen, dass sie gleichsam explodiert und sich in einer ungezügelten Textlavalawine über viele Buchseiten ergießt. So war es in Liebesleben , dem Roman aus dem Jahr 2000, der Shalev schlagartig zur internationalen Bestsellerautorin machte, in Mann und Frau, 2001, und in Späte Familie , dem dritten, 2005 erschienenen Roman dieser Trilogie, die nur ein Thema hat: Liebe und Familie, das Liebenkönnen und das Familieseinkönnen in der Gegenwart.

Darüber schreiben viele. Aber die Fähigkeit, noch die kleinste Alltagssituation auf die Erlebnishöhe einer alttestamentarischen Tragödie zu heben, sie mit dem Wortreichtum einer epischen Rhapsodie auszustatten, besitzt die israelische, 1959 geborene Schriftstellerin und Bibelwissenschaftlerin Zeruya Shalev auf ziemlich einzigartige Weise. Eine Frau bereitet in der Küche das Abendessen. Im Nebenzimmer hört ein Kind Musik. Im Türschloss dreht sich der Wohnungsschlüssel. Der Ehemann begrüßt die Frau mit einem Kuss auf die Wange – oder auch nicht. Viel mehr muss bei Shalev für den Urknall archaischer Emotionen, für das ganze Seelendurcheinander aus Zorn und Abhängigkeit, Sehnsucht und Verachtung, Todesfurcht und Liebeshunger nicht geschehen.

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Gerade darin, in dieser Disproportionalität, in diesem Emotionschaos, erkannten Leser, vor allem Leserinnen sich wieder. Wir lieben nicht ruhig und selbstverständlich. Wir erleben die Liebe als Ungewissheit, als Risiko und existenziellen Rumor. Es dürfte kein Zufall sein, dass die literarische Liebesforscherin Zeruya Shalev und die soziologische Liebesforscherin Eva Illouz , deren stupende Studie Warum Liebe weh tut im vergangenen Herbst auf Deutsch erschien, beide aus Israel stammen, dem geografisch kleinen Land, das sich Jahr um Jahr in der Lage eines Hochdruckkessels befindet. Für ihren diagnostischen Instinkt und ihre Poetik der Erregung waren den Romanen Zeruya Shalevs kleine Anleihen beim Pathos und beim Neurosenkitsch leicht zu verzeihen.

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Das ist in ihrem neuen Roman Für den Rest des Lebens etwas anders. Denn die Autorin geht hier einen heiklen Pakt ein: mit der Systematik. Ein Ordnungsprinzip des Romans ist die spiegelbildliche Verdopplung von Figuren und Motiven. Überdeutlich zeigt sich dies bei den erwachsenen Geschwistern Avner und Dina. Der Rechtsanwalt Avner wurde von der Mutter verhätschelt und verherrlicht, seine Schwester, die Historikerin Dina, von der Mutter ignoriert, dafür vom Vater bevorzugt. Mathematisch eindeutige Ödipalverhältnisse also. Auf der Gegenwartsebene erzählt der Roman, dessen Stoff insgesamt vier Generationen umfasst, nun vom Leiden der Geschwister an einer seelischen Leerstelle, von ihrer Sehnsucht und ihrer rabiaten Suche nach einem menschlichen Wesen, welches das Vakuum zu füllen verspricht. Avner jagt dem Phantom einer unbekannten Frau in einer roten Bluse hinterher, die er in einem Krankenhaus für einen Moment sah.

Dina wiederum, zu alt, um noch ein eigenes Kind zu bekommen, ist besessen von der Idee, ein Kind zu adoptieren. Es ist ihr Phantommensch. Wie Avner setzt Dina für ihre Obsession alles aufs Spiel. Sie riskiert das Verhältnis zu ihrem Ehemann und zur sechzehnjährigen Tochter, die den Adoptionsplan für ausgemachten Schwachsinn halten. Beide Geschwister ziehen schließlich in die Wohnung der pflegebedürftigen, bettlägerigen Mutter Chemda Horovitz zurück. Ihre Lebenskrise treibt sie an den Ort, an dem ihr Unglück begann: in die Räume der Kindheit. Dort entstand, nach der Logik jedes familientherapeutischen Lehrbuchs, die Lücke.

Leserkommentare
    • Urrmann
    • 15. Februar 2012 19:46 Uhr

    Ne, ich hätte gerne ein Lehrbuch von einer sächsischen Wirtin gelesen. Die verstehen Haushalt zu führen und Kinder zu erziehen. Und gewiß, bayerische Hausfrauen. Und noch die aus Thüringen.

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  • Schlagworte Zeruya Shalev | Geschwister | Kibbuz | Logik | Roman | Urknall
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