Die Krone der Schöpfung ist eine Kokosnuss. Sie wächst im Himmel. Sie ist reiner als alle anderen Früchte. Sie ähnelt dem menschlichen Kopf. Der Mensch aber ist ein Abbild Gottes. Die Kokosnuss demgemäß: das pflanzliche Abbild des Herrn. Ihr Fruchtfleisch ist schmackhaft und gesund. Aus ihren Fasern lassen sich Matten herstellen und Dächer. Aus dem Stamm der Palme ganze Häuser. Aus dem Kern der Nuss kann ein Öl gewonnen werden, das die Haut salbt. Aus der Schale der Kokosnuss lassen sich Krüge herstellen. Wer die Schale verbrennt, vertreibt mithilfe ihres wunderbaren Rauches Mücken und anderes Ungeziefer.

Die Kokosnuss ist vollkommen. Dessen ist sich der junge Nürnberger Apotheker August Engelhardt aufgrund ihrer Eigenschaften gewiss. Der lebensreformatorisch beseelte Nudist wird zum Begründer des Kokovorismus, einer Religionsgemeinschaft, die das Sonnenlicht, vor allem aber die Kokosnuss in das Zentrum ihrer Lehre rückt. Er reist im Jahr 1902 im Alter von 26 Jahren in den Pazifik, zur Kolonie Neupommern des Wilhelminischen Reiches, um dort das »fruktivorische Weltreich« zu begründen, an dem die Zivilisation gesunden soll.

Ein Projekt, das, wie man heute weiß, nicht ganz wunschgemäß verlief: Engelhardt und seine wenigen nachgereisten Jünger, die sich fast ausschließlich von Kokosnüssen ernährten, litten bald schon unter heftiger Mangelernährung und verwirrter Gereiztheit. Ungeklärte Todesfälle auf der von den Sonnenanbetern kolonialisierten Insel Kabakon legen überhaupt die Vermutung nahe, dass man sich nicht sonderlich gut verstand. Der Orden löste sich bald auf, sein Anführer starb vereinsamt im Jahr 1919, als die Kolonie schon keine deutsche mehr war.

Engelhardt, dessen Weltverbesserungsexperiment in diesem Roman nacherzählt wird, ist keine Erfindung Krachts, sondern eine historisch einigermaßen überlieferte Figur, deren sich bereits der ZDF-Fernsehhistoriker Guido Knopp und vor einem Jahr auch der Schriftsteller Marc Buhl angenommen haben. Ihr wird sich auch in diesem Roman vordergründig mit dem allergrößten Ernst genähert – und zwar in dem aufreizend ausgeruhten Duktus eines Fontane oder Keyserling. Die freakhafte Hauptfigur hat ein Gegengewicht in der Form, Kracht imitiert mit größter Lust und Präzision den allwissenden Erzähler des 19. Jahrhunderts, der sich der Parteinahme vornehm enthält, mit heiterer Souveränität Rückblenden einbaut oder einem zukünftigen Ereignis vorgreift, das Geschehen ab und an kommentiert und den Leser mit größter Selbstgefälligkeit am Interieur der Räume wie am Naturschauspiel der Ferne in verschachtelten Endlossätzen teilhaben lässt. Es sticht selbst eine Stechmücke hier derart kunstvoll in die Kolonialherren, die die »Süßkartoffeln und die Hühnerbrust lustlos mit der Gabel auf dem Porzellanteller hin und her« schieben unter der unheilvollen Sonne des Südens, dass man zunächst versucht ist, einmal mehr den Ästhetizismus Oscar Wildes oder Joris-Karl Huysmans’ als Vorbild für Krachts prachtvolle Kunst der Künstlichkeit zu bemühen.

Roman von Christian Kracht - Radischs Lesetipp: "Imperium" Ein kokettes Spiel mit den Auswüchsen von Weltanschauungen: Christian Kracht erzählt in seinem Buch von einem Lebensreformer, der aus dem wilhelminischen Deutschland auf eine Insel flieht um Kokosnüsse anzubauen.

Mit weißen Tropenanzügen und Zwickern nähert sich zu Beginn der Handlung die Reisegesellschaft, bestehend aus alkoholisierten Pflanzern und dem langhaarigen, dürren Sonderling Engelhardt, auf einem Luxusdampfer den unprofitablen Südseekolonien des Wilhelminischen Imperiums, von denen niemand recht sagen kann, welchen Nutzen man eigentlich von ihnen hat, außer dem, dass sie, den kannibalistischen Neigungen der Ureinwohner zum Trotz, sehr schön anzusehen sind. Engelhardt kauft der windigen Geschäftsfrau Emma Forsayth – die übrigens zu den geschäftstüchtigsten Frauen der Geschichte überhaupt zählt – die kleine Insel in der Nähe des Kolonialstädtchens Herbertshöhe ab, arrangiert sich mit den Wilden, denen er den Fleischkonsum verbietet, baut sich ein Haus und stellt sich eine große Anzahl an Büchern in die Regale – das einzige Laster der Alten Welt, dem er nicht abzuschwören vermag.

Wie denn überhaupt viel Literatur in dieser Literatur eingebaut ist. In diese wunderbar kaputte Südseefantasie ist, um es mit Goethe zu sagen, »viel hineingelegt, manches hinein versteckt« worden. Der Oberseminarist wird dereinst mit nickender Genugtuung unter anderem Thomas Mann , Franz Kafka , Hermann Hesse in Krachts Imperium einmontiert finden, des Weiteren die deutsche Idyllenliteratur des 18. Jahrhunderts, den Abenteuerroman, den historischen Roman, Joseph Conrad , den Pantheismus, die romantische Jugendbewegung und den Idealismus des deutschen Aussteigers, der sich die Welt ganz nach Maßgabe seines Willens und seiner Vorstellung zusammenzuzimmern sucht. Dieser Roman ist bewusst überfrachtet mit europäischer Geistesgeschichte. Auch wenn man sie ahnungslos überliest, wird man immer noch ein heikles Vergnügen haben am Untergang des Helden, der sich zusehends vom Veganer zum Kannibalen, vom Menschenfreund zum Antisemiten, vom Herrn der Insel zu ihrem Opfer wandelt. Und vom gesunden Wandervogel zum Krüppel, der mit vereiterten, nässenden Waden um die Insel irrt. Kontrastiert wird der Niedergang des Helden mit dem dekadent-morbiden Leben in Herbertshöhe, in der die Langeweile mit Suff und Frivolitäten eher gesteigert denn gelindert wird. Die bessere Gesellschaft schwitzt, es verrutschen das Kleid und das Monokel, und am Ende setzt der Erste Weltkrieg dem feuchten Südseeabenteuer der Deutschen ein Ende.

Man muss es an dieser Stelle vielleicht knapp und deutlich sagen: Christian Kracht hat mit Imperium seinen bisher besten, seinen ausgereiftesten Roman vorgelegt. Und sich nebenbei als Autor neu erfunden: Der rollenprosahafte Ich-Erzähler mit begrenztem Ausblick und dümmlichem Horizont, der in Faserland verzweifelt durch die Partyszene, in 1979 durch den Iran und China , in Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten auch durch eine fiktive kommunistische Schweiz wanderte, ist einem auktorialen gewichen, der seine Spielfiguren souverän über das Schachbrett zieht. Der existenzielle Schmerz und Hass sind gut gelaunter Erzähllust gewichen. Nicht mehr der Ich-Erzähler spricht, ließe sich auch sagen, vielmehr hat Kracht diesen mit seiner Figur Engelhardt zum Objekt seines Romanes gemacht. Und den Gott, das einstige Objekt, das sein Ich-Erzähler immer so vergeblich suchte, zum Erzähler.

Nur einmal spricht dieser in der ersten Person und erinnert an das Mitläufertum seiner Familie im »Dritten Reich«, ein später Verweis auf den Anfang des Romans, an dem ganz beiläufig eine waghalsige Parallele gezogen wird. Engelhardt, heißt es, habe einen finsteren Bruder im Geiste. Dieser sei wie er Romantiker und Vegetarier, ein verhinderter Künstler, »der besser bei seiner Staffelei geblieben wäre«. Beide, so dürfen wir ergänzen, Hitler wie Engelhardt, modellierten sich die Welt nach Maßgabe eines zivilisationskritischen Reinheitsdiktats. Die Parallele, belehrt uns der Erzähler, sei durchaus beabsichtigt und »auch kohärent«. Gewiss, zwischen dem fanatischen Glauben an eine Südseefrucht und dem nicht weniger obskuren Glauben an eine ideale Rasse liegen nur wenige Jahre. Die Entgleisung Engelhardts ist nur das heitere Vorspiel für das darauffolgende nationalsozialistische Grauen und dieser Roman weitaus mehr als ein zweckfreies Spiel aus geistreichen literarischen Referenzen und Stiladaptionen. Vielmehr: eine Reflexion über den historisch so unfassbar banalen Zufall, der darüber entscheidet, ob jemand zum verwirrten Selbstmörder oder aber zum Mörder von Völkern wird. Und darüber, dass keine Literatur, kein Satz frei von Unschuld ist, weil er den Keim zu einer Glaubensgewissheit in sich birgt.

In einem seiner ersten Interviews überhaupt, im Sommer 1995, er hatte gerade Faserland publiziert, wurde Christian Kracht gefragt, was er als Nächstes vorhabe. Der Schriftsteller antwortete damals, er werde sich der deutschen Kolonien literarisch annehmen. 17 Jahre später ist ihm das meisterhaft geglückt.