SachbuchDer Finger, der auf andere zeigt

Klaus-Michael Bogdal erklärt, wie mit Hilfe der "Zigeuner" eine westliche Überlegenheit definiert wird. von Rolf-Bernhard Essig

Kaum spricht man in Europa das Wort »Zigeuner« aus, schon ruft es eine Serie von Klischees wach. Diese Klischees sind zumeist diffamierend und entmenschlichend, zumindest zielen sie auf die Enteuropäisierung einer Minderheit, die seit über 600 Jahren zu Europas Geschichte gehört. Viele der Vorurteile – die »Zigeuner« seien schmutzig, stählen, trieben Inzest – entwickelt man bereits im 15. Jahrhundert, als die aus Indien stammenden Roma in einer Art späten Völkerwanderung im Abendland erscheinen. Das belegt nun Klaus-Michael Bogdal, Professor für deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Bielefeld , in seinem Buch Europa erfindet die Zigeuner.

Zuerst sah man in den Fremden noch Pilger aus Ägypten , gewährte ihnen Lagerplätze und Verpflegung. Bald behauptete man allerdings, die »Zigeuner« seien zu ewiger Wanderschaft verflucht, weil sie der Heiligen Familie auf der Flucht nach Ägypten die Unterkunft verweigert oder die Kreuzigungsnägel Christi geschmiedet hätten. Dazu warf man ihnen Betrug vor, Faulheit, Wahrsagerei, Spionage für die Osmanen, Diebstahl, Inzest, Schmutzigkeit und vertrieb sie immer wieder. Schlimmer noch, man sprach ihnen ab, ein echtes Volk zu sein. Es handele sich bei ihnen bloß um »zûsamen geloffene Bößwichte / Dieb und Räuber ... unnütz Volck«, wie die »Basler Chronik« für das Jahr 1422 schreibt.

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Es beginnt damals, wie Bogdal herausarbeitet, eine verhängnisvolle Geschichte der Zuschreibungen, eben die »Erfindung der Zigeuner«. Sie »kamen wie gerufen«, so die These, um an ihnen als Negativbeispiel zu definieren, was christlich, zivilisiert und europäisch sei. Für den Autor ist damit klar, dass die »Erfindung der Zigeuner« direkt mit uns und »den Nachtseiten europäischer Entwicklung zur Moderne« verknüpft ist.

In ihrer Allgemeinheit ist die These überzogen, schließlich benötigte Europa zu seiner Definition die randständig lebende, oft hochmütig übersehene Minderheit der »Zigeuner« nicht, die eine Minderheit unter vielen war. En detail und in der Masse der Belege erweist sich Bogdals These aber als fruchtbar, um die Misshandlung dieser Minderheit zu verstehen.

© Suhrkamp

Schon das Wort »Zigeuner«, dessen Herkunft im Dunkel liegt, ist keine Selbstbezeichnung, das gilt auch für die Wörter Gitanos, Bohèmiens, Tataren, Gypsies. Bogdal zeigt, wie diese Benennungen jahrhundertealte Vorurteile heraufbeschwören. Er legt keine Kulturgeschichte der Roma vor, auch wenn man viel über sie erfährt. Bogdal führt aus, wie und warum über ein Volk europaweit Pseudowissen ausgeprägt, tradiert und erweitert wird, das fast keine Objektivität kennt, kaum auf Erfahrung oder Beobachtung fußt und selbst im Fall unwahrscheinlichster Lügen und Gerüchte positive Aufnahme findet.

In drei großen chronologischen Abteilungen präsentiert Bogdal sein umfangreiches Material, zitiert amtliche Quellen, noch mehr aber Literatur, die äußerst erfolgreich für die Verbreitung der Klischees sorgt. Die schöne Zigeunerin gehört – lange vor Carmen – dazu. Das Schicksal der Figur Carmen ist typisch. Nachdem sie für genügend erotische, triebhafte, musikalische Zigeunerromantik gesorgt hat, muss sie sterben und mit ihresgleichen in eine für Europäer ungefährliche Sphäre des Ekels abgeschoben werden: »Sehr jung mögen sie [die spanischen Zigeunerinnen] für angenehm hässlich gelten, sind sie aber erst einmal Mütter, werden sie widerlich... wer die Haare einer Zigeunermatrone nicht gesehen hat, kann sich unmöglich einen Begriff davon machen, selbst wenn er sich die gröbsten, fettigsten und staubigsten Pferdehaare vorstellt.«

Das Zitat ist keineswegs das schlimmste in der europäischen Literatur- und Geistesgeschichte. Johann Heinrich Pestalozzi, Walter Scott, Achim von Arnim, Victor Hugo, August Strindberg , Egon Erwin Kisch kennen, wie Bogdal belegt, beim Auftischen faszinierter oder angewiderter Stilisierungen oft keine Scham. Peinlich wirkt da im 19. Jahrhundert die spielerisch-provokative Identifikation junger Künstler mit den Zigeunern, indem sie sich »Bohème« nennen, zumal sie den Roma weder respektvoller noch überhaupt je begegnen wollen. Diese Literaten beuten etwa lieber das alte Gräuelmärchen von Kinder raubenden Zigeunern aus, als sich dem tatsächlichen, staatlich sanktionierten Kinderraub aus den Romafamilien zu stellen.

Leserkommentare
    • ikonist
    • 13. Februar 2012 10:17 Uhr

    Bundesgerichtshof sich 1956 noch im Mittelalter befand , dann ist er heute wahrschlich schon im Spätmittelalter angekommen

  1. Europa mußte die "Zigeuner" ganz sicher nicht erfinden, um seine christliche Identität zu stützen. Das ist albern.

    Das Problem ist, daß sehr große Teile dieser Migrantengruppe in all den Jahrhunderten keinen Weg in die europäischen Lebensformen gefunden hat. Das Beibehalten archaischer Lebensformen aber sorgt natürlich für Reibereien mit den Einheimischen. Das gilt für traditionelle Muslime ja ganz genau so.

    Man kann am Beispiel integrierter "Zigeuner" (in meinem Bekanntenkreis gibt es zum Beispiel einen niedergelassenen Arzt, der allerseits Anerkennung genießt wie jeder andere Arzt auch - niemand käme auf die Idee, ihn als "Zigeuner" zu diffamieren.) sehr gut erkennen, wo das wahre Problem zu verorten ist: im Verhalten der "Anpassungsresistenten". Und das gilt selbstverständlich für alle Migranten.

  2. "Für den Autor ist damit klar, dass die »Erfindung der Zigeuner« direkt mit uns und »den Nachtseiten europäischer Entwicklung zur Moderne« verknüpft ist.
    In ihrer Allgemeinheit ist die These überzogen,...."

    Gerade diese These ( verknüpft ! ) finde ich interessant und überhaupt nicht überzogen.
    Erfindungen haben immer Vorgeschichten, sind eher Weiterentwicklungen statt Neuschöpfungen aus dem Nichts.
    Auch der Untertitel : Verachtung und Faszination wirft einen Blick auf die psychologischen Grundlagen der Unterdrückung unerlaubter Wünsche ( wildes Leben ohne Steuerzahlung ).
    Das alle Menschen projizieren, ist keine neue Erkenntnis mehr.
    Auch "der moderne, individualistische, westliche Mensch" ist also eine Erfindung der Nachbarn, Einwanderer, Freunde und Feinde. Und dann erfindet sich auch noch jede Gruppe selber und bastelt an ihrer Erfindung herum, um sie zu optimieren. Wir ändern uns und lernen neue Berufe, lernen Gleichberechtigung statt Patriarchat, wie wir mal Patriarchat statt Matriarchat lernten. Der Kupferkessel ist durch den elektrischen Wasserkocher ersetzt worden. Der Lagerarbeiter muss mit dem Computer umgehen können, um einen Job zu finden.
    Der Anpassungs- und Lernfähige überlebt und ist als arbeitender ( und steuerzahlender) Mensch ein mühelos zu respektierender Mitmensch, der gibt und nimmt.
    Investieren wir also in Bildung und Ausbildung der Kinder und in ein Lernen, dass zu angstfreier Kreativität anregt und Empathie fördert.

  3. Polen, Poznań, Juni 2011
    Meine Mutter lag sehr krank, und kurz vor einer überlebenswichtigen Operation, im Krankenhaus. Ein Zimmer weiter: ein Roma (König, wurde ich später aufgeklärt).
    Im Flur vor den Krankenzimmern und im Treppenhaus verteilt – eine ca. 200 köpfige Roma-Familie des Königs. Es war ziemlich laut.
    Meine Mutter hatte Kopfschmerzen, weil sie sich gar nicht in Stille, und in Angst um ihr Leben, ausruhen konnte.
    Ich sprach mehrere male mit dem Krankenhauspersonal. Es gibt das Recht des Patienten auf Besuch, deswegen war das Krankenhaus nicht befugt irgendwas zu unternehmen. Ich fragte dann nur noch warum das Recht des einen Patienten über das Recht des anderen Patienten gestellt wird... Schweigen. Verständlich. Im ganzen Krankenhaus lagen die Nerven blank.
    Was ich nicht wusste: Der König sollte seinen Nachfolger ernennen, seine Entscheidung stand noch aus. Aha. Es ging also nicht um die Gesundheit des Familienmitglieds sondern um die Festigung der Machtstrukturen innerhalb der Gemeinschaft.
    Als der König dann gestorben war, blieb dem Krankenhaus Direktor nichts anders übrig als die "straż miejska", also die städtische Polizei, zu holen, die dann an fast jeder Ecke Wache gestanden haben musste, da die Roma bereits in die Räumen der Intensivstation standen.

    Bei dem ganzen Chaos waren auch sehr viele Kinder anwesend. Ich dachte, wenn sie nur diese Art Dynamik mitbekommen, wird diese Teufelskreis nie aufhören.

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    "Bei dem ganzen Chaos waren auch sehr viele Kinder anwesend. Ich dachte, wenn sie nur diese Art Dynamik mitbekommen, wird diese Teufelskreis nie aufhören."

    Auch Erwachsene sind fähig, weiterzulernen und sich zu ändern. Sonst würde jedes Kind von einem Alkoholiker wieder Alkoholiker wrden, jedes geschlagene Kind wieder seine eigenen Kinder schlagen.
    Ganz so hoffnungslos ist die Lage nicht. Menschen sind ihr ganzes Leben lang lernfähig, sind fähig, für ihr Leben Verantwortung zu übernehmen und fortzuschreiten.

    Was Sie oben schildern bei den lauten Besuchern im Krankenhaus ist ein Mangel an Empathie und ein Mangel an Bereitschaft zur Rücksichtnahme. Das ist lernbar, die Anlage dazu ist in allen Menschen vorhanden. Und Erwachsene sind sich selber Lehrer, wenn sie denn wollen.

  4. "Bei dem ganzen Chaos waren auch sehr viele Kinder anwesend. Ich dachte, wenn sie nur diese Art Dynamik mitbekommen, wird diese Teufelskreis nie aufhören."

    Auch Erwachsene sind fähig, weiterzulernen und sich zu ändern. Sonst würde jedes Kind von einem Alkoholiker wieder Alkoholiker wrden, jedes geschlagene Kind wieder seine eigenen Kinder schlagen.
    Ganz so hoffnungslos ist die Lage nicht. Menschen sind ihr ganzes Leben lang lernfähig, sind fähig, für ihr Leben Verantwortung zu übernehmen und fortzuschreiten.

    Was Sie oben schildern bei den lauten Besuchern im Krankenhaus ist ein Mangel an Empathie und ein Mangel an Bereitschaft zur Rücksichtnahme. Das ist lernbar, die Anlage dazu ist in allen Menschen vorhanden. Und Erwachsene sind sich selber Lehrer, wenn sie denn wollen.

    Antwort auf "ja, die Kinder"

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