Kaum spricht man in Europa das Wort »Zigeuner« aus, schon ruft es eine Serie von Klischees wach. Diese Klischees sind zumeist diffamierend und entmenschlichend, zumindest zielen sie auf die Enteuropäisierung einer Minderheit, die seit über 600 Jahren zu Europas Geschichte gehört. Viele der Vorurteile – die »Zigeuner« seien schmutzig, stählen, trieben Inzest – entwickelt man bereits im 15. Jahrhundert, als die aus Indien stammenden Roma in einer Art späten Völkerwanderung im Abendland erscheinen. Das belegt nun Klaus-Michael Bogdal, Professor für deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Bielefeld , in seinem Buch Europa erfindet die Zigeuner.

Zuerst sah man in den Fremden noch Pilger aus Ägypten , gewährte ihnen Lagerplätze und Verpflegung. Bald behauptete man allerdings, die »Zigeuner« seien zu ewiger Wanderschaft verflucht, weil sie der Heiligen Familie auf der Flucht nach Ägypten die Unterkunft verweigert oder die Kreuzigungsnägel Christi geschmiedet hätten. Dazu warf man ihnen Betrug vor, Faulheit, Wahrsagerei, Spionage für die Osmanen, Diebstahl, Inzest, Schmutzigkeit und vertrieb sie immer wieder. Schlimmer noch, man sprach ihnen ab, ein echtes Volk zu sein. Es handele sich bei ihnen bloß um »zûsamen geloffene Bößwichte / Dieb und Räuber ... unnütz Volck«, wie die »Basler Chronik« für das Jahr 1422 schreibt.

Es beginnt damals, wie Bogdal herausarbeitet, eine verhängnisvolle Geschichte der Zuschreibungen, eben die »Erfindung der Zigeuner«. Sie »kamen wie gerufen«, so die These, um an ihnen als Negativbeispiel zu definieren, was christlich, zivilisiert und europäisch sei. Für den Autor ist damit klar, dass die »Erfindung der Zigeuner« direkt mit uns und »den Nachtseiten europäischer Entwicklung zur Moderne« verknüpft ist.

In ihrer Allgemeinheit ist die These überzogen, schließlich benötigte Europa zu seiner Definition die randständig lebende, oft hochmütig übersehene Minderheit der »Zigeuner« nicht, die eine Minderheit unter vielen war. En detail und in der Masse der Belege erweist sich Bogdals These aber als fruchtbar, um die Misshandlung dieser Minderheit zu verstehen.

Schon das Wort »Zigeuner«, dessen Herkunft im Dunkel liegt, ist keine Selbstbezeichnung, das gilt auch für die Wörter Gitanos, Bohèmiens, Tataren, Gypsies. Bogdal zeigt, wie diese Benennungen jahrhundertealte Vorurteile heraufbeschwören. Er legt keine Kulturgeschichte der Roma vor, auch wenn man viel über sie erfährt. Bogdal führt aus, wie und warum über ein Volk europaweit Pseudowissen ausgeprägt, tradiert und erweitert wird, das fast keine Objektivität kennt, kaum auf Erfahrung oder Beobachtung fußt und selbst im Fall unwahrscheinlichster Lügen und Gerüchte positive Aufnahme findet.

In drei großen chronologischen Abteilungen präsentiert Bogdal sein umfangreiches Material, zitiert amtliche Quellen, noch mehr aber Literatur, die äußerst erfolgreich für die Verbreitung der Klischees sorgt. Die schöne Zigeunerin gehört – lange vor Carmen – dazu. Das Schicksal der Figur Carmen ist typisch. Nachdem sie für genügend erotische, triebhafte, musikalische Zigeunerromantik gesorgt hat, muss sie sterben und mit ihresgleichen in eine für Europäer ungefährliche Sphäre des Ekels abgeschoben werden: »Sehr jung mögen sie [die spanischen Zigeunerinnen] für angenehm hässlich gelten, sind sie aber erst einmal Mütter, werden sie widerlich... wer die Haare einer Zigeunermatrone nicht gesehen hat, kann sich unmöglich einen Begriff davon machen, selbst wenn er sich die gröbsten, fettigsten und staubigsten Pferdehaare vorstellt.«

Das Zitat ist keineswegs das schlimmste in der europäischen Literatur- und Geistesgeschichte. Johann Heinrich Pestalozzi, Walter Scott, Achim von Arnim, Victor Hugo, August Strindberg , Egon Erwin Kisch kennen, wie Bogdal belegt, beim Auftischen faszinierter oder angewiderter Stilisierungen oft keine Scham. Peinlich wirkt da im 19. Jahrhundert die spielerisch-provokative Identifikation junger Künstler mit den Zigeunern, indem sie sich »Bohème« nennen, zumal sie den Roma weder respektvoller noch überhaupt je begegnen wollen. Diese Literaten beuten etwa lieber das alte Gräuelmärchen von Kinder raubenden Zigeunern aus, als sich dem tatsächlichen, staatlich sanktionierten Kinderraub aus den Romafamilien zu stellen.