Unwissen ist in der Regel eine peinliche Angelegenheit. In der Abi-Klausur zum Beispiel, beim Aufbau eines Ikea-Möbels oder wenn man jemanden an der Bar beeindrucken will. Noch unangenehmer wird das Unwissen, wenn es in der Wissenschaft auftritt, einem Bereich, in dem speziell ausgebildete Menschen daran arbeiten, konkrete Fragen zu beantworten – und es oft nicht können. Da wird es manchmal komisch. Genau das haben Kathrin Passig , Aleks Scholz und Kai Schreiber erkannt. Ihr Neues Lexikon des Unwissens , ein Nachfolgeband zum Lexikon des Unwissens von 2007, ist in erster Linie ein unterhaltsames Buch. Auf 290 Seiten versammeln die Autoren das, »worauf es keine Antwort gibt«: von A wie Außerirdisches Leben bis Z wie Zitteraal. Dass die Bezeichnung »Lexikon« keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben will, ist klar, schließlich hätte mehr menschliches Unwissen zur Verfügung gestanden, als in 30 Kapitel passt.

Bei der Auswahl hat offensichtlich der Unterhaltungswert eine große Rolle gespielt. Aber auch schon die alphabetische Reihung des Unwissens ist komisch: »Brüste« stehen neben »Dunkler Energie«, »Übergewicht« vor »Walkrebs«. Wer kann da noch mit geradem Gesicht weiterlesen? Dazu der lapidare Stil, den man bereits aus Passigs brillantem Gewinner-Text des Bachmann-Preises von 2006 kennt oder auch aus dem Blog Riesenmaschine , für den Passig und Scholz schreiben (und der 2006 den Grimme-Preis erhielt). »Dieses Buch appelliert an Ihre niederen Instinkte als Wissenschaftskonsument«, warnen die Verfasser in der Einleitung, und in der Tat, meine niederen Instinkte führten mich als Erstes zu den Kapiteln »Schocktod«, »weiblicher Orgasmus« und »Außerirdisches Leben«, zu Themen also, an denen sich auch der Boulevard abarbeitet. Manchmal, stellt sich heraus, versteckt sich die Pointe schon im Stichwort, etwa wenn das Kapitel »Brüste« mit der Erkenntnis aufwartet: »Solange diese (...) Forschungsarbeit noch unerledigt ist, müssen wir uns mit der Nullhypothese begnügen, dass Brüste (...) einfach nur da sind. Viele sind auch damit schon ganz zufrieden.«

Man sollte sich vom Witz aber nicht blenden lassen: Die meisten Einträge sind solide recherchiert, man erfährt tatsächlich Neues, etwa über ungelöste mathematische Probleme wie »Benfords Gesetz« oder die Ausdehnung des Universums, von Vorteil dürfte sein, dass Scholz als Astronom am Institute for Advanced Studies in Dublin forscht und Schreiber Physiker und Neurowissenschaftler ist.

Auch über die Art und Weise, wie Wissenschaft funktioniert, gibt das Buch nebenbei Einblick, stellt etwa fest, dass »Korrelation nicht das Gleiche wie Kausalität« ist, und erklärt im Eintrag zu »Übergewicht«: »Es lässt sich leicht zeigen, dass das Durchschnittsgewicht von Menschen (...) zeitgleich mit der Verbreitung von Autos, Snacks und Rolltreppen gestiegen ist. Aber das beweist nicht, dass Autos, Snacks und Rolltreppen tatsächlich die Ursache des Übergewichts sind.«

Wenn es etwas zu mäkeln gibt, dann dies, dass auch dieses Lexikon bei der Wahl seiner Beispiele manchmal so unfreiwillig sexistisch wird wie die Wissenschaft selbst – etwa wenn im Zusammenhang mit dem »Schocktod« bei Schussverletzungen »Soldaten nach einem Treffer« oft noch lange weiterlaufen, während die »alte Frau im Supermarkt (...) schon bei einem Streifschuss in Ohnmacht fällt.« Nur weil die Autoren an anderer Stelle den gerade in der Sexual- und Evolutionsforschung weit verbreiten Sexismus so treffend zerlegen, verzeiht man ihnen das. Auch dass sich dieses Buch natürlich kaum als Quelle für die Doktorarbeit eignet. Für Small Talk auf der nächsten Party dafür umso besser – und mehr will es ja auch nicht.