Gerhard Richter ist sich selbst das größte Rätsel, und wie sollte es auch anders sein? Über 50 Jahre lang malt er nun Bilder, die nichts sagen, nichts zeigen und nichts bedeuten sollen, Bilder "ohne Sinn u. ohne Moral, ohne Lehre", wie er schon 1963 schrieb. Und was hat er davon?

Er wird wie kaum ein anderer Künstler umjubelt, von Kuratoren, Händlern, Sammlern und auch vom großen Publikum. Gleich drei der wichtigsten Museen in London , Paris und Berlin feiern nun seinen 80. Geburtstag mit einer kolossalen Retrospektive . Und der Markt zahlt für die Bilder "ohne Sinn" nicht selten Preise ohne Verstand, mal 12 Millionen Euro für eine brennende Kerze , mal 15 Millionen für rot-blaue Schlieren. Mag seine Kunst noch so spröde und sibyllinisch sein – der Erfolg will nicht von Richter lassen.

Warum ist das so? Wie lässt sich Richters große, stetig wachsende Popularität begreifen?

Im 19. Jahrhundert, als die Salonmalerei triumphierte, sehnte sich das Publikum nach großen Posen und greller Inszenierung. Bedeutungsschwer sollten die Bilder sein, dampfend vor Gefühl. Deshalb waren Maler wie Paul Delaroche oder Jean-Léon Gérôme so beliebt: Man konnte sich an ihrer Kunst erhitzen.

Heute ist Richter ähnlich populär wie einst Delaroche und Gerome, nur stülpt sich bei ihm alles nach innen, was bei ihnen nach außen hing: Er meidet das Grelle und den Dampf, und die Überladenheit des 19. Jahrhunderts weicht einer Unterladenheit. Seine Kunst kühlt, und gerade das scheint der Gegenwart besonders lieb zu sein. In Richters Bilderwelt ist Frieden.

Das bedeutet einiges, nachdem so lange Prinzipienreiter und Dogmenringer die Szene beherrschten und nicht wenige Künstler sich aufs Missionieren verlegten. Richter waren die Welterlösungsfantasien der Avantgarde stets fremd, weder mochte er die Kunstideologen in Dresden , wo er studiert hatte, noch die Stilwächter in seiner neuen Heimat Düsseldorf . Weder abstrakt noch figürlich, weder richtig noch falsch wollte er malen. Er verstand sich auch nicht als Erfinder, Erzieher oder Rebell. Und so wurde aus ihm ein Meister der ästhetischen Abrüstung: Auf seinen Bildern verpufft das Heroische, jede klare Botschaft verliert sich hinter einem Schleier der Unschärfe.

Richter ist ein Künstler des postideologischen Zeitalters. Er verschafft der Kunst eine neue Freiheit, er entlastet sie von Symbolen und Behauptungen. Er überführt sie in ein stilles Reich der Neutralität, in dem Klorollen ebenso bildwürdig erscheinen wie Stühle, Kampfflieger, tote Terroristen oder auch abstrakte Farbenflecke. Richter kokettiert mit dem Banalen, seine Kompositionen sind oft so schlicht wie seine Sujets, und manchmal drohen die Bilder ins Beliebige zu kippen. Doch findet Richters größte Tugend, seine Gelassenheit, stets ein Gegengewicht: in seinem Perfektionismus.

Sein Frühwerk hat er ausgemerzt

Einerseits entschlüpfen die Bilder entspannt den üblichen Denk- und Formverboten. Andererseits herrscht ein unverhohlener Drang nach Kontrolle und Ordnung. Was Richter nicht zu 100 Prozent gefällt, wird zerstört. Sein Frühwerk hat er ausgemerzt, und noch heute übermalt er viele Motive, weil sie ihm nach gründlicher Prüfung zu vordergründig, zu platt oder einfach nicht richtig erscheinen. So mündet Richters ästhetische Abrüstung nicht in Willkür und Anarchie, vielmehr scheint er genau zu wissen, was er tut. Und keinem Betrachter kann die Entschiedenheit entgehen: Er bekommt sie vorgeführt, in Richters technischer Finesse.

Mag dieser Künstler auch alle Ideale aus seinen Bildern verbannen, an einem hält er mit Inbrunst fest: an seiner malerischen Hingabe. Dieses Altmeisterliche seiner Kunst ist oft beschrieben worden, und Richter selbst hat für seine Begeisterung für Vermeer oder Tizian keinen Hehl gemacht. Auch wenn er an sie nicht heranreicht, weder in den Farbvaleurs noch in der Komposition oder Ikonografie, zeugt seine Liebe für das Feinmalerische von großem Ernst. Anders als manche Kollegen klatscht Richter die Farbe nicht auf die Leinwand und nennt es Freiheit, nein, er quält sich, er zeigt Können. Und nicht zuletzt das nimmt viele Betrachter für ihn ein. Erst Richters Technik verleiht seinen Bildern Glaubwürdigkeit – obwohl es nichts zu glauben gibt.

Fast scheint es, als würde seine malerische Akribie für die Belanglosigkeit mancher Motive entschädigen. Erst der weiche Pinsel ist es, der die eigentlich frostigen, unpersönlichen Bilder aufschließt und ihnen etwas Weiches und Verträumtes verleiht. Und so befriedet sein Œuvre nicht nur den Gegensatz von Abstraktion und Figürlichkeit, auch Nähe und Unnahbarkeit schließen sich nicht länger aus. Richter liebt solche Paradoxien, sie verleihen seinen Bildern wenn nicht einen Sinn, so eine Spannung. Und auf diese Spannung kommt es an.

Wer eines seiner Bilder kauft, erwirbt nicht allein ein global gültiges Statussymbol, er kauft auch eine Atmosphäre. Je weiter sich die Inhalte in Richters Kunst zurückziehen ins Diffuse, desto wichtiger werden Flair und Anmutung. Richter ist nicht so sehr der pictor doctus, von dem manche schwärmen. Er ist viel eher ein Stimmungsmaler, und gerade damit trifft er den Nerv der Gegenwart.

Seine Bilder sind cool, mindestens so cool wie all die Menschen, die sich gern überlegen und beherrscht geben. Sie haben sich selbst im Griff, egal, wie konfus und bedrohlich die Welt sein mag. Nie geraten sie aus der Form, sowenig wie Richters Kunst aus der Form gerät.

Zugleich sind die Bilder ungeheuer liberal, sie schließen nichts und niemanden aus – und auch damit verkörpern sie einen Wert, der vielen Zeitgenossen wichtig ist. Auch sie wollen sich nichts vergeben, mögen sich nicht festlegen, sich nicht binden, weder an eine Kirche noch an einen Sportverein oder gar Ehepartner. Man will sich alles offenhalten, so wie sich Richter alles offenhält, weil seine Kunst alles sein und alles heißen kann. Sie ist so multioptional wie die Gesellschaft, die Richter bewundert.

Allerdings erscheint bei ihm das moderne Leben, anders als bei vielen Künstlerkollegen, nicht zersplittert, zerrissen und haltlos. Vielmehr überwindet er das beunruhigende Gefühl der Beliebigkeit, das nicht wenige Menschen in ihrem Möglichkeitsrausch befällt. Er kleidet die Unruhe in eine gefällige Form, jeder Zweifel ist aufgehoben in Schönheit. Und so versöhnt uns Richter mit dem Preis der Freiheit: mit dem bohrenden Gefühl, dass die Welt aus den Fugen und das Leben sinnlos sei.

Richter übersetzt Nihilismus in Transzendenz

Sein Kölner Domfenster ist dafür das beste Beispiel. Dort huldigt Richter zum einen dem Zufall: Es gibt in diesem riesigen Glasbild, zusammengesetzt aus 11.500 kleinen bunten Quadraten, keine Ordnung und keine Wahrheit. Doch diese Prinzipienlosigkeit erscheint im funkelnden Sonnenlicht ungemein berückend. Richter übersetzt, so könnte man sagen, Nihilismus in Transzendenz.

Mit dem christlichen Glauben, das hat Richter selbst klargestellt, hat dieses Kunstwerk nichts zu schaffen. Ursprünglich hatte der Auftrag zwar gelautet, auf dem Domfenster sollten die Märtyrer des 20. Jahrhunderts geehrt werden, jene Männer und Frauen, die für ihren festen Glauben ihr Leben ließen. Weil Richter aber nicht an Gott glaubt, wie er sagt, und auch mit der Prinzipienfestigkeit der Märtyrer nur wenig anfangen kann, weiht er sein Fenster dem schönen Farbenspiel. Hier überhöht die Kunst sich selbst. Hier wird der Glauben ohne Gott, der unsere Gegenwart bestimmt, zum verführerischen Bild.

"Diese Welt zu überstehen", das sei der eigentliche Sinn und Zweck seines Schaffens, sagt Richter im Katalog der Berliner Ausstellung. Die Kunst solle Trost stiften, Hoffnung schenken. Und darauf scheinen auch die Kuratoren zu setzen, die sich im Vorwort über die "medienverrückte Gesellschaft" empören, über unsere "zutiefst verstörte Zivilisation". Für sie verkörpert Richters Kunst eine Gegenwelt, nicht verstörend, nicht verrückt. In ihr wohnt eine Verheißung. Richter nennt es ein "Geheimnis".

Und seltsam ist es ja wirklich, wie es ihm gelingt, so viele unterschiedliche Ideale auf sich zu vereinen. Seine Motive sind meist belanglos, in ihrer Banalität dem Alltag nahe. Auch in den Gefühlswerten dieser Bilder kann sich die Gegenwart erkennen, in ihrer Beherrschtheit und Ruhe. Doch gelingt es Richters Kunst, uns das Vertraute und Gewöhnliche zu entrücken. "Die Welt als Widerfahrnis" (Wilhelm Kamlah) erscheint bei ihm nicht länger bedrohlich. Er versöhnt die Gegenwart mit sich selbst. Und dass die Gegenwart ihn dafür liebt, wen sollte das wundern?

Die Ausstellung "Panorama" läuft in der Neuen Nationalgalerie in Berlin bis zum 13. Mai ( www.neue-nationalgalerie.de ). Der Katalog erscheint bei Prestel

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