Einerseits entschlüpfen die Bilder entspannt den üblichen Denk- und Formverboten. Andererseits herrscht ein unverhohlener Drang nach Kontrolle und Ordnung. Was Richter nicht zu 100 Prozent gefällt, wird zerstört. Sein Frühwerk hat er ausgemerzt, und noch heute übermalt er viele Motive, weil sie ihm nach gründlicher Prüfung zu vordergründig, zu platt oder einfach nicht richtig erscheinen. So mündet Richters ästhetische Abrüstung nicht in Willkür und Anarchie, vielmehr scheint er genau zu wissen, was er tut. Und keinem Betrachter kann die Entschiedenheit entgehen: Er bekommt sie vorgeführt, in Richters technischer Finesse.

Mag dieser Künstler auch alle Ideale aus seinen Bildern verbannen, an einem hält er mit Inbrunst fest: an seiner malerischen Hingabe. Dieses Altmeisterliche seiner Kunst ist oft beschrieben worden, und Richter selbst hat für seine Begeisterung für Vermeer oder Tizian keinen Hehl gemacht. Auch wenn er an sie nicht heranreicht, weder in den Farbvaleurs noch in der Komposition oder Ikonografie, zeugt seine Liebe für das Feinmalerische von großem Ernst. Anders als manche Kollegen klatscht Richter die Farbe nicht auf die Leinwand und nennt es Freiheit, nein, er quält sich, er zeigt Können. Und nicht zuletzt das nimmt viele Betrachter für ihn ein. Erst Richters Technik verleiht seinen Bildern Glaubwürdigkeit – obwohl es nichts zu glauben gibt.

Fast scheint es, als würde seine malerische Akribie für die Belanglosigkeit mancher Motive entschädigen. Erst der weiche Pinsel ist es, der die eigentlich frostigen, unpersönlichen Bilder aufschließt und ihnen etwas Weiches und Verträumtes verleiht. Und so befriedet sein Œuvre nicht nur den Gegensatz von Abstraktion und Figürlichkeit, auch Nähe und Unnahbarkeit schließen sich nicht länger aus. Richter liebt solche Paradoxien, sie verleihen seinen Bildern wenn nicht einen Sinn, so eine Spannung. Und auf diese Spannung kommt es an.

Wer eines seiner Bilder kauft, erwirbt nicht allein ein global gültiges Statussymbol, er kauft auch eine Atmosphäre. Je weiter sich die Inhalte in Richters Kunst zurückziehen ins Diffuse, desto wichtiger werden Flair und Anmutung. Richter ist nicht so sehr der pictor doctus, von dem manche schwärmen. Er ist viel eher ein Stimmungsmaler, und gerade damit trifft er den Nerv der Gegenwart.

Seine Bilder sind cool, mindestens so cool wie all die Menschen, die sich gern überlegen und beherrscht geben. Sie haben sich selbst im Griff, egal, wie konfus und bedrohlich die Welt sein mag. Nie geraten sie aus der Form, sowenig wie Richters Kunst aus der Form gerät.

Zugleich sind die Bilder ungeheuer liberal, sie schließen nichts und niemanden aus – und auch damit verkörpern sie einen Wert, der vielen Zeitgenossen wichtig ist. Auch sie wollen sich nichts vergeben, mögen sich nicht festlegen, sich nicht binden, weder an eine Kirche noch an einen Sportverein oder gar Ehepartner. Man will sich alles offenhalten, so wie sich Richter alles offenhält, weil seine Kunst alles sein und alles heißen kann. Sie ist so multioptional wie die Gesellschaft, die Richter bewundert.

Allerdings erscheint bei ihm das moderne Leben, anders als bei vielen Künstlerkollegen, nicht zersplittert, zerrissen und haltlos. Vielmehr überwindet er das beunruhigende Gefühl der Beliebigkeit, das nicht wenige Menschen in ihrem Möglichkeitsrausch befällt. Er kleidet die Unruhe in eine gefällige Form, jeder Zweifel ist aufgehoben in Schönheit. Und so versöhnt uns Richter mit dem Preis der Freiheit: mit dem bohrenden Gefühl, dass die Welt aus den Fugen und das Leben sinnlos sei.