Gerhard Richter : Der große Versöhner
Seite 3/3:

Richter übersetzt Nihilismus in Transzendenz

Sein Kölner Domfenster ist dafür das beste Beispiel. Dort huldigt Richter zum einen dem Zufall: Es gibt in diesem riesigen Glasbild, zusammengesetzt aus 11.500 kleinen bunten Quadraten, keine Ordnung und keine Wahrheit. Doch diese Prinzipienlosigkeit erscheint im funkelnden Sonnenlicht ungemein berückend. Richter übersetzt, so könnte man sagen, Nihilismus in Transzendenz.

Mit dem christlichen Glauben, das hat Richter selbst klargestellt, hat dieses Kunstwerk nichts zu schaffen. Ursprünglich hatte der Auftrag zwar gelautet, auf dem Domfenster sollten die Märtyrer des 20. Jahrhunderts geehrt werden, jene Männer und Frauen, die für ihren festen Glauben ihr Leben ließen. Weil Richter aber nicht an Gott glaubt, wie er sagt, und auch mit der Prinzipienfestigkeit der Märtyrer nur wenig anfangen kann, weiht er sein Fenster dem schönen Farbenspiel. Hier überhöht die Kunst sich selbst. Hier wird der Glauben ohne Gott, der unsere Gegenwart bestimmt, zum verführerischen Bild.

"Diese Welt zu überstehen", das sei der eigentliche Sinn und Zweck seines Schaffens, sagt Richter im Katalog der Berliner Ausstellung. Die Kunst solle Trost stiften, Hoffnung schenken. Und darauf scheinen auch die Kuratoren zu setzen, die sich im Vorwort über die "medienverrückte Gesellschaft" empören, über unsere "zutiefst verstörte Zivilisation". Für sie verkörpert Richters Kunst eine Gegenwelt, nicht verstörend, nicht verrückt. In ihr wohnt eine Verheißung. Richter nennt es ein "Geheimnis".

Und seltsam ist es ja wirklich, wie es ihm gelingt, so viele unterschiedliche Ideale auf sich zu vereinen. Seine Motive sind meist belanglos, in ihrer Banalität dem Alltag nahe. Auch in den Gefühlswerten dieser Bilder kann sich die Gegenwart erkennen, in ihrer Beherrschtheit und Ruhe. Doch gelingt es Richters Kunst, uns das Vertraute und Gewöhnliche zu entrücken. "Die Welt als Widerfahrnis" (Wilhelm Kamlah) erscheint bei ihm nicht länger bedrohlich. Er versöhnt die Gegenwart mit sich selbst. Und dass die Gegenwart ihn dafür liebt, wen sollte das wundern?

Die Ausstellung "Panorama" läuft in der Neuen Nationalgalerie in Berlin bis zum 13. Mai ( www.neue-nationalgalerie.de ). Der Katalog erscheint bei Prestel

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unterwww.zeit.de/audio

Verlagsangebot

Hören Sie DIE ZEIT

Genießen Sie wöchentlich aktuelle ZEIT-Artikel mit ZEIT AUDIO

Hier reinhören

Kommentare

23 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Ein wunderbarer „Rauterberg“

„Richter kokettiert mit dem Banalen, seine Kompositionen sind oft so schlicht wie seine Sujets, und manchmal drohen die Bilder ins Beliebige zu kippen.“

„Fast scheint es, als würde seine malerische Akribie für die Belanglosigkeit mancher Motive entschädigen.“

„Doch diese Prinzipienlosigkeit erscheint im funkelnden Sonnenlicht ungemein berückend.“

Für mich ist diese Besprechung gewoben aus einem feingewebtem Netz notrettender Wörter wie „fast“ , „scheint“, „erscheint“. Es ist alles gesagt, denn zieht man dieses Netz beiseite, bleibt ein grandioser, tiefschürfender Verriss. Aber man kann, man muss es ja nicht beiseite ziehen.

GUT SO: Tiefschürfender RICHTER-VERRISS!

Der MARKTstar G.RICHTEer „kokettiert“ mit BANALEM, Kompositionen sind (oft) SCHLICHT und Bilder drohen „ins BELIEBIGE zu kippen“. Malerische G.R.-Akribie entschädigt für die BELANGLOSIGKEIT? PRINZIPIENLOSIGKEIT „ungemein berückend“. (…) KUNST-MARKT-Bilder, „die nichts sagen, nichts zeigen und nichts bedeuten sollen“ – JA: Bilder »ohne Sinn u. ohne Moral, ohne Lehre« (GR schon 1963).
Der nicht UNkritische ZEIT-Kritiker unter unkritischen BRD-Feuilletonisten RAUTERBERG fragt uns/sich: „Warum ist das so?“

Ist in GRs Bilderwelt „Frieden“? Sind ZEIT-Kritiker HR & GR von „Welterlösungsfantasien“ „Kunstideologen“ & „Stilwächtern“ angeekelt? Brauchen wir heute denn keine „Erfinder, Erzieher“ oder OCCUPY-Kunst- „Rebellen“ mehr? Gut SO mit „Schleiern der Unschärfe“ (Marotten)?. Kunst als „neue Freiheit“ der STIL-losigkeit?

Braucht fortschrittliche, zeitgemäße KUNST-ERNEUERUNG (INNOVATION, Kunst mit Originalität) denn „Altmeisterliches“ á la GR-Kunst? Erst GRs Technik verleiht seinen Bildern „Glaubwürdigkeit“ ???
„Richter ist nicht so sehr der pictor doctus, von dem manche schwärmen.“ PICTOR DOCTUS – dass ich nicht lache …
Großer MEDIEN-Feuilletonismus-BAHNHOF für Gerhard RICHTER, den Staatskünstler und teuersten KunstMARKT-„Superstar“: STIL (nach GOETHE) liebt er nicht … aber STIL-losigkeit …
„Stil ist Gewalttat“ - "Ich mag alles, was keinen Stil hat: Wörterbücher, Fotos, die Natur, mich und meine Bilder. Denn Stil ist Gewalttat, und ich bin nicht gewalttätig", sagte G.R. einmal.

Bitte schreiben Sie leserlich. Danke, die Redaktion/fk.

FEUILLETONISMUS & KLAR-Text zu RICHTER

Schuld auch an der MISERE der KUNSTKRITIK(er) heutzutage (FEUILLETONistischer Kunstkritik) – dem „traurigen Zustand der Gattung Kunstkritik“ (so 2003 Christian Demand) haben die der der Kunstkritik fehlenden KRITERIEN: Oft ist der Feuilletonismus ein deutlich negativ besetzter Begriff.

RICHTERs Werk fehlt STIL:

Gerhard Richter: „Stil ist Gewalttat“ - „Stil“ der STIL-Losigkeit

"Ich mag alles, was keinen Stil hat: Wörterbücher, Fotos, die Natur, mich und meine Bilder. Denn Stil ist Gewalttat, und ich bin nicht gewalttätig", sagte RICHTER. Um ästhetische Objektivität bemüht, schrieb GOETHE 1789 den Aufsatz über „Einfache Nachahmung der Natur, Manier, Stil“: „Gelangt die Kunst durch Nachahmung der Natur, durch Bemühung sich eine allgemeine Sprache zu machen, durch genaues und tiefes Studium der Gegenstände selbst, endlich dahin, dass sie die Eigenschaften der Dinge und die Art wie sie bestehen genau und immer genauer kennen lernt, (…): dann wird der STIL der höchste Grad wohin sie gelangen kann; der Grad, wo sie sich den höchsten menschlichen Bemühungen gleichstellen darf.“

Siehe dazu mehr in GZ:
http://www.giessener-zeit...

H.R.ist gegen marktgestützte, unqualifizierte Zeitgeistkunst – wünscht sich gute ERKENNTNISkunst! STIL ist der höchste Grad wohin KUNST gelangen kann – meinte auch Werner HOFMANN!