Sein Kölner Domfenster ist dafür das beste Beispiel. Dort huldigt Richter zum einen dem Zufall: Es gibt in diesem riesigen Glasbild, zusammengesetzt aus 11.500 kleinen bunten Quadraten, keine Ordnung und keine Wahrheit. Doch diese Prinzipienlosigkeit erscheint im funkelnden Sonnenlicht ungemein berückend. Richter übersetzt, so könnte man sagen, Nihilismus in Transzendenz.

Mit dem christlichen Glauben, das hat Richter selbst klargestellt, hat dieses Kunstwerk nichts zu schaffen. Ursprünglich hatte der Auftrag zwar gelautet, auf dem Domfenster sollten die Märtyrer des 20. Jahrhunderts geehrt werden, jene Männer und Frauen, die für ihren festen Glauben ihr Leben ließen. Weil Richter aber nicht an Gott glaubt, wie er sagt, und auch mit der Prinzipienfestigkeit der Märtyrer nur wenig anfangen kann, weiht er sein Fenster dem schönen Farbenspiel. Hier überhöht die Kunst sich selbst. Hier wird der Glauben ohne Gott, der unsere Gegenwart bestimmt, zum verführerischen Bild.

"Diese Welt zu überstehen", das sei der eigentliche Sinn und Zweck seines Schaffens, sagt Richter im Katalog der Berliner Ausstellung. Die Kunst solle Trost stiften, Hoffnung schenken. Und darauf scheinen auch die Kuratoren zu setzen, die sich im Vorwort über die "medienverrückte Gesellschaft" empören, über unsere "zutiefst verstörte Zivilisation". Für sie verkörpert Richters Kunst eine Gegenwelt, nicht verstörend, nicht verrückt. In ihr wohnt eine Verheißung. Richter nennt es ein "Geheimnis".

Und seltsam ist es ja wirklich, wie es ihm gelingt, so viele unterschiedliche Ideale auf sich zu vereinen. Seine Motive sind meist belanglos, in ihrer Banalität dem Alltag nahe. Auch in den Gefühlswerten dieser Bilder kann sich die Gegenwart erkennen, in ihrer Beherrschtheit und Ruhe. Doch gelingt es Richters Kunst, uns das Vertraute und Gewöhnliche zu entrücken. "Die Welt als Widerfahrnis" (Wilhelm Kamlah) erscheint bei ihm nicht länger bedrohlich. Er versöhnt die Gegenwart mit sich selbst. Und dass die Gegenwart ihn dafür liebt, wen sollte das wundern?

Die Ausstellung "Panorama" läuft in der Neuen Nationalgalerie in Berlin bis zum 13. Mai ( www.neue-nationalgalerie.de ). Der Katalog erscheint bei Prestel

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unterwww.zeit.de/audio