Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Für Popmusik interessiere ich mich seit Kindertagen, weit war der Weg von Freddy Quinn zu Pink Martini und den Fleet Foxes . Deswegen lese ich hin und wieder Musikkritiken. Im Feuilleton der Süddeutschen fiel mein Auge auf einen Artikel mit der Überschrift Die Banalität des Dösens . Unterzeile: "Lana Del Rey gilt zurzeit als das größte Versprechen der Popmusik – ihr Debütalbum ist allerdings enttäuschend".

Diese Unterzeile las ich mehrmals. Ich konnte nicht begreifen, dass eine Person, nennen wir sie Lana Del Rey , es zum größten Versprechen der Popmusik bringen konnte, obwohl sie noch kein einziges Album herausgebracht hatte. Dann könnte ich ja ebenfalls das größte Versprechen der Popmusik sein. Ein enttäuschendes Debütalbum kriege ich garantiert auch hin.

Ich habe inzwischen herausgefunden, dass Lana Del Rey , eine hübsch aussehende Person mit Künstlernamen, Sechziger-Jahre-Klamotten und Schlauchbootlippen, überall in den Musikmagazinen als neuer Superstar gehandelt wurde, monatelang, so lange, bis dann halt doch leider die erste Platte herauskam. Sie entspreche "dem Lebensgefühl der aktuellen Hipster-Generation", in ihr "bündelt sich das Lebensgefühl einer von Abstiegsängsten und Selbstmitleid gequälten urbanen Mittelschicht", "es geht um den Vorgang der Impersonation": Solches Zeug war zu lesen.

Lana Del Rey hat im Internet am 19. August 2011 einen Song veröffentlicht, der Video Games heißt. Auf diesem Song und dem dazugehörigen Video beruht im Wesentlichen ihr Ruhm. Ich habe das Video angeschaut. Meiner Ansicht nach ist es ganz hübsch. Es ist ein bisschen lasziv, tütü und retro. Zumindest retro bin ich auch selber. Lasziv wäre ich gerne. Ich habe allerdings, als Mitglied der urbanen Mittelschicht, mein gebündeltes Selbstmitleid in dem Song vergeblich gesucht. Statt an mein Selbstmitleid erinnert mich der Sound eher an Only Time von Enya, das war der Hit, der nach Nine Eleven pausenlos gespielt wurde. Nach der Besichtigung weiterer Lieder, die fast alle schwer auf Lasziv und auf Retro gebürstet sind und sich sehr nach Enya oder der Sängerin Sade anhören, glaube ich, eine qualifizierte Aussage über Lana Del Rey machen zu dürfen, sie lautet: Falls Lana Del Rey wirklich das größte Versprechen der Popmusik ist, dann geht die Ära der Popmusik zu Ende. Vielleicht kommt die Operette wieder. Auffälliger als die Musik sind aber zweifellos die Lippen der Interpretin, die so groß sind, dass man darauf jederzeit Olympische Sommerspiele veranstalten könnte.

Es geht mir gar nicht um Lana Del Rey. Ich rege mich über diese Erregungsbereitschaft auf. Ich kann keine Superlative mehr hören. Du singst ein recht gutes Lied, du schreibst ein recht gutes Buch, du spielst zwei oder drei Mal recht gut in der Bundesliga, und schon erklärt dich ein multimedialer Chor zum größten Genie seit Michelangelo . In drei von vier Fällen ist der Name der betreffenden Person fünf Jahre später vergessen. Ja, ich weiß, dieses Phänomen heißt Hype und wurde einige Male beschrieben. Es wird aber immer schlimmer. Wenn ich über ein Buch zu schreiben habe, das mir recht gut gefallen hat, muss ich offenbar, damit überhaupt noch jemand zuhört, völligen Schwachsinn verzapfen. Ich muss schreiben: "Seit Klaus Schmidts neuer Roman vorliegt, können Goethe, Proust und Henry Miller einpacken. Michelangelo sowieso." Wir sind Pferde, denen man zu oft die Sporen gegeben hat. Die Zukunft der Popmusik heißt übrigens Maddi Jane und ist elf.

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