Der Kontrast könnte größer kaum sein. Da ist, Ende der neunziger Jahre, der junge Neonazi-Kader, der willige Helfer, der eine Schusswaffe nebst Munition für untergetauchte Kameraden gekauft haben soll, die begonnen hatten, Menschen aus Rassenhass zu erschießen. Ein Kfz-Lackierer, der für die drei Untergetauchten der Zwickauer Zelle angeblich Spenden sammelte und nach Quartieren Ausschau hielt.

Und da ist, zum anderen, ein offen homosexueller Anti-Aids-Aktivist, ein zurückhaltend auftretender Mann mit hoher Stirn, der seit Jahren durch die Szenekneipen von Düsseldorf tingelt, um mit Kondomen und Flyern über die HIV-Gefahr aufzuklären. Ein Sozialpädagoge aus einer rheinischen Regenbogen-Welt.

Die Bilder wollen nicht zueinander passen. 32 Jahre alt ist Carsten S. am vergangenen Montag in Untersuchungshaft geworden , immer noch ein junger Mann, und doch hat er offensichtlich schon zwei Leben gelebt. Der Generalbundesanwalt ermittelt gegen ihn wegen Beihilfe zu sieben Morden der Zwickauer Zelle, von "enger persönlicher und ideologischer Verbindung" ist die Rede.

In den Ermittlungen gegen die mutmaßlichen NSU-Terroristen ist Carsten S. der mittlerweile 13. Tatverdächtige . Und doch stellt sich sein Fall anders dar als die der bisher bekannten Beschuldigten. Nicht nur, weil er sich spätestens 2003 endgültig vom Rechtsextremismus abwandte. Sondern auch, weil er ein sehr wertvoller Zeuge zumindest für die ersten zwei Jahre der Mordbande sein könnte – einer, der bereitwillig Auskunft gibt. "Der macht reinen Tisch", sagen Ermittler. Und noch etwas, heißt es, unterschied Carsten S. schon bei seiner ersten, Stunden dauernden Aussage vor dem Haftrichter von anderen Verdächtigen, die zu ihrer braunen Vergangenheit aussagen: "Er mogelt nicht rum."

Seine rechtsextreme Karriere war kurz, aber rasant. Dann stieg er aus.

Noch immer ist ein Ende des seit drei Monaten laufenden Mammutverfahrens nicht absehbar. Von 5.000 sichergestellten Beweisstücken ist erst etwa ein Viertel ausgewertet, dasselbe gilt für etwa 1.800 elektronische Datenträger. Die Arbeit der 370 Ermittler der Sonderkommission ist mühsam, die meisten Beschuldigten verweigern die Aussage. Einer wie S., einer, der redet, könnte die Arbeit der Ermittler mächtig beschleunigen.

Kurz, aber rasant verlief seine rechtsextreme Karriere, zumindest seit Carsten S. dem Thüringer Verfassungsschutz 1998 auffiel. Mit 18 Jahren Aktivist beim Thüringer Heimatschutz, dann führendes Mitglied der Jenaer NPD , mit 20 Vorsitzender ihres Kreisverbandes und im Bundesvorstand der Jungen Nationaldemokraten, mit 21 einer der Gründer des Landesverbandes der NPD-Nachwuchsorganisation. "Gut und korrekt" habe S. bei der Unterstützung des 1998 abgetauchten Terror-Trios gearbeitet, heißt es in der Aussage eines anderen, jetzt beschuldigten Neonazis, die in einem vertraulichen Verfassungsschutz-Dossier notiert wurde. Offen aber ist: Wie genau wusste der junge S., was das Trio tat?