Der Schriftsteller Peter Nádas © Ralph Orlowski/Getty Images

Wer Péter Nádas kennt, musste in den vergangenen Jahrzehnten um ihn fürchten. Blass und immer blässer war er bei jeder Begegnung. Wir alle wussten: Er schreibt an einem ungeheuren Roman. Einem Buch in der Gewichtsklasse des Manns ohne Eigenschaften, vermutlich noch länger, noch schwieriger, noch epochaler. Der irgendwo im hintersten Ungarn Jahr um Jahr im Verborgenen vor sich hin entstehende große Nádas-Roman war so etwas wie eine literarische Bombe. Sie tickte und tickte im Hintergrund, und niemand wusste, ob die Welt, wenn sie jemals explodieren sollte, untergeht oder gerettet ist. Traf man Péter Nádas in Berlin , in Salzburg , in Budapest und fragte nach dem Fortgang des großen Werks, lächelte er geheimnisvoll und bedeutete den Neugierigen, er möchte am liebsten über dem Schreiben an diesem unendlichen Werk sterben.

Beinahe wäre ihm das geglückt. Als er 51 Jahre alt war und bereits seit acht Jahren an den Parallelgeschichten schrieb, blieb sein Herz für dreieinhalb Minuten stehen. In diesen dreieinhalb Minuten, so hat er es später in dem Buch Der eigene Tod beschrieben, konnte Péter Nádas auf den Grund des Lebens sehen und das Wesen der Dinge erkennen. Seither hat er keine Angst mehr vor dem Tod und ist sich sicher, dass es für uns alle eine Welt hinter dieser Welt geben wird.

Zehn Jahre später ist der große Roman nach achtzehn Jahren Schreibarbeit dann doch fertig geworden. 1700 Seiten lang, drei Bände dick. Jetzt erscheint er beinahe gleichzeitig in Amerika und in den meisten europäischen Ländern. An einem strahlenden Wintertag im Januar 2012 besuche ich Péter Nádas am Ende der Welt, wo er seit Langem in großer Abgeschiedenheit lebt, allein mit seiner Frau, einem herzkranken Kater und einem riesigen Wildbirnenbaum vor dem Fenster.

Gombosszeg ist ein winziges Dorf, vier Bahnstunden von Budapest entfernt. Eigentlich ist es nur eine Bushaltestelle, ein Briefkasten, ein Friedhof, ein paar Häuschen, die Straße einmal rauf, die Straße einmal runter. Vor allem ist es: unvorstellbare Stille. Hier ist der letzte epochale Roman des vergangenen Jahrhunderts entstanden. Wie war das möglich? Klumpen die Künstler-Eliten nicht sonst überall in den europäischen Hauptstädten zusammen wie frisch geborene Katzen?

Gombosszeg, sagt Péter Nádas in seinem weichen, in allen Molltönen spielenden fabelhaften Deutsch, war eine Überlebensfrage. Der Ausweg aus der Diktatur, deren Ende sich in der Mitte der achtziger Jahre niemand vorstellen konnte. Damals kauften Péter Nádas und seine Frau, die Journalistin Magda Salamon, den Wildbirnenbaum und das Land, auf dem er stand, nebst einem kleinen baufälligen Haus, bestellten ihren Garten und entkamen dem elenden Journalistenleben, das sie beide bis dahin im Besenschrank der sozialistischen Staatspresse geführt hatten. Péter als Korrekturleser einer pädagogischen Zeitschrift, Magda im Garten- und Haushaltsressort einer Frauenzeitschrift. Zwischen 1969 und 1977 durfte keine Zeile von Péter Nádas in Ungarn erscheinen. Gombosszeg wurde für den nach dem Buch der Erinnerung weltberühmten Schriftsteller Verbannungs- und Zufluchtsort in einem.

In den Wohn- und Arbeitsräumen herrscht klösterliche Strenge und Wohlsortiertheit. Das Schreibzimmer, von Hand geschreinert, nach frischem Holz duftend, ist sachlich, behaglich, minimalistisch. Die Schreibplatte, so streng sortiert wie ein OP-Tisch, zwei Schreibplätze, einen für den handschriftlichen, einen für den elektronischen Betrieb. Der Blick aus dem Fenster geht ins Weite, über den Gemüsegarten, den kleinen, selbst angelegten Kiefernwald hinab bis zum Bach und den fernen, freundlich lächelnden Hügeln in der Sonne. Es ist ein autarkes, rundum eingezäuntes Paralleluniversum, das mithilfe eines imponierenden Schlüsselbundes und vielen Schlössern, die ständig auf- und zugeschlossen sein wollen, regiert und vor Eindringlingen geschützt wird. Eine Arche Noah der Weltliteratur.

Der sanfte Kontrollzwang und das Wohltemperierte dieses Eremitenlebens sind der denkbar größte Kontrast zu den Parallelgeschichten . Dieses vollkommen ungewöhnliche und von Christina Viragh ungewöhnlich elegant und klangvoll übersetzte Buch ist alles, nur nicht wohltemperiert und wohlsortiert. Es ist grausam schön, unübersichtlich, überraschend, anmutig, lüstern, albtraumhaft und vollkommen labyrinthisch. Aber wo, wenn nicht im Zentrum einer peniblen Genauigkeit, sollte die Geschichte der Verwilderung und des Exzesses ihren Anfang nehmen?