Sie war elegant gekleidet, trug stilvolle Pumps und hatte sich leicht geschminkt. Nach ihrem brillanten Vortrag bekam sie die beste Note und die Glückwünsche des Professors, der sie aber kurz darauf zur Seite nahm und meinte, er wolle sie noch etwas Persönliches fragen. Wie wäre es mit einem Glas Wein, um diesen exzellenten Abend feierlich abzuschließen? Nein, eben das sagte er nicht. Was er sagte, war: Er hätte ja nie gedacht, dass eine Frau in einem derart schicken Outfit eine derart meisterliche Leistung abliefern könnte.

Was besagt diese aufschlussreiche, wenngleich bestürzende Anekdote über die neu entflammte Debatte, wie die Geschlechter in Deutschland zueinander stehen und ob die Männer Weicheier sind? Sie sagt viel mehr, als man denkt. Wohlgemerkt, letzteres Beispiel stammt aus einer gewissen Schicht – aus der der Akademiker, deren Verkrampftheit beim Flirten nicht zu überbieten ist. Es ist schon denkwürdig genug, dass man in Deutschland je nach Milieu gut oder weniger gut flirtet. Der muskelbepackte Handwerkertyp mit Igelfrisur hat in dieser Hinsicht kein Problem. Monsieur le Professeur möchte das freilich auch können – ist aber mit einem Über-Ich ausgestattet, das von Hamburg bis zum Eiffelturm reicht. Deswegen ist er leider auch überrascht, wenn eine Frau, die sich gern als Frau gibt, auch noch intelligent ist. Man darf tristerweise sogar vermuten, dass er die Mademoiselle mit diesem Hinweis anmachen wollte – eben "mit Niveau". Es ist erbärmlich.

Eine Frau anzuflirten wird hierzulande so verstanden, als würde man sie nur als Sexobjekt betrachten oder sie zum Sexobjekt "reduzieren". Achtung, Deutschinnen und Deutsche, hier kommt eine erschütternde Wahrheit: Natürlich denkt jeder Mann, der flirtet, zuerst an Sex. Und danach, eventuell, an gemeinsame Diskussionen. Ist das so schlimm? Verhindern diese schmutzigen Gedanken, dass man sich verlieben kann? Nicht, dass ich wüsste.

Dieses dauernde schlechte politische Mit-Gewissen führt dazu, dass der deutsche Mann grundsätzlich nicht zu seinem Flirt steht. "Der deutsche Mann lädt zum Fußball ein. Und guckt Fußball", seufzt eine Freundin. Aber wen wundert’s? Der deutsche Mann denkt ständig daran, was die Frau denken könnte; dass sie die Augen verdrehen könnte, dass sie gar nicht reagieren könnte, dass sie ihn blöd finden könnte oder unpassend oder weiß der Himmel was. Der deutsche Mann definiert sich über die Erwartung der Frau, oder besser gesagt, er ist nicht er selbst, sondern der Spiegel dessen, was er glaubt, dass die Frau sich wünscht. Um die deutsche Flirtkultur zu verstehen, muss man ein Spezialist der Spieltheorie sein. Als wäre alles nicht schon kompliziert genug.

Deswegen setzt sich der deutsche Mann gern unter Drogen, bevor er eine Frau anspricht. Im Klartext, er muss sich jede Menge Mut ansaufen, bis er etwas unternimmt. Man labert und führt gleichzeitig einen Kontrollverlust herbei. Man arbeitet geradezu an einem Kontrollverlust, statt die Kommunikation spielerisch zu gestalten. Man genießt die Gesellschaft nicht, man versucht diese Zeit zu überbrücken, bis man breit wird. Und dann muss geknutscht werden. So sieht in der Regel ein deutscher Flirt aus. Wenn aber kein Alkohol das Balzgehabe auslösen kann, dann versinkt die Begegnung in Dialogen wie jenem, den ich einmal in einem Zug mitgehört habe. Er: "Ja, so sind die Koreaner, sie präsentieren sich immer mit ihren Visitenkarten." Sie: "Hihi." Er: "Ich habe mich jetzt für kalorienarme Getränke entschieden." Sie: "Echt? Ich esse gern Pizza Rucola."

Es wäre Zeit, dass man hierzulande aufhört, die Dinge zu verwechseln: Flirt und schlechte Anmache.

Es gibt viele Gründe, warum man als Franzose die Flirtkultur in Deutschland vermisst. Dazu gehört nicht zuletzt das Verhältnis der Deutschen zur Oberflächlichkeit. Oberflächlichkeit ist eine Sünde, darüber sind wir uns alle einig, aber diese Haltung führt hierzulande zu einem bedauernswerten Missverständnis zwischen Oberflächlichkeit und Leichtigkeit. Aufgrund dieses Misstrauens gegenüber der Oberflächlichkeit wurde eine Generation von kleinen Deutschen durch Oswald Kolle belehrt, wie Sexualität zu verstehen sei. Ein Monument der Spießigkeit! Dabei ist das Spiel des Verführens ein Spiel, wie der Name schon sagt, dessen Regeln alle Regeln des Theaters, der Improvisation, der Maske und ja, sogar der kleinen Lüge folgen und bei dem Oberflächlichkeit durchaus eingesetzt werden darf – ja geradezu muss!