ZEITmagazin: Frau Limbach , sind Sie eine zornige Frau?

Jutta Limbach: Ich bin eine heitere Frau, aber Zorn ist mir nicht fremd. Viele Menschen missverstehen Zorn als Wut und denken, das sei die reine Explosion, doch Zorn motiviert und spendet Kraft. Nicht ohne Grund spricht die Bibel von gerechtem Zorn in Situationen, wo Gott sich besonders geärgert und dann, zugegeben, impulsiv reagiert hat. Ich wirke auf den ersten Blick sehr sanftmütig, kann aber sehr zornig werden. Vor Jahren hatte ich eine Auseinandersetzung mit einem Kollegen. Er hielt einen liberal gesinnten jungen Juristen für einen Extremisten. Ich konnte das nicht verstehen und habe mit der Faust auf den Tisch gehauen.

ZEITmagazin: Was haben Sie als erste Frau an der Spitze des höchsten Gerichts verändert?

Limbach: Da muss ich eine Anekdote erzählen. In der S-Bahn kam eine junge Frau zu mir, reckte den Daumen und rief: »Also, die letzten Urteile über Kruzifix, ›Soldaten sind Mörder‹ und Sitzblockaden: toll!« Ich wandte ein, dass ich an keinem Beschluss mitgewirkt hätte, zuständig war der Erste Senat. Darauf sie: »Aber erst seitdem Sie da sind, entscheidet das Gericht so vernünftig.« – Ist das nicht hübsch? Ich glaube nicht, dass ich Einfluss hatte, aber der Erste Senat kann sich wirklich etwas auf seine Liberalität zugutehalten.

ZEITmagazin: Sie waren früh in Positionen, als noch nicht so liberal gedacht wurde. Wie haben Sie Arbeit, Ehe und drei Kinder zusammengebracht?

Limbach: Wir hatten ein Kindermädchen und den Kindergarten. Ich bin im richtigen Elternhaus groß geworden, wo Frauen immer berufstätig waren, und ich habe den richtigen Mann geheiratet, der sich die Aufgaben mit mir geteilt hat. Er hat sogar mehr geleistet als ich, obwohl er auch voll berufstätig war. Als sich das dritte Kind ankündigte, hatte ich schon eine Krise, aber mein Doktorvater fand es selbstverständlich, dass Frauen Kinder kriegen und arbeiten. Wie häufig habe ich gehört: Wie machen Sie das bloß? Kaum war ich Berliner Senatorin, musste ich lesen, was für ein mütterlicher Typ ich sei. Meine Kinder könnten sich totlachen über dieses Etikett!

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ZEITmagazin: Nach allen Ämtern: Genießen Sie jetzt Ihre persönliche Freiheit?

Limbach: Doch, das ist eine Wohltat! Ich hatte immer den Eindruck, nur Amtsperson zu sein. Stellen Sie sich vor, ich hätte einen über den Durst trinken wollen. Nicht dass ich dazu neigen würde, aber das kam gar nicht infrage! Jetzt bin ich ein Privatgeschöpf und kann ich mich freier bewegen. Doch unsere 14-tägige Runde im Gericht fehlt mir schon. Wenn man unter lauter eggheads bestehen will, muss man enorm lernbereit sein, eine Haltung haben und wissen, dass sich die Vernunft auch mal auf der anderen Seite aufhalten kann.