Leise und heimlich, ohne Blaulicht und Martinshorn, rollen Mannschaftsbusse, Kombis und Limousinen der Polizei an einem Donnerstagmorgen im November 2011 in das verschlafene Städtchen Oberndorf zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb. Die Kolonne steuert ein mittelständisches Unternehmen an, dessen Name in den Kriegsgebieten dieser Welt so bekannt ist wie anderswo Mercedes-Benz.

300 Beamte der Bereitschaftspolizei, Ermittler der Staatsanwaltschaft Stuttgart und Kriminalpolizisten durchsuchen die Zentrale von Heckler & Koch, nach eigenen Angaben eines der »führenden Unternehmen auf dem Gebiet der Handfeuerwaffen« weltweit. Polizeibusse parken vor den mit roten und graumetallischen Platten verkleideten Gebäuden. Drinnen stockt die Produktion. Polizisten laden Kartons, gefüllt mit Aktenordnern, Computern und Speicherträgern in die Fahrzeuge – rund 150 Kisten werden es am Ende der Razzia sein. Gleichzeitig durchsuchen Polizisten sechs Wohnungen und Häuser von aktuellen und ehemaligen Heckler-&-Koch-Chefs.

Die Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität aus Stuttgart ermittelt seit dem Frühjahr 2010 gegen Heckler & Koch wegen Waffenausfuhren nach Mexiko . Bereits Ende 2010, drei Tage vor Heilig Abend, fand eine erste Razzia in der Firmenzentrale statt. Seitdem kamen neue Vorwürfe dazu, denn auch im Libyenkrieg tauchten Waffen aus Oberndorf auf.

Bei den Ermittlungen geht es um das Sturmgewehr G36, die Standardwaffe der Bundeswehr . »Das G36 ist perfekt geeignet für infanteristische Aufgaben im abgesessenen Kampf. Optimal in der Handhabung, im Gewicht und der Feuerdichte im Nahkampf«, wirbt Heckler & Koch. Bis zu 750 Schuss pro Minute feuert die Waffe ab. Deutsche Soldaten schätzen das Gewehr. In den Feldlagershops in Afghanistan werden Uniformaufnäher verkauft mit dem Aufdruck: »There are problems, only HK can solve«.

Heckler & Koch in Zahlen. Um die Grafik zu öffnen, klicken Sie bitte auf das Bild© ZEIT-Grafik

Die Sturmgewehre und Maschinenpistolen von Heckler & Koch kommen weltweit in fast jedem Konflikt zum Einsatz : In brutalen Bürgerkriegen in Afrika, bei der Aufstandsbekämpfung in Afghanistan , in Mexiko bei Gefechten zwischen Polizei und Drogenkartellen. Die Rote Armee Fraktion (RAF) verewigte die MP5 in ihrem Logo. Noch bekannter ist das G3, das alte Standardgewehr der Bundeswehr, Dutzende Staaten setzen es ein. Das G36 könnte eine ähnliche Verbreitung finden, befürchten Rüstungsgegner. Weltweit zeigen Armeen Interesse an dem Sturmgewehr made in Oberndorf.

Auch mexikanische Sicherheitskräfte beschlossen 2005, das G36 anzuschaffen. Heckler & Koch beantragte beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa) den Export der Sturmgewehre und legte dabei die vorgeschriebenen Endverbleibszertifikate vor, ausgestellt vom Secretaría de la Defensa Nacional, Dirección General de Industria Militar, der mexikanischen Beschaffungsstelle für Heer und Polizei. Darin bestätigten die Mexikaner, dass die Gewehre bestimmte Bundesstaaten nicht verlassen werden.

Die Bafa genehmigte den Export. Lediglich die Polizeibehörden in Chiapas, Jalisco, Guerrero und Chihuahua sollten keine Sturmgewehre aus Deutschland erhalten, denn dort kämpfen Polizisten in einem brutalen Drogenkrieg . Die lokalen Beamten gelten als korrupt, ihnen werden Verstöße gegen Menschenrechte vorgeworfen. Dennoch gelangte das G36 auch in diese vier Bundesstaaten.

Heckler & Koch trage daran keine Schuld, versichert das Unternehmen, man halte sich an die Gesetze. Fragen der ZEIT beantwortete die Firma nicht. Die Anwälte hätten empfohlen, »derzeit keinerlei Aussagen gegenüber den Medien zu treffen«, schreibt Heckler & Koch. Bei den Stuttgarter Staatsanwälten heißt es, dass es starke Hinweise auf einen Verstoß gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz gebe. Die Ermittler stützen sich vor allem auf einen ehemaligen Mitarbeiter von Heckler & Koch, der zu den Geschäften in Mexiko ausgesagt hat. Er habe seinen früheren Arbeitgeber verlassen, weil er Angst davor gehabt habe, wegen seiner Tätigkeit für Heckler & Koch angeklagt zu werden.