Ostkurve Ein Liebesleben
Ruhm und Preis dem MDR! An jedem letzten Donnerstag im Monat bietet er ein besonderes TV-Konzert. Zuletzt erklang der Auftritt von John McLaughlin & Paco De Lucia in Ost-Berlin. 17. Juli 1987: ein unvergesslicher Sommernachtstraum. 8.000 Verzückte überfüllten die kleine Insel der Jugend. Kartenlose Enthusiasten durchschwammen die Spree. Das Glück steckte die Musiker an. Für den Sonntag reporternd, saß ich bis zum Morgengrauen bei meinen Gitarrengöttern. Aufgekratzt palaverte der Engländer McLaughlin. Der Andalusier De Lucia lächelte, schwieg und lauschte dem Regen.
Derlei Konzerte waren Glasnost-Glockenspiele in der DDR. Dass sie erklangen, verdankte sich Enthusiasten, die sich der dekadenten, imperialistisch verseuchten »Affenmusik« (W. Ulbricht) weihten – als Musiker oder schwejkschlaue Multiplikatoren. Einer der größten ostdeutschen Jazz-Aktivisten ist eine Dresdner Berühmtheit: Karlheinz Drechsel, der nun im Gespräch mit Sohn Ulf seine geschichtspralle Biografie veröffentlicht hat: Zwischen den Strömungen. Mein Leben mit dem Jazz .
Dieses Leben begann 1930 und lehrte den jugendlichen Swing-Fan beizeiten, dass Jazz und Diktatur sich nicht vertragen. Die Mutter half Juden, die der Großvater hasste: Sie seien schuld an allen Übeln, auch an Dresdens Untergang. Drechsel überlebte den Feuersturm im Luftschutzkeller. Ideologischen Scharmützeln abgeneigt, wurde er ein tätig Liebender der Musik. Manch Freejazzer hat Drechsels Bildungsbürgerei begrinst, sein Traditionsbewusstsein, sein korrektes Wesen. Sein Enthusiasmus war DDR-typisch. Mangel macht hungrig, Zensur lehrt schreiben, und was man liebt, das kauft man teuer.
Am 29. März sendet der MDR Joe Cockers Ostberliner Konzert vom 1. Juni 1988.
- Datum 09.02.2012 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 9.2.2012 Nr. 07
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