Armut in KronbergAbend der harten Herzen

Das ZEIT-Dossier über Maria und Josef rief im reichen Kronberg Empörung hervor. Unser Reporter folgte der Einladung zu einer Diskussion am Ort. Das Gespräch verlief hitzig. von 

Am 22. Dezember 2011 druckte die ZEIT ein Dossier unter der Überschrift Maria und Josef im Ghetto des Geldes. Verkleidet als obdachloses Paar, waren die Schauspielerin Viola Heeß und ich, Redakteur dieser Zeitung, in den Hochtaunuskreis gefahren, wo die kaufkräftigsten Deutschen leben. Wir wollten wissen, wie Reiche auf Arme reagieren. Auf der Suche nach einer Herberge – oder auch nur nach einem guten Wort oder etwas zu trinken – zogen wir eine Woche lang durch die Gemeinden Kronberg und Königstein, bekannt für ihre Villenviertel. Für eine Nacht fanden wir Unterkunft beim katholischen Priester. Ansonsten wurden wir meist ignoriert oder abgewiesen, vom evangelischen Pfarrer, vom Pfadfinderheim, vom Lions Club. Ein unbedarftes Kind bezeichnete uns als "faule Feiglinge", ein Teenager ließ uns wissen, unter Wohlhabenden sei es "scheiße für solche wie euch".

Die Reportage stieß eine Debatte an, die bald bunter und facettenreicher war, als es ein einzelner Artikel je sein kann, und die bis heute andauert: Längst erhält die ZEIT Leserbriefe zu Leserbriefen. Darin wird über Verteilungsgerechtigkeit nachgedacht und über die Frage gestritten, ob das Steuerzahlen von der Pflicht zu spontaner Hilfe befreie – also ob der Sozialstaat Mitgefühl überflüssig mache.

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Auch die ZEIT-Redaktion war sich nicht einig: Wären wir an einem anderen Ort besser behandelt worden? Hätten wir anders gehandelt als die, die wir gefragt haben? Sind durch eine List generierte Situationen überhaupt echt? Oder sind sie es gerade, weil die Menschen keine Gelegenheit haben, sich zu verstellen?

Am Montag letzter Woche bot sich die Gelegenheit, zurückzukehren an den Schauplatz des Geschehens und die Debatte persönlich zu führen: Der evangelische Dekan für Kronberg, Eberhard Kühn, hatte uns eingeladen, mit den Bürgern der Stadt über die Reportage und das Thema "Armut und Reichtum" zu sprechen. Es ging ihm dabei auch um eine Ehrenrettung: Anders als der Königsteiner Pfarrer hatte uns der Kronberger nicht ins Pfarrhaus gelassen, sondern auf unsere Frage "Wissen Sie, wo man hier übernachten kann?" geantwortet: "Meines Wissens gibt es hier nichts." Erst auf unser wiederholtes Bitten hin hatte er eine Tüte mit Lebensmitteln gepackt, uns 20 Euro gegeben und – nach minutenlanger Suche im Internet – einen Computerausdruck durch die Tür gereicht: die Adresse einer Jugendherberge im benachbarten Bad Homburg.

Die Schilderung dieser Szene hatte in Kronberg für Empörung gesorgt – und zwar über den Artikel. Nun, zur Aussprache kamen 200 Bürger in den Gemeindesaal, standen bis ins Treppenhaus, dazu Reporter anderer Blätter.

Pressestimmen

Taunus Zeitung, 1. Februar: »Es gibt verschiedene Mechanismen, um auf Vorwürfe zu reagieren. Man kann dem vermeintlichen Gegner unlautere Absichten unterstellen, ihm vorwerfen, er habe die falschen Mittel gewählt, um seinem Ziel näherzukommen, man kann ihm fehlende Sachkenntnis vorhalten und man kann ihn in die Nähe der Nazis rücken. Die ganze Bandbreite dieser Reaktionen gab es (…) zu beobachten.« – »Den Eindruck, er sei aus Hamburg mit einem vorgefertigten Bild nach Kronberg gereist, das er mit seiner Reportage nur habe bestätigen wollen, konnte Sußebach nicht widerlegen.«

FAZ

FAZ, 1. Februar.: »Sportsgeist weiß man in Kronberg zu schätzen. (…) Immer wieder würdigen selbst die kritischsten Zuhörer, dass sich der Redakteur (…) in den Hartmutsaal der evangelischen Gemeinde St. Johann getraut hat.« – »›Warum haben Sie den Artikel nicht über einen Hamburger Vorort oder in Starnberg geschrieben?‹, lautet eine der ersten Fragen.«

Kronberger Bote

Kronberger Bote, 12. Januar: »Die hohen Hecken und Zäune, die fehlenden Namen, die stets verschlossenen Türen und die vielen Kameras (…) können Menschen, die nur zu einem Kurzbesuch da sind, tatsächlich erschrecken.« – »Die heftigen Reaktionen auf diesen Artikel lassen darauf schließen, dass zumindest ein Körnchen Wahrheit darin enthalten sein muss, oder?«

Der Pfarrer rechtfertigte sein Verhalten mit dem Hinweis, regelmäßig stünden Bittsteller vor seiner Tür, aufgrund seiner Erfahrung habe er uns nicht für "echt" gehalten. Und seit ihm vor Jahren einmal Betrüger an die Kehle gegangen seien, lasse er niemandem mehr hinein.

Das ist nachvollziehbar. Allerdings finde ich als journalistischer Vertreter der Obdachlosen: Ein Geistlicher, der behauptet, regelmäßig Herbergssuchende vor seiner Tür zu haben, muss auf die Frage nach einer Unterkunft mehr antworten können als "Meines Wissens gibt es hier nichts".

Leserkommentare
  1. In einem dreiteiligen Vortrag mit Diskussion wurden Mitgefühl, Ethik, Moral und Grozügigkeit in unserem Verein diskutiert.
    Hierbei kamen wir zu folgendem Schluss: Die Neurobiotethik hat belegen können, dass Spiegelneuronen mehr oder weniger ausgeprägt sind. Sie sind der Motor des Mitgefühls und können aufgrund der funktionskernspintomographischen Untersuchungen (BION Gießen, Harvard Boston usw.) in der Insel bds. temporal im Hirn lokalisiert werden. Man kann sie auftrainieren, z. B. durch Meditation liebevoller Güte (lat.: Caritas, sanskrit: Metta) oder aber auch unterdrücken.
    Mich würden neuroradiologische Untersuchungen dieser Neuronen bei mitgefühlsreduzierten Menschen interessieren.
    Ob der Artikel hilfreich war, Mitbürgern in den reichsten Gemeinden Deutschlands Mitgefühl näher zu bringen, ist wohl zu verneinen. Ob es Not tut, würde ich zutiefst bejahen. Ich halte allerdings das Mittel für ungeschickt.

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    Es droht der FDP-Effekt. Angesprochen auf die Ungerechtigkeit flüchten sich die Ertappten in grenzenlosen Zynismus und tarnen es als Weltverstand.

    Mitgefühl kann nur von der geistigen Elite ausgehen nicht von der materiellen. Nicht nur wenn ich so manchen Leitartikel in der Zeit lese, verlässt mich da jede Hoffnung.

    Unsere geistige Elite kuschelt sich seit Jahren zu Füßen der Reichen zusammen. Dort, weit weg von Mangel, Not und Kälte lassen sie die Musen zu sich sprechen und philosophieren z. B., dass man Faule wohl noch faul nennen dürfe.

    Die Kronberger leben nur das nach, was man ihnen vorgesagt hat. Dazu leisten sie sich die Zeitungs-Abos.

    Ich bin froh, dass es in Deutschland so Menschen gibt wie den Autor dieses Artikels. Wenn mich demnächst in Hamburg ein Obdachloser anspricht werde ich auf die adresse des Autors verweisen. Diese werd ich mich bemühen herauszufinden. Er wird den Obdachlosen gerne Asyl gewähren.Wenden sie sich bitte an Herrn Henning Sussebach.

    Der Unterscheid zwischen mir und dem Autor liegt darin, dass ich keinen Obdachlosen zu mir lassen würde. Ich hätte zu viel Angst und mir wäre es unangenehm wenn ein Fremder in meiner Wohnung wäre. WEnn ich was deftiges zum Essen hätte, hätt ich das jedoch geteilt, je nach dem wie ich gefragt worden wäre.

    zu den trainierbaren spiegelneuronen in der insula, die ja was mit mitgefühl zu tun haben sollen, lesen. daher bitte ich um die quellen, gerne an meinen persönlichen account.
    vielleicht ists ja gar nicht die insula, vielleicht ist es das frontalhirn.
    ob die bunten bildchen hier allerdings weiter helfen, wage ich zu bezweifeln. letztlich zählt das verhalten. und das wirft ein nicht gerade strahlendes licht auf das "ghetto".

    Erstens ist die Theorie der Spiegelneuronen inzwischen nicht mehr so ganz aktuell.

    Zweitens: Brauchen wir wirklich neurobiologische Erkenntnisse, die immer nur aktueller Stand der Forschung sein können, um menschlich zu sein?

    Ich persönlich habe durch Kontakt mit Menschen, denen es nicht so gut geht (und ich bin traurig, wie oft ich mich darum gedrückt habe), fast immer gewonnen und dazugelernt. und ich habe das Gefühl, diejenigen, die sich vor entsprechenden Kontakten drücken, müssen halt nachlernen, wenn es ihnen selbst dreckig geht. Und ohne das geht keiner aus diesem Leben.

  2. Es war von der "Diskussion" nichts anderes zu erwarten. Wenn der Artikel und die Methode wirklich so lügnersich und falsch war, könnte man dem mit anderen Mitteln begegnen. Stattdessen wählt man den Angriff, weil man zu Recht davon ausgeht, dass der Artikel von den Außenstehenden eben nicht als lügnerisch wahrgenommen wird.
    Die Aussagen* dieser Menschen zeigen doch eine erschreckende Weltfremdheit. So krass hätte ich die Situation vorher gar nicht eingeschätzt.

    * "Außerdem seien die Kronberger sehr gastfreundlich – schließlich öffneten Privatleute Jahr für Jahr ihre Häuser, wenn die Kronberg Academy Unterkünfte für junge, hochbegabte Musiker suche."

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    • bugme
    • 12. Februar 2012 21:46 Uhr

    ...gern wäre man in der Zeitung als Christlich Nächstenliebender abgedruckt worden. Da aber die meisten Menschen Probleme haben selbstkritisch zu sein (Und da sind reiche keine Ausnahme) wurde eben die Realität gezeigt. Die wenigsten gehen an Weihnachten in sich und denken über den Ursprung und Sinn dieser Feier nach. Man ist im Einkaufsstress und man hat gerade anderes im Kopf.

    Die Vertreter der Katholischen und Evangelischen Kirchen bereiten sich auf den Hauptevent des Jahres vor. Ihre chance denen Leuten einen Gedanken mitzugeben, die nur einmal im Jahr in der Kirche sehen.
    Wenn der Evangelische Pfarrer wirklich schonmal überfallen wurde ist es auch leider zutiefst Menschlich, dass man Angst hat, sie aber in dieser Situation definitiv nicht zeigen möchte. Seine Klarstellung später und ihre Sicht der Dinge passen auf jeden Fall zusammen. Es ist wohl ein trauriger Fakt, dass viele Lügner und Kriminelle dafür sorgen, dass viele Menschen Angst vor dem Helfen haben.

    Aber ein Vorschlag für die Redaktion: Versuchen Sie es doch im nächsten Jahr mit einer anderen sozialen Klasse - Eventuell ergibt sich dort ein "Christmas Carol". Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass in sozialen Schichten, in denen man besser nachempfinden kann, wie es ist vor dem nichts zu stehen, auch eher bereit ist zu teilen. Eventuell können Sie ja auch noch ein paar andere Kirchen (die ebenso Weihnachten feiern) "durchprobieren".

    • Hickey
    • 13. Februar 2012 13:23 Uhr

    Das ist erstaunlich, weil ich die Reichen genauso so einschätze.

    Zuviel Geld und zuviel Macht verderben nahezu jeden Charakter...da können die noch sooviele hochbegabte Musiker einladen wie sie wollen, im Gegenteil das zeigt in welche Gesellschaft man sich einbringen will.

    Durch die Musiker erhoffen sich die Reichen nun auch noch zu einem Kulturkreis zugehörig zu sein, von dem sie keine Ahnung haben.

    Und jetzt kommts erst...wie dumm muss man sein, einem begabten Menschen zu helfen der ja sowieso zurecht kommt und einer der Hilfe wirklich nötig hat wird links liegen gelassen.

  3. 3. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Beleidigungen und Unterstellungen, Danke, die Redaktion/jz

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    Entfernt. Bitte beachten Sie, dass der Kommentar, auf den Sie sich beziehen, mittlerweile entfernt wurde. Danke, die Redaktion/jz

  4. 4. [...]

    Entfernt. Bitte beachten Sie, dass der Kommentar, auf den Sie sich beziehen, mittlerweile entfernt wurde. Danke, die Redaktion/jz

    Antwort auf "[...]"
    • Sarange
    • 12. Februar 2012 14:59 Uhr

    Ich habe den Artikel damals auch mit Kopfschütteln und Unbehagen gelesen. Zum einen wegen der konstruierten und letztlich erlogenen Situation, zum anderen wegen der Forderungen, die Sie im Blick auf die angeblichen beruflichen Pflichten von PfarrerInnen erheben: Wer regelmäßig mit Bittstellern an der Tür zu tun hat (und das haben PfarrerInnen in der Tat öfter, als Sie sich offenbar vorstellen können), entwickelt eine Intuition für echte bzw. eher nur dargestellte Not und begegnet letzterer mit gesundem Misstrauen. Mal ehrlich, würden Sie selbst denn eine bei Ihnen klingelnde abgerissen wirkende Person, die Sie nicht kennen und der Sie instinktiv diffus nicht trauen, bei sich in der Wohnung übernachten lassen? Doch wohl eher nicht. Und warum sollte ein Pfarrer das tun? Sein Haus ist kein Asyl und keine Wärmestube, sondern eine Privatwohnung wie Ihre auch. Vielleicht betreibt die örtliche Diakonie eine entsprechende Einrichtung. Aber wie kommen Sie darauf, dass Pfarrhäuser soziale Einrichtungen seien? Viele Gemeinden haben auch keine offiziell dafür bestimmten Gelder für spontane Hilfsaktionen an Bedürftige oder Pseudobedürftige.

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    "Wer regelmäßig mit Bittstellern an der Tür zu tun hat (und das haben PfarrerInnen in der Tat öfter, als Sie sich offenbar vorstellen können), entwickelt eine Intuition für echte bzw. eher nur dargestellte Not und begegnet letzterer mit gesundem Misstrauen."

    Projektionen gehören übrigens zu den recht unangenehmen Abwehrmechanismen und zeigen hinsichtlich des Strukturniveuas eher nach unten.

    • Capo321
    • 12. Februar 2012 19:04 Uhr

    Kleiner Tipp: Pfarrer sollten beschriebene "abgerissen wirkende Person(en)" nicht mit "gesundem Misstrauen", sondern mit offenem Herzen begegnen. Wie sie vielleicht wissen ist Reichtum im Christentum bestenfalls belanglos. Ich betone bestenfalls.
    Ich hoffe, dass unsere Art Menschen nach Äußerlichkeiten und Vermögen zu beurteilen, nicht auch noch die Geistlichen durchdrungen hat, denn dann hätten sie einen wesentlichen Teil des neuen Testament nicht verstanden.

    Allerdings will ich hier keinem einen Vorwurf machen. Allenfalls hätte der Autor bedenken sollen, in welchem Land er lebt. Ich glaube es gibt kein Land in dem man Habenichtsen großherzig gegenübertritt. Bei uns gesellt sich eine Bestandsangst hinzu (vll. auch noch in anderen Ländern). Eine ständige Sorge übertölpelt und beraubt zu werden, die höchstens gegen Weihnachten und an kollektiven Besäufnissen weicht (Fussball WM/EM, Oktoberfest etc.).

    Aber wie gesagt, schade, dass die Kirchenvertreter so bescheiden aufgetreten sind. Sie sind eben auch nur Menschen :(.

    Mich erinnert diese Geschichte ein wenig an Walraff's Dokumentation "Schwarz auf Weiß". Der investigative Journalist hat dort null Ahnung von der Rolle in die er schlüpft (er möchte sein Klischee bestätigen und keine Erkenntnisse gewinnen) und je nach Grad der Selbstüberschätzung kein Gefühl dafür, dass er seine Rolle äußerst schlecht spielt.

    Walraff dürfte in seiner Doku niemandem als Afrikaner vorgekommen sein, sondern als angemalter Weißer. So kriegt man natürlich abwertende Reaktionen seiner Mitmenschen.

    Von der Objektivität der Zeit-Journalisten bin ich leider wenig überzeugt, wenn diese sich kurz vor Weihnachten als bettelarme Familie ausgeben um die Reaktionen der Wohlhabenden niederzuschreiben.

    Die fehlende Objektivität ändert natürlich nichts an den Reaktionen der Besuchten. Aber die auch zugegebene Voreingenommenheit lässt mich doch daran zweifeln, dass den Schauspielern das wichtigste fehlte zum guten Spielen einer Rolle: Reflexion.

    Ich hätte wohl die Polizei gerufen, wenn jemand mit Schminke im Gesicht, saubersten Bildungsbürger-Deutsch und halb herunter hängendem Faschings-Bart mich um eine Bleibe bittet.

    Disclaimer: Ich habe den Zeitungsartikel nicht gelesen, aber auf dem Online-Foto wird mein Eindruck schlechter Schauspielkunst eher bestätigt.

    Wie Sie habe ich den Artikel damals ebenfalls mit einigem Unbehagen zur Kenntnis genommen, aber was ich nun gelesen habe, stimmt mich eher ein bisschen traurig.

    Der Artikel (wie polarisierend auch immer) sowie die lebhafte Diskussion bot eine Chance, das eigene Verhalten zu hinterfragen (was im Forum viele ja auch getan haben und was ich sehr ermutigend fand) sowie eine Möglichkeit, aufeinander zuzugehen und Verständnis für die jeweils andere Position aufzubringen.

    Wenn sich aber nun, wie dieser zweite Artikel beschreibt, die Fronten eher verhärtet haben, finde ich das sehr schade.

    Ich finde Ihre Einstellung absurd, nach der ein Pfarrer zwar die Kirchengemeinde aufruft, gemaess den Vorstellungen des neuen Testamentes zu leben, aber in seinem Privatleben, eben diese christlichen Ideale fuer sich ueber den Haufen wirft. Es geht doch garnicht darum, dass er sein Privatbett haette anbieten sollen, aber er haette sich des Falls, so wie es eben in der Bibel steht, annehmen muessen und das hat er nicht gemacht. Also predigt dieser Pfarrer etwas, was er aber selbst ablehnt. Als Atheist ueberrascht mich das nicht, aber fuer die Kirche ist es einfach nur peinlich und konsequenterweise sollte man saemtliche staatlichen Privilegien und Subventionszahlungen einfach einstellen. Und Ihr Einwand, der Pfarrer koennte einfach mal so entscheiden, wie glaubwuerdig jemand ist, ist wohl eher eine Schutzbehauptung, denn sonst muesste man ja unterstellen, ein Polizist erkennt sofort einen Verbrecher und ein Banker einen schlechten Schuldner. Beides wollen Sie ja wohl nicht ernsthaft behaupten.

    • MoonSet
    • 13. Februar 2012 21:48 Uhr

    Ich finde in einem Kommentar diese Frage interessant:
    "Mal ehrlich, würden Sie selbst denn eine bei Ihnen klingelnde abgerissen wirkende Person, die Sie nicht kennen und der Sie instinktiv diffus nicht trauen, bei sich in der Wohnung übernachten lassen?"

    Vermutlich nicht. Ich lasse bei mir zu Hause gerne Couchsurfer unterkommen, aber mit denen haben ich immerhin vorher Mailkontakt. Aber wenn eine solche fremde Person vor meiner Tür stünde, wüsste ich wo ich die hinschicken kann und wenn ich es nicht wüsste, dann würde ich ernsthaft darüber nachdenken. Obwohl ich kein Pfarrer bin, weiß ich wo die nächsten Notunterkünfte sind. Persönlich weigere ich mich zu glauben, dass die einzige Möglichkeit sein Sicherheitsbedürfnis zu stillen in einem kaltherzigen Abweisen liegt. Und ob nun obdachlos oder nicht, absolut jeder kann in eine Notsituation kommen und vielleicht auf fremde Hilfe angewiesen sein. Und wenn zu mir jemand käme und ich ihn für einen Betrüger hielte, dann würde ich ihm kein Geld geben, damit er/sie verschwindet.

    • Sarange
    • 12. Februar 2012 14:59 Uhr

    Unterscheiden Sie doch bitte einmal zwischen sozialen Einrichtungen, die die Kirche betreibt (und die in der Tat für echte Notfälle zuständig wären) und zwischen Ortsgemeinden (die dafür meist keinen Topf haben) und zwischen dem Pfarrer / der Pfarrerin, die als Amtsträger vielleicht gewisse Spielräume haben und als Privatpersonen gewissen moralischen Konzepten folgen sollten, aber mitnichten qua Beruf verpflichtet sind, Bittsteller ins Haus zu lassen oder Ihnen das, was Sie als "angemessen" wahrnehmen (also offenbar mehr als eine Tüte Essen und 20 Euro?), aus eigener Tasche zukommen zu lassen. Wer als PfarrerIn die Kapazitäten hat und den Notfall für echt hält, wird wohl eher versuchen, den Menschen beim Stellen der entsprechenden Anträge zu helfen... Denn zum Glück MUSS in diesem Land niemand obdachlos sein.

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    der Mariengemeinde in Mülheim/Ruhr, der bis zu 50 Menschen gleichzeitig Asyl gewehrte und sich die Hacken wundlief, um Geld für deren Versorgung zusammenzubetteln.

    Die Leute müssen endlich verstehen, dass Pfarrer ein Berufsbild ist, wie jedes andere auch. Wenn einer gut reden kann oder gern predigt oder überzeugend mildtätig guckt, dann ist er zum Pfarrer halt vielleicht besser geeignet als zum Finanzbeamten.

    Auch Pfarrer loten vor ihrer Berufswahl ihre Eignungen aus. Es wäre vermessen und auch ungerecht, daraus überzogen moralische Ansprüche abzuleiten. Natürlich haben Pfarrer auch Verantwortung ihrer Gemeinde gegenüber. Sie müssen gerade in reichen Gemeinden ganz besonders das Bewusstsein vermitteln, dass Gott den reichen Schäfchen nicht böse ist, nur weil sie reich sind.

    Es wäre zu Lasten der ganzen Republik, wenn gerade die Reichen in Selbstzweifel verstrickt bei ihrer Leistungsträgerschaft nachließen. Das kann sich eine Exportnation wie Deutschland gar nicht leisten. Gerade die Leistungsträger müssen unterstützt und in ihrem Tun bestätigt werden. Vielleicht mehr als alle anderen.

    Unsere Regierungen wissen das schon lange. So wie man die einen fördern und fordern muss, so muss man mit den Reichen kuscheln und knuddeln, wenn man will, das sie einem auch morgen noch wohlgesonnen sind.

  5. 7. [...]

    Schön, daß Sie auf Details ablenken. Aber meines Wissens hat niemand Herrn Sussebach zum Sprecher oder journalistischen Vertreter der Obdachlosen ernannt. Nur weil sich jemand wie ein studentischer Rucksacktourist verkleidet, wird er noch lange zum "Vertreter" irgendeiner Gruppierung.

    Gekürzt. Bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl. Danke, die Redaktion/jz

  6. "Wer regelmäßig mit Bittstellern an der Tür zu tun hat (und das haben PfarrerInnen in der Tat öfter, als Sie sich offenbar vorstellen können), entwickelt eine Intuition für echte bzw. eher nur dargestellte Not und begegnet letzterer mit gesundem Misstrauen."

    Projektionen gehören übrigens zu den recht unangenehmen Abwehrmechanismen und zeigen hinsichtlich des Strukturniveuas eher nach unten.

    Antwort auf "Pfarrhäuser 1"
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    //Projektionen gehören übrigens zu den recht unangenehmen Abwehrmechanismen und zeigen hinsichtlich des Strukturniveuas eher nach unten.//

    Das was Sie betreiben, nennt man Unterstellung und ist ein Hinweis auf einen Mangel an Argumenten oder Charakter.

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  • Schlagworte Armut | Debatte | Obdachlose | Reichtum | Reportage | Bad Homburg
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