InternetnutzungIch messe, also bin ich

Die nächste Internetwelle schwappt nach Deutschland über: Sensoren am Körper erfassen das Selbst.

Fiebermessen mit dem iPhone? Kein Problem. Danach kann man die Daten online speichern.

Fiebermessen mit dem iPhone? Kein Problem. Danach kann man die Daten online speichern.

An seinem Gürtel hängt eine daumengroße Klemme, ein "fitbit". Das Gerät zählt jeden der Schritte, die Florian Schumacher durch München geht, zur Arbeit, zum Einkaufen, nach Hause, und übermittelt die Zahl auf die fitbit-Homepage. Mit seinem Mittelwert, 8123 Schritte pro Tag, liegt er in der fitbit-Freundesliste gerade auf dem zweiten Platz. Erreicht er 10.000 Schritte am Tag, belohnt ihn das System mit einem Orden, nur auf dem Bildschirm natürlich.

Er versuche, so viel wie möglich zu Fuß zu gehen, sagt Schumacher, dann fühle er sich wohler. Auch seine Waage ist ans Internet angeschlossen. Am Rechner kann er verfolgen, wie seine Diät anschlägt, die er ebenfalls dokumentiert.

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Schumacher, 31, Produktmanager, gehört zu einem Netzwerk, das vor einigen Jahren in den Vereinigten Staaten entstanden ist. Die Mitglieder wollen mit Elektronik und Statistik der eigenen Person näherkommen: Quantifiedself heißt ihre Homepage, ihr Motto Self knowledge through numbers, Selbsterkenntnis durch Zahlen.

Der Urahn des datenbasierten Lebens ist ein gewisser Gordon Bell, Jahrgang 1934. Als Forscher bei Microsoft Research begann er bereits in den neunziger Jahren, sein gesamtes Leben aufzuzeichnen, hängte sich ein Mikrofon um den Hals und eine Kamera, die Foto für Foto seinen Alltag dokumentierte. Darüber hat er ein Buch geschrieben (das es übrigens sogar gedruckt gibt): Your Life, Uploaded: The Digital Way to Better Memory, Health, and Productivity.

Will der Mensch sich verstehen, braucht er Maschinen

Bell griff eine Idee auf, die aus dem Zeitalter des Mikrofilms stammt. In dem Aufsatz As we may think imaginierte Vannevar Bush 1947 das Memex, ein Gerät, "in dem ein Individuum all seine Bücher, Akten und seine gesamte Kommunikation speichert und das so konstruiert ist, dass es mit außerordentlicher Geschwindigkeit und Flexibilität befragt werden kann. Es ist eine vergrößerte, persönliche Ergänzung seines Gedächtnisses." Was damals die Größe eines Schreibtisches haben sollte, steckt heute in einem Smartphone. Wer will das missen: Mehr Effizienz dank "außerordentlicher Geschwindigkeit und Flexibilität".

"Uns fehlt sowohl die leibliche als auch die geistige Apparatur, eine Bestandsaufnahme unseres Selbst zu machen. Wir brauchen Hilfe von Maschinen", schrieb der Quantified-Self-Mitbegründer Gary Wolf vor zwei Jahren im New York Times Magazine. Das Bauchgefühl wird abgelöst durch präzise Erfassung: Ich messe, also bin ich.

Zu amerikanischen Quantified-Self-Treffen kommen inzwischen mehr als hundert Teilnehmer. Im November fand eine erste europäische Konferenz in Amsterdam statt, und nun gibt es auch in Deutschland die ersten Treffen, in Berlin, Hamburg, Aachen.

Florian Schumacher rief bei Facebook, auf seinem Blog igrowdigital und auf den Seiten von Quantified Self zu einem Zusammentreffen in München auf. Vergangene Woche, am 1. Februar, war es so weit. In einer Kneipe mit dem schönen Namen Niederlassung verteilt sich die Vorhut auf ein Sofa und ein paar Stühle vor einer Fototapete mit Bücherwandmotiv.

Der Teilnehmer Stefan Heeke erzählt, wie er jeden Abend in einer Excel-Tabelle seine Stimmung beziffert, auf einer Skala von eins bis zehn. Er möchte herausfinden, was im Leben ihn wirklich erfüllt. Deswegen prüft er jeden Tag, ob er seinen Lebenszielen näherkommt.

Das Prinzip stammt von Benjamin Franklin: Mäßigung, Schweigsamkeit, Ordnung – regelmäßig führte der die Liste über dreizehn Tugenden, ihre Einhaltung und Verfehlung. Ganz ähnlich sammeln heute Selbstquantifizierer Daten über sich. Neu ist die automatische Erhebung. Wer mit einem dünnen Sensorenstirnband seinen Schlaf überwacht, muss beim Aufwachen nicht mehr die Uhrzeit notieren. Das macht die Technik.

Apparatebegeisterung treibt die meisten in der Münchner Kneipenrunde an. Florian Schumacher testet in seiner Freizeit neue Selbstvermessungshilfen, die er dann auf seinem Blog vorstellt: Blutdruckmessgeräte mit USB-Anschluss, bewegungsempfindliche Armreifen, Stirnbänder für die Nacht.

Selbstquantifizierer sind Pioniere eines "Internets der Dinge", das langsam heranwächst. Mehr und mehr Gebrauchsgegenstände haben Netzzugang, Radios, Fernseher, Stromzähler und Heizungsthermostate. So wie Freunde auf Facebook plaudern, können sich nun auch Geräte untereinander austauschen: Schumachers Waage meldet Schumachers Computer Schumachers Gewicht. Dadurch wird der Alltag noch dichter mit Daten unterfüttert.

"Erzähle dein ganzes Leben auf einer einzigen Seite!" – so kündigte Mark Zuckerberg im letzten Jahr die Facebook-Chronik an, das neue Nutzerprofil, gedacht als eine Art Lebensprotokoll, geschrieben aus immer größeren Datenströmen.

Von solchen Datenströmen lässt sich das Quantified-Self-Netzwerk tragen. Zur Freude an der technischen Neuerung gesellen sich unternehmerische Interessen: In der Kneipe klappt Florian Schumacher sein iPad auf und klickt sich durch bunte Fenster – Teil einer Selbstvermessungs-App, die er gerade in seiner Freizeit entwickelt. Auch sein Job ist in der Branche angesiedelt: Er arbeitet als Produktmanager für die Marketing-und Beratungsfirma Wearable Technologies. 

Leserkommentare
  1. ...denn der Chip auf der Haut könnte einen Hilferuf an die nächste Ambulanz schicken wenn man selbst nicht mehr kann.
    Oder besser noch die ersten Anzeichen eines Herzinfakts oder Schlaganfalls erkennen und dementsprechend reagieren.

    Andererseits wären vorallem die privaten Krankenkassen an den gleichen Daten interessiert um damit den Preis für die Versicherung "anzupassen".
    Arbeitgeber wären ebenfalls Kunden um zu sehen wie krank der Arbeiter/Angestellte wirklich ist.

  2. Die Inhaber von "geistigen Eigentumsrechten" sind gerade dabei, SICH beim Übergang von der analogen Welt des 20. Jahrhunderts in die digitale Welt ein Schlaraffenland zu schaffen.

    Mit Hilfe von Gesetzes- und Regelwerken wie ACTA & Co. implementieren die RECHTEINHABER unter Ausschluss der Öffentlichkeit Grundsatz-Vereinbarungen darüber, dass sie (und von ihren Gnaden auch ein paar Kreative) Ansprüche auf die Kreativen Leistungen jedes Bürgers erheben. Sie fordern, dass anachronistische Gesetze trotz fundamental geänderter Randbedingungen BLIND UND ZU UNSER ALLER NACHTEIL fortgeschrieben werden.

    Im Zusammenhang mit dem Artikel stellt sich die Frage, wem die Sensordaten gehören! Das "allgegenwärtige Computern" erzeugt natürlich Daten, die einen Wert darstellen. Computer- und Software-Firmen haben die Möglichkeit, die Daten abzugreifen, DIE NUR SIE VERSTEHEN und die neue DATENMONOPOLE erzeugen (Apple-Strategie). Unter dem Vorwand, dass dem Einzelnen die Rohdaten ohnehin nichts nützen, werden sie (über veraltete und "digital unzulängliche" Urheberrechte!) zu exklusiv vermarktbaren Produkten.

    So begrüßenswert diese Entwicklung technologisch auch sein mag, so existenziell für unsere Freiheit ist es UNSERE RECHTE und UNSER EIGENTUM an solcherart erzeugten Daten gesetzlich zu verankern und Zugriff auf diese Daten durch OFFENE und FREIE SCHNITTSTELLEN VERBINDLICH VORZUSCHREIBEN!

    Wir brauchen kein ACTA sondern Rechtund Gesetz, die unser Eigentum und unsere Freiheit im Netz sichern!

    Eine Leserempfehlung
  3. ... "klappt Florian Schumacher sein iPad auf" ... – da wird er aber staunen auf seiner Wolke, der Steve Jobs: Ein iPad zum aufklappen ... . da könnte man doch glatt ein Netbook nehmen.

    2 Leserempfehlungen
  4. Fantastisch! Ein solcher Chip könnte dann auch den Alarm "erhöhter Alkoholwert", "Nikotinvergiftung", oder aber "Bewegungsdefizit" an den Arzt, oder besser noch, gleich an die Krankenkasse senden.
    Leider liegt es nicht im Interesse der Krankenkassen ihren Versicherten Geschenke zu machen. D.h. wenn ein Teil der Versicherten einen "Bonus" auf Grund ihres besonders gesunden Lebensstils bekommen soll, heißt das auch, dass ein anderer Teil einen Malus bekommt. Nämlich alle Raucher, Trinker, Übergewichtigen, Schönheitsoperierten und sonstigen Versicherten, die ihrer Gesundheit vorsätzlich Schaden zufügen. Geschieht ihnen recht.
    Ich wage zu bezweifeln, dass man Lebenserfüllung in einer Exeltabelle messen kann. Erfüllung ist nicht gleichzusetzen mit guter Laune und Wohlbefinden nicht mit Gesundheit.
    Nachdem die meisten anderen Bedürfnisse in unserer Gesellschaft inzwischen für die meisten Menschen recht leicht zu befriedigen sind (Ernährung, finanzielle Sicherheit...), bleibt als neues Ziel die Maximierung der Gesundheit. Also kaufen wir nur kontrollierte (und glückliche!) Lebensmittel, nehmen zusätzlich Nahrungsergänzungmittel, gehen ins Fitnessstudio, trinken täglich ein Glas Rotwein und essen ein Stück Schokolade (wegen dem Herzinfarktrisiko), schlagen aber nicht über die Stränge.
    Dieser Artikel erinnert mich stark an Juli Zehs Befürchtung einer "Gesundheitsdiktatur". (s. auch www.zeit.de/online/2007/4...) Aber alles ist schließlich nur zu unserem Besten!

    2 Leserempfehlungen
  5. Wer sich mit so etwas beschäftigen muss, tut mir leid. Besser wäre es, seine eigene Kreativität und geistige Beweglichkeit zu fördern, anstatt sich noch mehr zu verdummen, indem ich das Urteilen anderen überlasse.
    Wenn ich merke, dass meine Hose nicht mehr passt, esse ich weniger oder bewege mich mehr. So einfach ist das. Wo kämen wir hin, wenn bei jeder kleinen Herzrythmusstörung gleich ein Notarztwagen um die Ecke käme?

    3 Leserempfehlungen
  6. Das „Quantified Self“ in all seinen Varianten ermöglicht faszinierende Einsichten. Zahlen sind nicht alles - aber wenn man bedenkt, wie superb unser Gehirn im Selbstbetrug ist ("Aber ich bin doch schon viel gelaufen / war nur einmal am Kühlschrank / habe jede deiner Mails sofort beantwortet!"), ist etwas binäre Nachhilfe kein Schaden.

    Ich betreibe das in Maßen selbst: Diverse Dienste loggen für mich im Hintergrund die Musik, die ich höre, die Fotos und Tweets, die ich veröffentliche usw. usf. Anderes erfasse ich selbst.

    Es macht manchmal sehr froh (= schöne Erinnerungen in neuem Kontext) und manchmal perplex, was sich da nach ein paar Jahren findet: was man früher wichtig fand, dachte, sagte, erlebt hat, wie man aussah, welche Werte man hatte.

    Daraus kann man Erkenntnisse gewinnen. Nur ein sehr schlichtes Gemüt würde sich zum Sklaven solcher Datenreihen machen. Die kenne ich in Q.S-Kreisen nicht.

    Schade aber, dass mehrere Kommentatoren reflexhaft des Deutschen liebstes Feindbild aufnehmen: böse Großkonzerne (Amis oder Versicherungen; schlimmstenfalls beides), die meine persönliche Daten durchschnüffeln und mich dann drangsalieren, rauswerfen, finanziell ausplündern.

    Meine Güte.

    Man kann Daten selbst sammeln. Man kann selber entscheiden, was man damit tut, wie man sie auswertet, mit wem man sie teilt. Nicht hinter jeder Ecke steht der Große Bruder mit seinen Folterwerkzeugen.

    Man sollte halt sein Hirn nicht ausknipsen, weder aus Technologiebegeisterung noch -phobie.

  7. So ne Computerspielkreisgruppe habe ich mal bei uns in einer Kneipe gesehen. Sie saßen zu acht um zwei Tische, lutschen Brause und tauschten Daten.

    Nach ein paar Stunden vernahm der - will mal sagen: normale Gast - statt dem permaneten Lüftersausen der Klapprechner doch ein paar gesprochene Wörter aus der hinteren Sitzreihe.

    Boah, es kann reden! Wir, mein Begleitung und ich schauten uns an und haben uns in diesem Augenblick wortlos zehnmal mehr gesagt, als die acht den ganzen Abend zusammen.

    Kommunikation kann ja so einfach sein.

    Eine Leserempfehlung
    • eeee
    • 11.02.2012 um 20:59 Uhr

    ... uns bald total

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