Am vergangenen Montag platzte dem Professor der Kragen. Ein Jahr lang hatte er sich im Saal E 700 des Bundestages über Tabellen und Diagramme gebeugt. Er hatte Experten aus aller Welt angehört und höflich mit ihnen diskutiert. Nun aber klagte er entnervt in sein Mikrofon: Nicht einmal Einsichten, die von der Bevölkerung längst akzeptiert seien, würden in diesem Raum gelten. Er sei sicher: »So kommen wir nicht weiter.«

Henrik Enderlein ist Ökonom an der Hertie School of Governance in Berlin und jung schon weit gekommen. Mit der Überzeugung, dass gute Analysen zu neuen Erkenntnissen führen, ist er als Sachverständiger im Bundestag angetreten. Gemeinsam mit 16 weiteren Experten und 17 Abgeordneten wollte er in der Enquetekommission »Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität« den Nutzen und die Kosten des Wirtschaftswachstums untersuchen. Das mag in Zeiten, in denen halb Europa die Deutschen um ihre Wachstumsraten beneidet, nach einem bizarren Zeitvertreib klingen. Doch Enderlein sah in der Enquetekommission ein Forum für vorausschauende Politik. Er und seine Mitstreiter wollten frühzeitig erforschen, wie Deutschland auch künftig reich und lebenswert sein kann – trotz einer alternden Bevölkerung und globaler Umweltprobleme.

Inzwischen jedoch fürchtet nicht nur Enderlein, dass ausgerechnet diese Kommission von klugen Antworten weiter entfernt ist als der Normalbürger. Hanns Michael Hölz, Sachverständiger von der Deutschen Bank, sorgt sich, ob man »ein Ergebnis bekommt, mit dem man vor das deutsche Volk treten kann«. Ver.di-Gewerkschafter Norbert Reuter ärgert sich, dass »immer weniger wissenschaftlich und immer ideologischer« gearbeitet werde. Von der Gefahr der »Geldverschwendung« spricht ein Christdemokrat. Eine »festgefahrene Situation« sieht die Grüne Kerstin Andreae. Die SPD-Abgeordnete Edelgard Bulmahn warnt die Kollegen davor, eine »Riesenchance« zu verschenken.

Eine Chance für die Politik? Die gibt es, weil seit Ausbruch der Finanzkrise immer mehr Bürger am Wirtschaftssystem zweifeln. Ökokrise und wachsende soziale Ungleichheit verstärken das Unwohlsein noch. Kluge Systemkritik könnte also mehr Zuhörer finden denn je. Das hätte sich die Enquetekommission zunutze machen und nach interessanten, überparteilichen Vorschlägen für ein zukunftsfähiges Wirtschaftssystem suchen können. Genau für einen solchen Fall organisiert der Bundestag eine Enquetekommission: wenn ein Thema zu kompliziert ist für das Alltagsgeschäft und zu wichtig, um es zu ignorieren oder ideologischen Grabenkämpfen zu überlassen.

Anfangs schien die Wachstumsenquete diesem Anspruch auch noch gerecht zu werden. Sie lud interessante Experten ein, hörte Vorträge über Lebensqualität, Umweltzerstörung und Effizienz. Sie produzierte überparteiliche Papiere, wie das von Michael Müller ( SPD ) und Matthias Zimmer ( CDU ) über den Fortschritt. Und sie ließ sich Neuigkeiten zuliefern, wie eine Studie über den Rebound-Effekt. Der sorgt dafür, dass grünes Wachstum bisher in keiner Volkswirtschaft funktioniert. Alle Einsparungen, die neue Umwelttechnik ermöglicht, werden durch stärkeren Verbrauch wieder zunichte gemacht. Wir leben immer grüner, dafür aber auf immer größerem Fuß.

Trotz solcher Erkenntnisse blieb die Enquetekommission in der Öffentlichkeit weitgehend wirkungslos. Denn über die nötigen Konsequenzen wurde nicht oder hinter verschlossenen Türen debattiert. Etwa über die Frage, ob die Politik weiter Wachstum fördern soll. Oder ob das Bruttoinlandsprodukt überhaupt eine sinnvolle Zielgröße ist. Oder wie man in Zeiten sinkender Wachstumsraten noch gute Politik machen kann.

Ein gutes Jahr lang darf die Enquete noch tagen

Für die Scheuklappen verantwortlich sei »Parteitaktik«, sagt ein Enquetemitglied. Weil die Idee für die Enquete einst in rot-grünen Kreisen entstanden war, argwöhnten CDU und FDP , dass hier vorgearbeitet werden solle – für die Zeit nach den nächsten Wahlen, für ein rot-grünes Regierungsprogramm. Also machten die Liberalen widerwillig und viele Christdemokraten nur mit halbem Herzen mit. Die wenigen Konservativen, die sich in der Enquete den Grünen annähern wollten, setzten sich nicht durch. Obmann Georg Nüßlein ( CSU ) gibt sich in den Sitzungen demonstrativ gelangweilt.

In der FDP machte sich Karl-Heinz Paqué, ehemaliger Finanzminister von Sachsen-Anhalt , einen Spaß daraus, vor allem für die Steigerung des Bruttoinlandsprodukts zu kämpfen. »Wachstum ist dasselbe wie Entwicklung!« Dadurch sind die Liberalen zwar mit sich im Reinen; auch Wirtschaftsminister Philipp Rösler tourt mit dem Wachstumsmantra durch die Welt. Doch der Debatte hilft das nicht.

Ein gutes Jahr lang darf die Enquete noch tagen. Ob mit oder ohne neue Erkenntnisse, das hängt nun vor allem an der CDU -Fraktion. Die kann sich ideologisch an den kleinen Koalitionspartner ketten und vor allem den Wirtschaftsliberalismus loben. Oder sie kann sich den Zweifeln am »Weiter so« stellen. Der ehemalige CDU-Generalsekretär Meinhard Miegel streitet für Letzteres.

Ganz allein ist er nicht. Am Ende seines Plädoyers für mehr Erkenntnisinteresse zitierte Henrik Enderlein weitere Christdemokraten: Horst Köhler, Wolfgang Schäuble und Angela Merkel – sie alle sprachen jüngst über die Grenzen des Wachstums. Und sie mahnten, über die Folgen nachzudenken.