Christian Wulff : Es geht nicht

Mit jedem Tag schwinden Christian Wulffs Chancen, seine Affäre zu überstehen.
Bundespräsident Christian Wulff © John Macdougall/AFP/Getty Images

Er kann die Schlacht nicht mehr gewinnen. Drei Motive lassen Christian Wulff noch in seinem Schloss ausharren: der feste Wille, es einigen Medien zu zeigen, von denen er sich reingelegt und verfolgt fühlt. Die Überzeugung, dass er am Ende seiner Amtszeit etwas Bleibendes hinterlassen kann, zum Beispiel seine Initiativen zur Integration aller in Deutschland lebenden Menschen. Und schließlich die Hoffnung, dass irgendwann seine Affäre verdrängt und vergessen sein wird.

Aber mit jedem Tag werden die Chancen, seine Affäre zu überstehen, schlechter. Spitzenpolitiker müssen mehr Kritik und Demütigungen einstecken, als es jede andere Berufsgruppe vermutlich ertragen könnte. Doch die Notwendigkeit, sich immer wieder zu verpanzern, macht Politiker nicht zu tumben Menschen. In aller Regel behalten sie ein feines Sensorium dafür, ob sie bei den Leuten ankommen oder nicht.

Ob Empfang, Reise oder Rede – sein Amt kann Wulff nicht mehr schützen

Christian Wulff muss es geradezu physisch spüren: dass es viele Absagen beim Empfang aus Anlass der Berlinale am vergangenen Sonntag gab, weil sich offenbar schon Filmschaffende die Frage stellten, ob ihnen die Teilnahme schaden könnte, wohlgemerkt – an einer Veranstaltung des deutschen Staatsoberhaupts. Es kann Wulff nicht entgangen sein, mit welcher Respektlosigkeit ihm am darauffolgenden Tag Journalisten begegneten, als er darum bat, bei seinem Staatsbesuch in Italien wie üblich nicht über Innenpolitik, in seinem Fall also über die eigene Affäre, sprechen zu müssen. Und Christian Wulff weiß bestimmt, welche Orgie aus Spott und Häme er jetzt beim Karneval erfahren wird.

Er wird womöglich große Erwartungen in eine gründlich vorbereitete Rede setzen, die er am 23. Februar während der Gedenkfeier für die Opfer der Zwickauer Neonazi-Zelle im Konzerthaus am Gendarmenmarkt halten will.

Dieses fremdenfeindliche Verbrechen schreit zum Himmel, und Wulffs Anteilnahme ist sicher nicht geheuchelt. Aber man möchte den Beobachter kennenlernen, der dabei die Frage ausblenden kann, ob die betroffenen Migranten die Solidarität des Bundespräsidenten brauchen oder ob der Bundespräsident nicht viel eher die Rede braucht, um wieder politische Bedeutung zu erlangen. Ob Empfang, Reise oder Rede – sein Amt kann Wulff nicht mehr schützen.

Seine letzten Trümpfe stechen nicht mehr. Einer war noch bis vor Kurzem, die Kraftprobe mit den feindlichen Medien zu bestehen, weil er auch einen Teil der Bevölkerung hinter sich hatte, der bei aller Kritik am Bundespräsidenten in der nicht enden wollenden Berichterstattung eine Hetzjagd und damit eine Anmaßung von Journalisten sah. Das Aufbauschen eines Bobbycar-Geschenks und anderer Nichtigkeiten zu Geschichten auf der Seite eins hochmoralisch argumentierender Zeitungen, ganz zu schweigen von schlüpfrigen Andeutungen über frei erfundene Begebenheiten aus dem vermeintlichen Privatleben der Wulffs, ist tatsächlich eine Affäre für sich. Vermutlich wird man von den daran beteiligten Medien jedoch nie ein Wort der Selbstkritik vernehmen. Allerdings hat es Christian Wulff bis heute nicht vermocht, das, was Medien zu Recht ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rückten, vollständig zu entkräften: zuallererst die bis heute nicht ganz aufgeklärten Umstände seines Privatkredits sowie die Tatsache, dass er den niedersächsischen Landtag darüber getäuscht hat; die Enthüllungen über seinen engsten Mitstreiter Olaf Glaeseker; und schließlich die erstaunliche Zuwendung, die der damalige Ministerpräsident von wohlhabenden Freunden immer wieder erhielt.

Inzwischen ist es gar nicht mehr so wichtig, ob Wulff zum Beispiel dem Filmproduzenten David Groenewold gefällig gewesen ist (auch wenn schon der Antrag auf Aufhebung der Immunität durch die emsig prüfende Staatsanwaltschaft Hannover den unverzüglichen Rücktritt zur Folge haben dürfte). Dramatischer für ihn ist, dass ihm kaum noch einer glauben kann, wenn er etwa behauptet, er habe die von Groenewold bezahlte Rechnung für einen Hotelaufenthalt auf Sylt bei seinem Gönner bar beglichen.

Zwei große Stützen hat Wulff noch. Die wichtigste ist die Bundeskanzlerin , deren Interessenlage klar zu sein scheint: Auf dem Höhepunkt ihres Ansehens will Angela Merkel sich nicht zu Verhandlungen mit der SPD herablassen, um nach dem Rücktritt Wulffs einen akzeptablen Nachfolger zu finden . Die andere Hilfe für Wulff stellt bisher das gesammelte Schweigen seiner Freunde dar – von Geerkens über Schmidt und Groenewold bis hin zu Glaeseker. Beide Stützen sind aber zweifelhaft. Die Abhängigkeit von der Kanzlerin schränkt Wulff in seiner Unabhängigkeit gegenüber der Bundesregierung ein, was schlimm genug ist. Darauf angewiesen zu sein, dass keiner seiner Getreuen sich je verplappert, muss jedoch ein Albtraum sein. Wenn es auch noch zu einem Strafverfahren gegen Olaf Glaeseker kommen sollte, dann fände die Affäre Wulff erst recht keine Ruhe mehr. Die repräsentative Demokratie braucht funktionierende Verfassungsorgane. Für das Amt des Bundespräsidenten kann Christian Wulff das nicht mehr voll gewährleisten.

Ein Ende mit Schrecken kann er nicht mehr herbeiführen, weil seine Affäre längst zu einem Schrecken ohne Ende geworden ist. Was er aber vielleicht noch tun kann, ist kapitulieren. Weil es Dinge gibt, die auf Dauer niemand ertragen kann. Christian Wulff sollte sich und uns das nicht länger antun.

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Kommentare

322 Kommentare Seite 1 von 43 Kommentieren

Biographie? Es war ein Interviewbuch ...

... das Herr di Lorenzo in der Rückschau für suboptimal hält. Daraus ewige Legenden zu stricken, "die" ZEIT oder ihr Chefredakteur stünden auf der Seite von irgendjemandem, in diesem Fall von Wulff, ist ein wenig sehr simpel.

Zum Artikel: Ich denke zwar auch, dass ein Bundespräsident kaum das Gesicht wahren könnte, wenn die Staatsanwaltschaft gegen ihn ermittelt. Allerdings traue ich Wulff mittlerweile zu, auch dies einfach auszusitzen.

Und noch interessanter ist,...

...was so in der ZEIT auf der Titelseite zu finden war: Vorne Gutenberg, in der Mitte Gutenberg, hinten Gutenberg.

Dieser Artikel ist aber auf den Punkt gebracht. Auch Herr Lorenzo mußte zu recht einen Glaubwürdigkeitsverlust erleben. Gutenberg ist in der zähen Rekonvaleszenz, Wulff ist noch auf der Intensivstation, und Herr Lorenzo hat zum Glück die alte Form wieder erlangt.

Aussitzen

am Sessel kleben, Fehler nicht erkennen und sie deshalb auch nicht zugeben zu können, dies sind anscheinend die optimalsten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Politikerkarriere in Deutschland.
Duisburg hatte Adolf Sauerland, Deutschland hat Herrn Wulff!
Es gibt jedoch viele, die so denken und handeln wie diese zwei Figuren. Einige von ihnen tauchen immer wieder in den diversen Talkshows auf, zusammen mit ihren Verteidigern. Das sind dann aber nicht nur Hinz(e) und Kunz

Sehen Sie einen Widerspruch?

Ich nicht. Es geht nicht darum, was beide gemacht haben, sondern darum wer die besseren Kontakte zu unseren Medienmachern unterhält und da liegt KTzG klar vor Wulff. Dass Guttenberg im Vorstand der Axel Springer AG ist und ein Kumpel von Kai Dieckmann könnte bekannt sein.
http://www.nachdenkseiten...

Das ist schon Grund genug weshalb die Medien mit ihm anders umgehen als mit diesem Emporkömmling aus Hannover dem einfach der Stallgeruch fehlt und manche Dinge vielleicht aus der falschen Perspektive betrachtet.

Wann erscheint ein Interviewbuch mit Diekmann?

Herr di Lorenzo nimmt hier den Mund über (nicht) selbstkritische Medien ganz schön voll. Wenn er das ernst meint, was er im Kommentar "Es geht nicht" über Wulff und die Medien schreibt, freue ich mich, wenn er ebenfalls ein "Interviewbuch" mit Herrn Diekmann zur Rolle der Medien in der Causa Wulff herausgibt. Wirklich klug wäre er dann, wenn er es nicht wieder als Egotrip macht, sondern zum Beispiel Kollegen von taz, tagesspiegel und bildblog (Stefan Niggemeier) beteiligt. Außerdem sollte er sich nicht wie jetzt mit schmutzigem Geld (Guttenberg-Buch) die Taschen voll stopfen, sondern wenigstens die Einnahmen einem karitativem Projekt spenden. Dann darf er sich hier gerne wieder aufs hohe Ross setzen.

Warum sollte...

...er das tun? Bis der Mann in Rente geht, hat ihn der Steuerzahler zum mehrfachen Millionär gemacht. Dafür lohnt es sich ein bisschen zu leiden, immerhin kann ihn niemand zwingen öffentlich aufzutreten oder gar abzutreten. Und für 200k Euro/Jahr, steuerfrei, lebenslang, würde ich noch ganz andere Sachen machen.

Er muss danach ja nicht in D bleiben. Mit soviel Geld steht einem die Welt offen...

Eine unehrenhafte Entlassung sieht das Grundgesetz...

...leider nicht vor. Und Angela Merkel würde mit Sicherheit auch sehr dagegen sein. Wenn Wulff nämlich vorzeitig aus dem Amt scheidet und die Bundesversammlung an seine Stelle Joachim Gauck wählte, wäre das ein doppelte schwere Niederlage.

Aber sehen wir es auch mal anders: spätestens am Wahlabend der Landtagswahl in Schleswig-Holstein braucht die CDU einen Sündenbock, der für die schon feststehende Wahlniederlage her halten muss. Wulff gäbe da einen richtig guten Sündenbock ab...

Wenn er nichts illegales tat ...

...gibt es keinen Grund zu gehen. Wir wissen nur nicht ob es solchen Tatbestand gibt und werden vermutlich dies auch nie. Das ist sehr traurig, weil das das Mindeste wäre, das einen Rechtsstaat ausmacht. Oder Glauben Sie, der Staatsanwalt wurde eine Klage führen oder gar eine Verurteilung erreichen?

Das ist das eigentlich Schlimme dieser Sache Wulff. Sie bestätigt die an ihren Werten gescheiterte Gesellschaft. Wer einen Rücktritt fordert wird dem nicht gerecht und verschlimmert die Lage in gewisser weise. Er akzeptiert den peinlichen oder sogar gefährlichen Zustand indem er nicht den Schutz der Bevölkerung vor der regierenden einfordert.

Peterchen Hintze verteidigt

Er wird es sich weiter antun - er wird versuchen, das zu machen, was der unsägliche Adolf Sauerland in Duisburg gemacht hat: bis zur Selbstverleugnung und bis zum letzten Tag seiner Amtszeit am Stuhl zu kleben. Ob das verheerende Folgen für das Rechtsempfinden hier im Lande hat, das ist ihm völlig egal.

Und Mutti hat ja schon Peterchen Hintze, den CDU-Mann für's Grobe zur Verteidigung geschickt. Mutti kann sich Wulffs Rücktritt überhaupt nicht leisten.

@suennerklaas

"Und Mutti hat ja schon Peterchen Hintze, den CDU-Mann für's Grobe ..."

Ich will Ihnen nicht widersprechen; aber es ist irgendwie schon possierlich, Peter Hintze, den Prototypen eines Warmduschers, als "Mann fürs Grobe" zu bezeichnen.
Gleichwohl, wie gesagt, Sie haben durchaus recht. Hintzes Auftritte in den diversen Talkformaten dürfen allemal als "argumentativ grobmotorisch" bezeichnet werden.