Österreich"Universität ist elitär"

Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle und Philosoph Konrad Paul Liessmann über Studiengebühren, freien Hochschulzugang und ihre akademischen Idealwelten. von 

Der österreichische Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle

Der österreichische Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle  |  © Kurt-Michael Westermann für DIE ZEIT

DIE ZEIT: Wenn in der vergangenen Zeit über Universitäten und Bildungspolitik debattiert wurde, stand hauptsächlich eine Frage im Mittelpunkt: jene der Studiengebühren. Ist das tatsächlich das zentrale Problem?

Karlheinz Töchterle: Es ist nicht das zentrale, aber es ist ein Problem, weil die Studienbeiträge schon einige positive Effekte zeitigten.

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Konrad Paul Liessmann: Nach ihrer Abschaffung wurden die Studiengebühren zu einem politisch-symbolischen Thema. Aber an den Universitäten spielten sie nicht die Rolle, die man ihnen zuschreibt. Erstens weil der Widerstand der Studierenden nicht in der Weise gegeben war, wie das manche politische Parteien gerne hätten. Und zweitens machen sie im Gesamtbudget der Universitäten nur einen Bruchteil aus.

Karlheinz Töchterle

Der Altphilologe, geboren 1949 in Brixlegg, war vier Jahre Rektor der Universität Innsbruck, bevor er im April 2011 als Wissenschaftsminister in die Politik wechselte.

Töchterle: Da bin ich anderer Meinung, denn es ist ja auch ein Argument der Gegner der Studienbeiträge, zu behaupten, es handle sich um eine vernachlässigbare Größe. Ich verwende hingegen gerne diesen Vergleich: Mir ist es gerade gelungen, für die nächsten drei Jahre eine Hochschulmilliarde zusätzlich zu lukrieren; Studienbeiträge in maßvoller Höhe würden noch einmal eine halbe Milliarde Euro in diesen drei Jahren einbringen. Also ganz unwichtig sind sie nicht.

Konrad Paul Liessmann

Der Philosoph, geboren 1953 in Villach, unterrichtet an der Universität Wien, leitet das Philosophicum Lech und wurde zum Wissenschaftler des Jahres 2006 gewählt.

Liessmann: Das war von mir kein Argument gegen Studiengebühren, sondern nur gegen den Eindruck, der in der Öffentlichkeit entstanden ist, die Finanzierung der Universitäten hinge von ihnen essenziell ab. Das tut sie nicht. Studiengebühren hatten vor allem auch eine disziplinierende Wirkung, wir erhielten durch sie realistischere Zahlen, was die Studenten und ihre Aktivitäten betrifft. Anderseits muss man schon sagen, dass, vom politischen Symbolgehalt, her die Idee des freien Hochschulzuganges einen eigenen Wert darstellt.

ZEIT: Verstehe ich Sie richtig: Nett, wenn es sie gäbe, aber es geht auch ohne?

Töchterle: Das ist nicht meine Position. Ich will sie. Sie sind wichtig. Konrad, du hast den freien Hochschulzugang in den Mund genommen. Es stellt sich die Frage, ob ein freier Hochschulzugang weniger frei wäre, wenn er mit einem Beitrag behaftet ist. Ich verneine diese Frage.

Liessmann: Wenn man 30.000 Euro und mehr jährlich, wie an manchen amerikanischen Universitäten, zahlen muss, dann ist das nicht mehr frei.

Töchterle: Ich verneine, weil die Empirie dagegen spricht. Die bessere soziale Durchmischung der Fachhochschulen , die Gebühren einheben dürfen, beweist das. Für mich sind Studienbeiträge außerdem sozial gerechter.

ZEIT: Wieso?

Töchterle: Sie sind verteilungspolitisch gerechter. Ich möchte einfach, dass die vielen ausländischen Studenten, die mir sehr willkommen sind, einen Beitrag leisten zur Finanzierung der österreichischen Universitäten. Außerdem finanzieren wir beispielsweise extrem teure Musikstudien für wohlhabende Amerikaner und Japaner, die derzeit ihre Ausbildung zum Nulltarif erhalten. Auch hier besteht eine Schieflage zu den Fachhochschulen: Die dürfen nun Studierenden aus Nicht-EU-Ländern die tatsächlichen Kosten abverlangen.

Liessmann: Die grundsätzliche Frage lautet doch: Welche Leistungen und Güter müssen vom Staat für die Steuern, die wir alle zahlen, wieder für alle in gleichem Maß zur Verfügung gestellt werden? Im Prinzip gehört Bildung dazu. Aber man muss danach fragen, wie diese Bildung zu verstehen ist, die für alle offenzuhalten ist. Da haben wir seltsame Konstellationen: Kindergärten sind kostenpflichtig, Grundschulen und höhere Schulen sind es nicht, Universitäten sind es mitunter, Fachhochschulen und pädagogische Akademien sind kostenpflichtig.

Leserkommentare
  1. Töchterle wurde ausschließlich aus regionalpolitischen Gründen Minister (Tirol war in der Regierung nicht vertreten).

    Und Liessmann ist wohl der besessenste Selbstdarsteller im Wissenschaftszirkus - dort werden für Kurzauftritte inzwischen vierstellige Gagen bezahlt.

    2 Leserempfehlungen
    • andkos
    • 17. Februar 2012 8:48 Uhr

    ich fasse zusammen, töchterle konnte in der volksschule von mehr, als ein fertig studierter germanist heutiger zeit

    der mann ist in seiner selbstverliebtheit nicht zu überbieten!

    • Schawn1
    • 17. Februar 2012 11:56 Uhr

    Bildung ist ein wichtiger Wachstumsfaktor, sowohl frühkindliche (http://www.atkearney361gr... ) als auch universitätre und sollte allen ermöglicht werden.

    2 Leserempfehlungen
  2. Zwei Universitätsprofessoren (einer davon Minister) diskutieren über die Mangelverwaltung von Studienplätzen.

    Töchterle, ein Altphilologe, verweist dabei auch noch auf gelingende Leben seiner handwerkenden Verwandtschaft (Argument: nicht jeder muss studieren)um sich anschließend daran über den österreichischen Antiintellektualismus zu beklagen.

    Jammern auf hohen Niveau, das ist scheinbar eine österreichische Grundtugend.

    Anklänge an ein humanistisches Bildungideal sind gerade noch auszunehmen konkurrieren aber mit dem Machbarkeitswissen, das von Universitäten und Fachhochschulen vorausgesetzt wird.

    Wenn wir schon das 19 Jahrhundert bemühen, warum fragt dann niemand nach den Bildungsinhalten und -idealen? Welche Persönlichkeitsentwicklung wollen wir unterstützen?

    Wie kann es sein, dass noch nie so viele bestens ausgebildete Akademiker ("Elite?")in Banken und Versicherungen gearbeitet haben wie heute und gleichzeitig die Probleme dieser Branchen noch nie so groß waren?

    Wann beginnen wir endlich über Bildungsinhalte und Ziele zu diskutieren?

    Ich würde mir von einem Wissenschaftsminister der selbst Inhaber eines Orchideenlehrstuhls ist, eine Diskussion über den Wert von Bildung an sich wünschen.

    Das haben wir aber leider nicht im Angebot, dazu haben wir keine Ressourcen etc....

    Schade.

    3 Leserempfehlungen
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    Je mehr Menschen gebildet sind, desto komplexer wird unsere Gesellschaft.

    Bildung ist demnach nicht nur zu begrüßen, sondern auch als wesentlicher Problemverursacher unserer heutigen Zeit zu identifizieren.

    Durch Bildung reden immer mehr Menschen mit.

    Durch Bildung entstehen immer mehr neue und immer schwieriger zu beantwortende Fragen.

    Macht Bildung glücklich?

    Die Zusatzbezeichnung "a.o." sollte er nicht weglassen.

    http://homepage.univie.ac...

    Aus dem Minderwertigkeitsgefühl heraus drängt er sich überall in den Vordergrund.

    • ksai
    • 17. Februar 2012 18:21 Uhr

    das ist das Problem..die Studenten von sind viel zu wenig erfolgsorientiert, die muss mal endlich einer disziplinieren!!

    Mal in den letzten Jahren an einer Uni gewesen?? Aber vielleicht ist das ja tatsächlich in felix austria ganz anders.....

    2 Leserempfehlungen
  3. Je mehr Menschen gebildet sind, desto komplexer wird unsere Gesellschaft.

    Bildung ist demnach nicht nur zu begrüßen, sondern auch als wesentlicher Problemverursacher unserer heutigen Zeit zu identifizieren.

    Durch Bildung reden immer mehr Menschen mit.

    Durch Bildung entstehen immer mehr neue und immer schwieriger zu beantwortende Fragen.

    Macht Bildung glücklich?

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    Ich möchte Ihr Augenmerk auf folgenden Artikel lenken:

    http://www.wienerzeitung....

    Der Kulminationspunkt der Aussagen dieses "Dissertanten" lautet:

    "Freiheit und Gleichheit sind Antagonismen. Freiheit bekommt man zum Preis von Ungleichheit. Das Streben nach Gleichheit führt unweigerlich zu Totalitarismus und Stagnation."

    Demaskierender kann man nicht mehr beschreiben welche "Eliten" wir heranziehen.

    Lessing:
    Die Natur weiß nichts von dem verhassten Unterschiede, den Menschen unter sich festgesetzt haben. Sie teilt die Eigenschaften des Herzens aus, ohne den Edlen und den Reichen vorzuziehen, und es scheint sogar, als ob die natürlichen, guten Empfindungen bei den gemeinen Leuten stärker als bei andern wären.(zitiert aus Lew Tolstoi: Für alle Tage Ein Lebensbuch)

    Macht Bildung glücklich? Sie schafft mir zumindest eine gewisse Genugtuung dem Herrn Doktor in spe dies entgegenzuhalten; das ist mein kleines Glück.

    Wissen schafft die Möglichkeit zu begreifen wer ich bin, Bildung dagegen schenkt mir die Möglichkeit zu erkennen, wer ich sein will.

    • ludna
    • 18. Februar 2012 2:41 Uhr

    die Unis werden zunehmend zu Berufsschulen. Die Trennung von Fachhochschulen und Unis wird aufgehoben.

    Dies trifft auch in D zu.

    Anstatt in D seinen eigenen (sehr erfolgreichen) Weg weiter zu gehen, wird alles an das US/UK System angepasst. Nur wird, wie immer, falsch, unvollständig und nachteilig angepasst.

    Nicht jeder muss an einer Uni studieren, dennoch erfordern moderne Berufe etwas mehr theoretische Ausbildung als früher. Nur 99 % eine Jahrganges an einer Uni auszubilden, wie die OSZE es will, führt dazu, das Unis keine Unis mehr sind. Dann werden sich "Elite"- Unis herausbilden, die dann sozial-elitär sind.

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  4. Ich möchte Ihr Augenmerk auf folgenden Artikel lenken:

    http://www.wienerzeitung....

    Der Kulminationspunkt der Aussagen dieses "Dissertanten" lautet:

    "Freiheit und Gleichheit sind Antagonismen. Freiheit bekommt man zum Preis von Ungleichheit. Das Streben nach Gleichheit führt unweigerlich zu Totalitarismus und Stagnation."

    Demaskierender kann man nicht mehr beschreiben welche "Eliten" wir heranziehen.

    Lessing:
    Die Natur weiß nichts von dem verhassten Unterschiede, den Menschen unter sich festgesetzt haben. Sie teilt die Eigenschaften des Herzens aus, ohne den Edlen und den Reichen vorzuziehen, und es scheint sogar, als ob die natürlichen, guten Empfindungen bei den gemeinen Leuten stärker als bei andern wären.(zitiert aus Lew Tolstoi: Für alle Tage Ein Lebensbuch)

    Macht Bildung glücklich? Sie schafft mir zumindest eine gewisse Genugtuung dem Herrn Doktor in spe dies entgegenzuhalten; das ist mein kleines Glück.

    Wissen schafft die Möglichkeit zu begreifen wer ich bin, Bildung dagegen schenkt mir die Möglichkeit zu erkennen, wer ich sein will.

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