AtommülllagerDie Illusion einer sauberen Lösung
Seite 3/3:

Eine Rückholung wäre problematisch

Beschickungsanlage für mittelradioaktive Abfälle auf der 490-Meter-Sohle. Durch ein Loch im Boden wurden Fässer mit radioaktivem Abfall in die darunter liegende Kammer 8 zur Einlagerung abgesenkt. | 360-Grad-Panorama:Stefan Sobotta

Die Zwickmühle »Schutz versus Öffnung« treibt nicht nur die Experten der ESK um, sondern auch jene des BfS. In ihrem Memorandum warnen sie vor einer Kollision mit dem Atomgesetz, sobald die Müllkammern für eine Rückholung geöffnet würden. Dann müsste nämlich die Störfallsicherheit der Asse atomrechtlich nachgewiesen werden (was bisher noch nicht geschah). Ob das bei einem AÜL gelinge, sei »eher unwahrscheinlich« – weil im Fall »des Absaufens der Anlage Strahlenexpositionen oberhalb des Störfallplanungswertes zu erwarten sind«.

Der juristisch kaum lösbare Eiertanz um eine atomrechtliche Genehmigung wird zusätzlich dadurch erschwert, dass bei der Rückholung sicherheitstechnisch genau das Gegenteil dessen geschieht, was die Entsorgungskommission aktuell fordert: Beim Ausräumen schafft man zunächst große Hohlräume, statt sie zu verschließen. Sollte eine Kammer beim Ausgraben kollabieren, könnte das ein Absaufen beschleunigen. Und in der Lauge schwämme dann radioaktiver Müll .

Anzeige

Als »Operation am offenen Herzen« gilt das riskante Vorgehen unter Fachleuten. Die Aussichten, dafür eine atomrechtliche Genehmigung zu erhalten, sind prekär. Und ohne eine solche Erlaubnis »wäre die Rückholung insgesamt nicht genehmigungsfähig«, waren sich die Teilnehmer des BfS-Workshops einig.

Viele Befürworter der Rückholung rufen nun nach einer Gesetzesänderung, einer »Lex Asse«, um den Prozess zu beschleunigen. Dieser Wunsch kollidiert jedoch mit einem anderen Mantra aller Parteien: »Keine Abstriche bei der Sicherheit.«

Sollte wider Erwarten eine Rückholung genehmigt werden, gingen die Probleme erst richtig los. Zum ersten Mal in der Geschichte würde dann ein unterirdisches Atommüllager aufgelöst und strahlender Abfall aus bis zu 750 Meter Tiefe an die Oberfläche gehievt – ein Albtraum für alle Endlagerexperten. Die rund 400.000 Kubikmeter Müllbrei müssten zunächst in ein Pufferlager verbracht, sorgfältig verpackt (»konditioniert«) und in einem riesigen Zwischenlager verstaut werden. Dafür wäre eine »Konditionierungsanlage« von bisher unbekannter Dimension nötig. Und die Probleme würden nur aus dem Bergwerk an die Oberfläche verlagert. Denn das Ziel einer sicheren Endlagerung ist noch auf lange Sicht unerreichbar. Weil kein passendes Endlager existiert.

Prinzipiell geeignet für solch schwach- bis mittelradioaktiven Müll wäre der Schacht Konrad in Salzgitter. Er soll sämtliche Abfälle dieser Art aufnehmen, die bisher in Deutschland angefallen sind und in Zwischenlagern ruhen, derzeit knapp 100.000 Kubikmeter. Bis zum Jahr 2080 sollen es insgesamt 250.000 Kubikmeter werden, Konrad könnte mit seiner Kapazität (300.000 Kubikmeter) noch etwas länger allen üblichen Strahlenmüll aufnehmen. Die Mengen aus der Asse aber wären klar zu viel.

Fast drei Jahrzehnte – von 1975 bis 2007 – hat es gedauert, bis die Genehmigung für Konrad durch alle Instanzen gepaukt war. Eine vergleichbare Dauer würde den Asse-Planern weitere Probleme bereiten: Frisch geborgene Abfälle »sind nur über mehrere Jahre lagerfähig, wenn sie neu konditioniert werden«, stellt die ESK fest. Andernfalls wären sie »sicherheitstechnisch eine Gefährdung«. Die Art der Verpackung hängt wiederum vom Endlager ab. Ohne Gewissheit über das Endlager lässt sich also keine adäquate Anlage planen.

Solche Endlosschlaufen machen nachvollziehbar, warum das BfS und Politiker nach Beschleunigung rufen. Doch weder ist eine Aufweichung des Atomgesetzes realistisch noch ein rascher Endlager-Konsens. Derweil sickert weiter Wasser in die Asse, und die geologische Uhr eines Gruben-GAUs tickt. Daher forderten die BfS-Experten in ihrem Memorandum vom November, »bereits jetzt alle fachlichen und kommunikativen Vorbereitungen für eine Aufgabe des Projekts ›Rückholung‹ zu treffen«.

Doch das technisch Sinnvolle und das politisch Machbare sind zwei Paar Schuhe. Das bekam Ende 2011 auch der damalige niedersächsische Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP) zu spüren, als er eine Rückholung infrage stellte. Man solle besser den Schacht mit Beton verfüllen und so weit wie möglich abdichten – seine Experten hätten ihm das schon immer gesagt. Wutbürger schäumten gegen den »Verräter«, er gebe die ganze Region auf.

Sanders Nachfolger Stefan Birkner (FDP) sprach am vergangenen Freitag im Bundestag wieder vom »Ziel der Rückholung aller Abfälle aus der Asse«. Applaus. Dann fügte er hinzu: »Ob und inwieweit dies tatsächlich möglich ist, muss schnellstmöglich geklärt werden.« Bundesumweltminister Norbert Röttgen ( CDU ) indes schwieg.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unterwww.zeit.de/audio

Zur Startseite
 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Artikel Auf einer Seite lesen
    • Schlagworte Bundesregierung | FDP | Hans-Heinrich Sander | SPD | Norbert Röttgen | Ass
    Service