Atommülllager : Die Illusion einer sauberen Lösung
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Eine Rückholung wäre problematisch

Beschickungsanlage für mittelradioaktive Abfälle auf der 490-Meter-Sohle. Durch ein Loch im Boden wurden Fässer mit radioaktivem Abfall in die darunter liegende Kammer 8 zur Einlagerung abgesenkt. | 360-Grad-Panorama:Stefan Sobotta

Die Zwickmühle »Schutz versus Öffnung« treibt nicht nur die Experten der ESK um, sondern auch jene des BfS. In ihrem Memorandum warnen sie vor einer Kollision mit dem Atomgesetz, sobald die Müllkammern für eine Rückholung geöffnet würden. Dann müsste nämlich die Störfallsicherheit der Asse atomrechtlich nachgewiesen werden (was bisher noch nicht geschah). Ob das bei einem AÜL gelinge, sei »eher unwahrscheinlich« – weil im Fall »des Absaufens der Anlage Strahlenexpositionen oberhalb des Störfallplanungswertes zu erwarten sind«.

Der juristisch kaum lösbare Eiertanz um eine atomrechtliche Genehmigung wird zusätzlich dadurch erschwert, dass bei der Rückholung sicherheitstechnisch genau das Gegenteil dessen geschieht, was die Entsorgungskommission aktuell fordert: Beim Ausräumen schafft man zunächst große Hohlräume, statt sie zu verschließen. Sollte eine Kammer beim Ausgraben kollabieren, könnte das ein Absaufen beschleunigen. Und in der Lauge schwämme dann radioaktiver Müll .

Als »Operation am offenen Herzen« gilt das riskante Vorgehen unter Fachleuten. Die Aussichten, dafür eine atomrechtliche Genehmigung zu erhalten, sind prekär. Und ohne eine solche Erlaubnis »wäre die Rückholung insgesamt nicht genehmigungsfähig«, waren sich die Teilnehmer des BfS-Workshops einig.

Viele Befürworter der Rückholung rufen nun nach einer Gesetzesänderung, einer »Lex Asse«, um den Prozess zu beschleunigen. Dieser Wunsch kollidiert jedoch mit einem anderen Mantra aller Parteien: »Keine Abstriche bei der Sicherheit.«

Sollte wider Erwarten eine Rückholung genehmigt werden, gingen die Probleme erst richtig los. Zum ersten Mal in der Geschichte würde dann ein unterirdisches Atommüllager aufgelöst und strahlender Abfall aus bis zu 750 Meter Tiefe an die Oberfläche gehievt – ein Albtraum für alle Endlagerexperten. Die rund 400.000 Kubikmeter Müllbrei müssten zunächst in ein Pufferlager verbracht, sorgfältig verpackt (»konditioniert«) und in einem riesigen Zwischenlager verstaut werden. Dafür wäre eine »Konditionierungsanlage« von bisher unbekannter Dimension nötig. Und die Probleme würden nur aus dem Bergwerk an die Oberfläche verlagert. Denn das Ziel einer sicheren Endlagerung ist noch auf lange Sicht unerreichbar. Weil kein passendes Endlager existiert.

Prinzipiell geeignet für solch schwach- bis mittelradioaktiven Müll wäre der Schacht Konrad in Salzgitter. Er soll sämtliche Abfälle dieser Art aufnehmen, die bisher in Deutschland angefallen sind und in Zwischenlagern ruhen, derzeit knapp 100.000 Kubikmeter. Bis zum Jahr 2080 sollen es insgesamt 250.000 Kubikmeter werden, Konrad könnte mit seiner Kapazität (300.000 Kubikmeter) noch etwas länger allen üblichen Strahlenmüll aufnehmen. Die Mengen aus der Asse aber wären klar zu viel.

Fast drei Jahrzehnte – von 1975 bis 2007 – hat es gedauert, bis die Genehmigung für Konrad durch alle Instanzen gepaukt war. Eine vergleichbare Dauer würde den Asse-Planern weitere Probleme bereiten: Frisch geborgene Abfälle »sind nur über mehrere Jahre lagerfähig, wenn sie neu konditioniert werden«, stellt die ESK fest. Andernfalls wären sie »sicherheitstechnisch eine Gefährdung«. Die Art der Verpackung hängt wiederum vom Endlager ab. Ohne Gewissheit über das Endlager lässt sich also keine adäquate Anlage planen.

Solche Endlosschlaufen machen nachvollziehbar, warum das BfS und Politiker nach Beschleunigung rufen. Doch weder ist eine Aufweichung des Atomgesetzes realistisch noch ein rascher Endlager-Konsens. Derweil sickert weiter Wasser in die Asse, und die geologische Uhr eines Gruben-GAUs tickt. Daher forderten die BfS-Experten in ihrem Memorandum vom November, »bereits jetzt alle fachlichen und kommunikativen Vorbereitungen für eine Aufgabe des Projekts ›Rückholung‹ zu treffen«.

Doch das technisch Sinnvolle und das politisch Machbare sind zwei Paar Schuhe. Das bekam Ende 2011 auch der damalige niedersächsische Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP) zu spüren, als er eine Rückholung infrage stellte. Man solle besser den Schacht mit Beton verfüllen und so weit wie möglich abdichten – seine Experten hätten ihm das schon immer gesagt. Wutbürger schäumten gegen den »Verräter«, er gebe die ganze Region auf.

Sanders Nachfolger Stefan Birkner (FDP) sprach am vergangenen Freitag im Bundestag wieder vom »Ziel der Rückholung aller Abfälle aus der Asse«. Applaus. Dann fügte er hinzu: »Ob und inwieweit dies tatsächlich möglich ist, muss schnellstmöglich geklärt werden.« Bundesumweltminister Norbert Röttgen ( CDU ) indes schwieg.

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Kommentare

59 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Wie in mehreren wesentlichen Themen...

...der Politik haben auch hier unsere Kontrollsysteme mit denen wir uns gegen Machtmissbrauch und grobe Fahrlässigkeit bürokratischer und politischer Stellen d.h. der betreffenden Personen sehr ungenügend geschützt haben.

Da auch vermutlich bestehende Gesetze genügen würden um die Befehlskette von Sachbearbeiter bis hoch zu den entsprechenden Ministern wegen Betrug usw zu verklagen und Verurteilungen zu erreichen, dies aber nicht tun, sind wir selbst Schuld. Wir nennen uns stolz Demokratie und können so die Verantwortung nicht auf Andere schieben.

" Kann man die verantwortlichen vor Gericht ziehen? "

Nein, kann man nicht.
Die meisten Straftatbestände wären innzwischen wohl auch verjährt.
Ausserdem hat die deutsche Justiz doch schon alle Hände voll zu tun, die fiesen Atomkraftgegner abzuurteilen:

http://blog.eichhoernchen...

Da zeigt sich der Staat schön hartnäckig, und verhängt Bußgelder für Protestaktionen die 4 Jahre her sind...

Es gibt ja keine Verantwortlichen,

da zum Zeitpunkt, als der strahlende Müll in die Asse hineingeworfen wurde,

"bedauerlicherweise versäumt wurde, einen für den Betrieb der Asse Verantwortlichen zu benennen."

Man müsste einmal prüfen, wer genau die Benennung eines Verantwortlichen versäumt hat, weil es ja kaum vorstellbar ist, dass man sich in unserem Rechtssystem mit einer solch billigen Ausrede aus der Verantwortung stehlen kann.

Zudem gilt ja im Zweifel auch hier das Verursacherprinzip, sprich: Wessen Müll dort unten liegt ist für die Räumung und Zwischen-/Endlagerung zur Verantwortung zu ziehen. Und wessen Müll dort liegt, ist zumindest teilweise klar.

Nichts hören, nicht sehen, nichts sagen...

Es ist ja schon länger klar, dass die Rückholung ein völlig Wahnwitziges Unternehmen währe. Wie will man vor allem Atommüll in halb durchgerosteten Fässern da raus holen? Mit einem großen Löffel?
Man kann ja auch von niemandem verlangen, dass er das Zeug unter Einsatz seines Lebens da raus holt (obwohl Der Gedanke die Verantwortlichen dafür anzustellen schon verlockend wäre).

Das alle Politiker noch von Rückholunge sprechen liegt einfach daran das bis 2030 sowieso keiner von ihnen im Amt bleiben wird. Die beste Lösung wird man mit ignorieren aller Tatsachen kaum finden.

Ich wurde die Sache Asse weniger...

...obwohl Atomstrom ursächlich natürlich ist, ihm zuschreiben. Dem widerspricht die Zahl bedrohlicher Probleme, denen wir uns momentan gegenübersehen.

Wir wissen schließlich aus unserer Erfahrung mit dem Euro, transrapid, Wulff oder Schröder, dass wir ein großes Defizit in unseren politischen Motivations- und Kontrollsystemen haben. Wir vergeben Macht ohne uns gegen ihren Missbrauch adäquat zu schützen. Die Folgen akkumulieren sich seit nunmehr ein paar Jahrzehnten und sind entsprechend vielfältig und groß.

Es geht um externalisierte Kosten

Mich würde einfach interessieren wie hoch die gesamten externalisierten Kosten der Atomkraft sind, und wenn man diese in den Atomstrom Preis hineinrechnet, was dann am Ende herauskommt.
Die Tatsache das wir ein Problem mit dem "politischen Motivations- und Kontrollsystem" haben ist ja nichts neues. Ist meiner Meinung nach mit dem politischen System an sich verbunden: Welche Persönlichkeiten zieht es denn in die Politik?

Das ist nicht wahr!

"Der weitaus größte Teil der rund 47.000 Kubikmeter radioaktiver Abfälle stammt aus den Anlagen der heutigen Kernkraftwerksbetreiber E.on, Vattenfall Europe, RWE und EnBW."

"Nimmt man den direkten und indirekten Weg zusammen, ergibt sich, dass bezogen auf das Jahr 1980 mehr als 85 Prozent der in der Asse eingelagerten radioaktiven Gesamtaktivität aus den Anlagen der heutigen Kernkraftwerksbetreiber stammen."

Quelle: https://www.endlager-asse...
Verantworlich für den Inhalt dieser Seite ist das Bundesamt für Strahlenschutz

Rückholbar?

Seit die damalige Umweltministerin Merkel gestattete, die Fässer (statt zu stapeln) schlicht abzukippen, so daß sie durch die Fall-Energie bereits deformiert und undicht wurden, ist schon der Gedanke an Rückholbarkeit illusorisch. Aber nun wird ja weiter an der Gesundbetung des Salzstockes in Gorleben gearbeitet...