Schattenwirtschaft Die Tricks der Mitfahr-Guerilla
Selbst ernannte Beförderer verkaufen Plätze auf Gruppentickets. Die Schattenwirtschaft am Bahnhof floriert.
Baran steht mitten im Gang. Rechts und links schieben sich Reisende an ihm vorbei, die den Hamburger Hauptbahnhof durch den nordöstlichen Eingang betreten haben, einen Fahrschein lösen und dann weiter zu den Bahnsteigen wollen. Man könnte Baran für jemanden halten, der hier herumlungert. Aber Baran arbeitet. Konzentriert beobachtet er die vier Fahrkartenautomaten. Sobald sich jemand nähert, schaut Baran diskret mit auf den Bildschirm. Klickt man auf das Feld für Regionalfahrkarten, taucht Baran sofort am Automaten auf und fragt: »Fährst du nach Kiel?«
Baran, 21, verkauft Plätze auf Fünfer-Gruppentickets. Für eine Person kostet ein Schleswig-Holstein-Ticket normalerweise 26 Euro. »Wenn wir eine Gruppenkarte kaufen, zahlt jeder nur acht Euro. Die fahren auch mit mir«, sagt Baran und deutet auf drei Kunden, die er bereits angeworben hat, eine ältere Frau und zwei Mädchen, die gerade Klamotten kaufen waren. Ein Mann, der eben noch Zweifel hatte, ist überzeugt.
»Ich bin Beförderer«, sagt Baran. Baran ist sein professioneller, nicht sein richtiger Name. So heißt er hier am Bahnhof, so nennen ihn seine Kunden, so meldet er sich am Diensthandy. Baran ist Teil einer gut florierenden Schattenwirtschaft am Hamburger Hauptbahnhof, einer von etwa 50 Menschen, die hier am Rande der Legalität arbeiten. Familienväter sind darunter und 13-Jährige, Auszubildende und Schüler, ein paar Frauen. Wer Tickets nur für einen Tag, nur für einen Schuss verkauft, heißt hier Tagelöhner; wer am Zug Reisende nach Tickets fragt, wird Schnorrer genannt. In der informellen Ökonomie, die sich am Hauptbahnhof ausgebildet hat, stehen die Schnorrer ganz unten.
Baran aber gehört zu den sogenannten Arbeitern. Zwei Scheine, zweihundert Euro also, mache er an einem guten Tag, mindestens 2000 Euro im Monat, mehr als 4000 Euro bei Großereignissen wie der Kieler Woche. Zwei Gruppentickets löst er am Morgen, »das Startkapital«, wie er sagt. Dann fährt er zwischen Hamburg und Kiel hin und her, wochentags nach dem Gymnasium mindestens fünf Stunden, am Wochenende fünfzehn.
Großstadtbahnhöfe waren immer schon Umschlagplätze für Untergrundökonomien. Aber mittlerweile sind Prostituierte, Stricher und Dealer in die Seitenstraßen ausgewichen, gekommen sind die Geschäftemacher. In der von Bahnhofsordnungen und Beförderungsbedingungen geregelten Welt des Hamburger Hauptbahnhofs haben die Beförderer den gesamten Bahnhof in Territorien aufgeteilt. In Barans Durchgang stehen alle, die Plätze nach Kiel verkaufen, gegenüber werden Fahrten nach Lübeck angeboten, am anderen Ende der Halle ist die »Bremen-Seite«.
Solche informellen Ökonomien florieren laut Robert Neuwirth besonders in Krisenzeiten. Der amerikanische Schattenmarktexperte argumentiert, dass sie eben nicht nur aus Drogen- oder Waffenschmuggel bestünden, sondern vor allem aus Produktpiraterie. Und aus Tausch- und Teilgeschäften. Damit sind die Händler vom Hauptbahnhof auch die Schattenseite der Idee von collaborative consumption: Sie haben aus dem Teilen ein Geschäftsmodell gemacht.
Die Untergrundökonomien füllen nach Neuwirth effektiv Lücken im offiziellen System und funktionieren nach eigenen, ungeschriebenen Gesetzen. Baran weiß genau, wo die legalen Grenzen seiner kreativen Nutzung des Bahnsystems liegen. Die Gruppentickets sehen vor, dass man sich vor Fahrtantritt verabreden kann, danach darf die Zusammensetzung der Gruppe nicht mehr verändert werden. Die Händler vom Hauptbahnhof suchen sich aber vor jeder Fahrt eine neue Gruppe. Einige Schaffner beschriften daher die Fahrkarten. Dann müsse man kreativ werden, sagt Baran. Die Beförderer tauschen untereinander die Tickets, löschen alte und tragen neue Namen ein.
- Datum 19.02.2012 - 15:26 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 16.2.2012 Nr. 08
- Kommentare 25
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Der Artikel hat mich echt interessiert, da ich das sehr gut in Hessen kenne, vor allem auf der Strecke Kassel-Frankfurt.
Hier muss man für das Hessenticket knappe 30 Euro zahlen, mit dem aber bis zu fünf Personen mitfahren dürfen.
Inzwischen gibts schon auf "Mitfahrgelegenheits-Seiten" eingetragene Fahrten bei denen das Hessenticket angeboten wird.
So erspart man sich irgendwelche "Ungenehmheiten" am Bahnhof.
Ich sehe hier die Schuld bei dem Preissystem der Bahn.
Wenn ich nach Frankfurt fahren möchte will ich doch nicht 30 euro zahlen für ein Ticker für 5 Personen!
Deshalb schlage ich für Regionalfahrten ein Ticket für eine Person vor im Preisbereich von ca. 10 euro.
Die Protagonisten des Artikels sehe ich keinen Falls als Kriminelle. Bin eher froh, dass es sowas gibt und wir nicht den diktierten Preisen der Bahn hilfslos ausgeliefert sind
Mfg
Mfg
Was ich nicht verstehe, die Bahn sagt haetten diese Kunden ein Einzelticket gekauft...Monopoldenken. Habe ich einen Laden und 100 weiter verkauft einer in etwa das Gleiche dann kann ich auch nicht mit ''haette'' kommen.Ich muss das Sortiment aendern und ueber Preise, Werbung Aktionen nachdenken. Der der hier 'ein Befoerderer' ist macht nichts unlegales, er nutzt eine Luecke aus, das ist besser als Arbeitslosenhilfe....
es braucht unbedingt eine app für das smartphone um sich seine illegale reisegruppe individuell zusammenzustellen, denn ich reise nicht gern mit fremden rothaarigen, um ein paar pfennige zu fuchsen. übrigens gibts die masche in jedem mitfahrgelegentheitsmillieu. das abzockerische bahnmonopol sollte schleunigst durch überlandbuslinien konkurrenz bekommen.
Der von Ihnen verwendete Begriff der "illegalen Reisegruppe" existiert weder im Strafrecht noch im Zivilrecht.
Es gibt Tickets der Bahn-AG, die das Reisen von mehreren, bis zu fünf Personen, ermöglichen zu einem reduzierten Preis.
Wenn die privatisierte Bahn in ihrem Kalkül davon ausgeht, dass dieses Ticket auch Leute erstehen, die zu Zweit reisen anstatt zu Fünft, weil auch für diese Zusammensetzung von zwei Personen sich eine Ersparnis von 5 oder 8 Euro ergibt, dann kalkuliert sie falsch.
Es müssen 5 Personen auf einem Ticket reisen können, das für 5 Personen angeboten wird. Basta !
Egal, wie diese "illegale Reisegruppe" zustande gekommen ist.
Ich würde meinen Sohn vermutlich auch weniger sehen, wenn es diese Möglichkeit des Reisens von seinem Studienort nach Hause nicht gäbe.
Ich finde das gut.
Der von Ihnen verwendete Begriff der "illegalen Reisegruppe" existiert weder im Strafrecht noch im Zivilrecht.
Es gibt Tickets der Bahn-AG, die das Reisen von mehreren, bis zu fünf Personen, ermöglichen zu einem reduzierten Preis.
Wenn die privatisierte Bahn in ihrem Kalkül davon ausgeht, dass dieses Ticket auch Leute erstehen, die zu Zweit reisen anstatt zu Fünft, weil auch für diese Zusammensetzung von zwei Personen sich eine Ersparnis von 5 oder 8 Euro ergibt, dann kalkuliert sie falsch.
Es müssen 5 Personen auf einem Ticket reisen können, das für 5 Personen angeboten wird. Basta !
Egal, wie diese "illegale Reisegruppe" zustande gekommen ist.
Ich würde meinen Sohn vermutlich auch weniger sehen, wenn es diese Möglichkeit des Reisens von seinem Studienort nach Hause nicht gäbe.
Ich finde das gut.
Anstatt sich den Stress mit den "Beförderern" zu machen und sich einem Risiko auszusetzen (Nachlösen etc.), kann man auch einfach, wie bereits gesagt wurde, auf diversen Internetseiten zum Thema Mitfahrgelegenheit solche Angebote selbst einstellen bzw. suchen. Ich fahre regelmäßig eine dreistündige Strecke (1x umsteigen) für 5€ statt 20€.
Die Bahn müsste nicht die Gruppentickets beschneiden, sondern ganz einfach einmal radikal das Preismodell in Richtung Auslastung ändern.
200-300 EUR für ein unbeschränktes Jahresticket, 2. Klasse. Und im nächsten Schritt Europa-Tickets, denn um die Grenze zwischen Deutschland, Österreich, Frankreich, Tschechien, den Niederlanden etc. möchte ich mich eigentlich nicht mehr kümmern müssen.
Mit solchen Modellen würde man die Kundschaft dort abholen, wo sie steht. So stehe ich weiter an Autobahnzufahrten und warte auf meine Mitfahrgelegenheit.
Ich kann mir ja vorstellen dass die Bahn diese Leute nicht mag. Aber wenn ich das richtig verstanden habe, ist es voellig legal was sie tun (Gruppen zusammenstellen welche zusammen reisen). Verstehe ich da was falsch?
Und wenn nicht, was gibt der Bahn das Recht, sie zu schikanieren? Also ich wuerde es NICHT als 'Belaestigung' ansehen wenn mich jemand anspricht und mir ein voellig legales Ticket zu einem Drittel des Normalpreises anbietet. Was masst die Bahn sich da an, das in meinem Namen als Belaestigung zu deklarieren, und diesen Leuten auch noch Hausverbot zu erteilen?
denn in den Tarifbestimmungen steht nirgendwo, dass die Gruppe sich schon vor Antritt der Fahrt 2 Jahre gekannt haben muss, verwandt sein muss oder Ähnliches.
Der Käufer der Fahrkarten reist billiger und der Verkäufer verdient sich etwas Geld. 2000 Euro ist ja nun kein Spitzeneinkommen, und im Grunde wird auch niemand abgezockt, denn dieses Ticket ist ja tariflich von der Preisstruktur so konzipiert worden.
Anders sieht es da in der Finanzbranche aus, in der "Schlupflöcher" genutzt werden, um Menschen mit absurden Finanzprodukten auszunehmen. Als Beispiel sei mal das Produkt der Deutschen Bank genannt db Kompass life3, bei dem auf den Tod von Menschen gewettet wird.
Ich habe ein Monatsticket des regionalen Verkehrsbetriebes, mit dem ich nach 19 Uhr und an Wochenenden noch einen Erwachsenen und 3 Kinder unentgeltlich mitnehmen darf. Ich frage an Haltestellen auch Menschen, ob sie ein Ticket haben . Wenn nicht, biete ich ihnen an, auf meinem Ticket mitzufahren.
Ich nehme zwar kein Geld, aber warum soll man die Möglichkeit nicht ausnutzen.
Einmal umarmte mich eine ältere Frau. Sie habe eine solch kleine Rente, dass die Ersparnis von 2.40 Fahrgeld ihr Budget entlasten würde.
Und die Beförderungspreise sind ja wirklich nicht ungesalzen. Da muss man sich zu helfen wissen.
An die letzten beiden Beitragenden:
Neben den finanziellen Verlusten für die Bahn, durch die natürlich die Preise für Bahntickets für alle andern die diesen Service nicht nutzen erhöht werden, ist das Geschäft schlichtweg illegal:
1. steht ausdrücklich in den Verordnungen der Bahn, dass es zu keinem kommerziellen Weiterhandel von Tickets kommen darf (und das ist gut so, siehe Preise für Tickets von Endspielen wie Championsleague Finale, die durch kommerziellen Weiterhandel in schwindelerregende Höhen getrieben werden)
2. betreiben die lieben Herren ein Geschäft am Fiskus vorbei (ich denke nicht, dass sie ihre Einnahmen in der Steuererklärung erwähnen), hierzulande auch als SCHWARZARBEIT bezeichnet. Wiederum eine Sache für die alle anderen die Rechnung tragen.
Wenn ich ein Ticket kaufe und mit meinem Freunden teile, sie mir also den jeweiligen Anteil zurückgeben, ist das dann auch "Handel" und verboten? Natürlich nicht. Und warum muss man für die gleiche Tat mit Fremden statt mit Freunden direkt den schwarzen Peter zugesteckt bekommen?
Der Vergleich mit dem Sport hinkt. Die Preise werden defakto nicht höher dadurch! Es gibt keinen Schwarzmarkt auf dem Tickets teurer Verkauft werden. Dafür ist die Bahn schlicht nicht begehrt genug.
Mir ist egal ob die Bahn schmort, auch finanziell. Wer glaubt, dass die Preise höher werden, weil die Bahn weniger verdient ist doch wirklich fern jeder Realität. Die Bahn erhöht die preise weil sie MEHR verdienen will! Deswegen sind die Preise auch gestiegen seit der Teilprivatisierung während der Gewinn ebenfalls stieg. Nur der Service und die Leistung für den Kunden sind gesunken!
Ja, sie zahlen keine Steuern, aber sie haben dafür auch keine Leistungen wie Krankenversicherung ect. Ich sage nicht dass das richtig ist, ich sage aber, dass der Schaden überschaubar ist im Vergleich zu unseren großen Betrüger die mit dem Blauen Augen davon kommen, wenn sie so nett sind sich selbst zu stellen.
Ich finde jeder der es schafft die Bahn legal auszunehmen ist ein guter Mensch. Diesem Monstrum muss ein Bein erstellt werden und die Privatisierung zurückgenommen werden. Die Bahn sollte den Menschen gehören und die Preise müssen endlich Kundenorientiert und nicht Gewinnorientiert sein!!!
Wenn ich ein Ticket kaufe und mit meinem Freunden teile, sie mir also den jeweiligen Anteil zurückgeben, ist das dann auch "Handel" und verboten? Natürlich nicht. Und warum muss man für die gleiche Tat mit Fremden statt mit Freunden direkt den schwarzen Peter zugesteckt bekommen?
Der Vergleich mit dem Sport hinkt. Die Preise werden defakto nicht höher dadurch! Es gibt keinen Schwarzmarkt auf dem Tickets teurer Verkauft werden. Dafür ist die Bahn schlicht nicht begehrt genug.
Mir ist egal ob die Bahn schmort, auch finanziell. Wer glaubt, dass die Preise höher werden, weil die Bahn weniger verdient ist doch wirklich fern jeder Realität. Die Bahn erhöht die preise weil sie MEHR verdienen will! Deswegen sind die Preise auch gestiegen seit der Teilprivatisierung während der Gewinn ebenfalls stieg. Nur der Service und die Leistung für den Kunden sind gesunken!
Ja, sie zahlen keine Steuern, aber sie haben dafür auch keine Leistungen wie Krankenversicherung ect. Ich sage nicht dass das richtig ist, ich sage aber, dass der Schaden überschaubar ist im Vergleich zu unseren großen Betrüger die mit dem Blauen Augen davon kommen, wenn sie so nett sind sich selbst zu stellen.
Ich finde jeder der es schafft die Bahn legal auszunehmen ist ein guter Mensch. Diesem Monstrum muss ein Bein erstellt werden und die Privatisierung zurückgenommen werden. Die Bahn sollte den Menschen gehören und die Preise müssen endlich Kundenorientiert und nicht Gewinnorientiert sein!!!
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