ArchitekturIn Offenheit getarnt

Wie baut man eine Bank in der Bankenkrise? In London und Gifhorn zeigt sich eine neue Architektur der Unsichtbarkeit, geplant von Rem Koolhaas und Stephan Braunfels von 

Ganz modern und ganz traditionell: Speiseraum im Neubau der Rothschild-Gruppe in London

Ganz modern und ganz traditionell: Speiseraum im Neubau der Rothschild-Gruppe in London  |  © OMA

Mit einem Rums steht er da: ein Tresor mitten im Gassengewirr der Londoner City. Kein mickriger Hotelsafe, sondern ein richtiges Panzerknackerding, riesig im Format, groß wie ein Hochhaus. Und obendrauf ein Palazzo-Turm, frisch aus Florenz importiert.

Gut, das war nur so eine erste, verrückte Idee, rasch aufs Papier geworfen. Das Büro des berühmten Architekten Rem Koolhaas hatte gerade den Auftrag für ein neues Bankgebäude in London gewonnen und wusste nicht recht, wie so ein Bau eigentlich aussehen sollte, heutzutage. Wie baut man Stabilität in instabilen Zeiten ? Wie Zuversicht? Gibt es eine Architektur des Vertrauens?

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Als die Welt noch weniger volatil war und niemand sich mit Leerverkäufen, Butterfly Spreads oder Nullkuponanleihen herumschlagen musste, weil das Finanzgeschäft mehr von Menschen als von Computern betrieben wurde, hatten es auch die Architekten leichter. Sie zeichneten ein paar stämmige Säulen, dazu einen Giebel, und schon war die klassizistische Botschaft festgemauert in der Erde: Mit einer Tempelfassade erhob sich die Bank über das schnöde Gewinnstreben. Hier ging es nicht einfach um Geld, hier wurden höhere Werte verhandelt.

Und heute? Der Drang nach Erhabenheit mag ungebrochen sein, doch will man sich wirklich noch einen dieser hyperpotenten Glastürme leisten? In Zeiten, in denen Banker froh sein können, wenn sie auf dem Weg zur Arbeit nicht von Demonstranten behelligt werden? Eine unerwartete Bescheidenheit scheint manche Geldhäuser zu erfassen. Ihre Neubauten dürfen ruhig teuer sein. Sie sollten nur nicht so aussehen.

Noch nie in ihrer langen Karriere konnten Koolhaas und seine Büropartnerin Ellen van Loon für den Quadratmeter so viel Geld ausgeben wie jetzt für die Rothschild Finanzgruppe . Geld, das sie investieren, um das Geld möglichst unsichtbar zu machen. Nun kommt es den Rothschilds, diesem altehrwürdigen Familienunternehmen, gewiss zugute, dass ihre Büros seit 200 Jahren mitten im engwinkligsten Teil Londons liegen. Dort, wo die Gassen gerade mal fünf Meter breit sind und es einfach keinen Raum gibt für großes Architekturgefuchtel. Allerdings hindert das andere nicht, Norman Foster zum Beispiel, es mit einem schwellenden Bürohausklops doch zu versuchen. Koolhaas hingegen tarnt seine Bank – in größtmöglicher Offenheit.

Hinter dem Rothschild-Bau aus den Sechzigern lag lange versteckt eine Kirche mit Friedhof, entworfen von Christopher Wren, einem der wichtigsten Barockarchitekten Englands. Indem Koolhaas die Bank nun auf hohe Stützen stellt, gibt er den Blick auf das verwunschene Ensemble frei – und lenkt zugleich von seinem eigenen Neubau ab. Nicht dass er ihn verstecken würde. Das Erdgeschoss mit seiner Lobby ist von verlockender Leere. Doch nicht hier, am Geldtempel, der keiner sein will, bleibt das Auge hängen, sondern am Gotteshaus im Hintergrund.

Leserkommentare
    • Mocaer
    • 21. Februar 2012 21:50 Uhr

    Wer will heute noch die belanglosen aufgeregten Gebäude narzistisch hochgestörter alter Männer - und übriges auch von Frauen - sehen, die immer zuviel kosten und nach wenigen Jahren z.T. abgerissen werden. Die Bauschäden ohne Ende zum finanziellen Schaden ihrer Bauherren schaffen und dann fröhlich und mit unbegrenztem Selbstbewusstsein, nein Selbstüberzeugtheit, weiter marschieren. Die nicht Anteil nehmen an der Zerstörung von Lebendigem sondern daran teilhaben. Die also nichts aufbauendes Schaffen, was das Zeichen wirklicher Kunst und Kultur ist, sondern beliebiges, das zerstört, Sinn und Identität z.B. Und darüber wie alles Kaputte auch noch soviel Aufmerksamkeit bekommen.

  1. ...koolhaas hat gerade den auftrag von Rothschild fuer den bankneubau gewonnen und fragt sich nun, wie so etwas aussehen ?

    So gewinnt man heute wettbewerbe. Oder wars gar keiner am ende?

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