Vom Fenster seines Leipziger Hotelzimmers aus kann er sie gut sehen, die Braunhemden. Sie versammeln sich zum Flaggenhissen auf dem Roßplatz gleich gegenüber. Unterwegs in der Stadt ist er Zeuge geworden, wie sie einen Bäckerjungen vom Rad rissen und traten, nur weil er nicht den Hitlergruß entboten hatte. Nun aber bilden sie die Drohkulisse für einen Fußtritt ganz anderer Art. Es geht um ihn, um den Gewand-hauskapellmeister Bruno Walter. Sein Konzert in zwei Tagen, am 17. März 1933, solle »verhindert« werden, heißt es, aber so leicht ist die Direktion des Hauses nicht zu beeindrucken.

Man hat seinen Leipziger Bürgerstolz. Und man hat Kontakte, es wird telefoniert. Zum Beispiel mit Winifred Wagner in Bayreuth. Hitlers Vertraute ist sicher, Übergriffe seien »ganz gegen den Willen« des neuen Reichskanzlers. Doch es hilft alles nichts. »Aus Gründen der öffentlichen Sicherheit« darf das Konzert nicht stattfinden.

»Aus Gründen der öffentlichen Sicherheit«? Die Nazis sind in diesen Tagen noch ein wenig vorsichtig. Aber einen so bekannten Dirigenten kann man nicht heimlich vertreiben. Die New York Times nennt gleich am 17. März den wahren Grund für das Verbot: Walter entspreche »nicht den von den Nationalsozialisten favorisierten rassischen Standards«, da sein ursprünglicher Name Schlesinger laute. Die Zeitung hat schon oft über Walter berichtet, wenn er in New York dirigierte. Und die Amerikaner wissen, was sie an ihm haben, als er sechs Jahre später für immer zu ihnen kommt – als einer von Zehntausenden Emigranten.

Bruno Walter, der vor fünfzig Jahren, am 17. Februar 1962, in seinem Haus in Beverly Hills starb , war wohl der berühmteste Dirigent unter all den Musikern, den Komponisten und Musikwissenschaftlern, die in der Zeit des »Dritten Reiches« in die USA emigrierten. Nach Schätzungen sind mindestens 1500 europäische Musiker über den Atlantik geflüchtet. In dieser Konzentration war es wohl der größte Talenttransfer der Weltgeschichte. Trotzdem hat man sich lange Zeit fast nur für die literarische Emigration interessiert, wie die Musikwissenschaftlerin Dörte Schmidt noch 2008 in dem Buch Musik und Musiker im Exil bedauernd feststellt.

Als Walter floh, war Arnold Schönberg schon seit fünf Jahren in den USA, »ins Paradies vertrieben«, wie er in Hollywood schrieb. Dort, in Kalifornien, lebten inzwischen auch die Komponisten Erich Wolfgang Korngold und (zeitweilig) Hanns Eisler, während Paul Hindemith 1940 nach Connecticut ging. Im selben Jahr kamen Darius Milhaud aus Frankreich und Béla Bartók aus Ungarn. Es kamen Igor Strawinsky, Kurt Weill , die Dirigenten Otto Klemperer und Erich Leinsdorf, Pianisten wie Rudolf Serkin und Arthur Schnabel, Geiger wie Adolph Busch und Bronislav Huberman und ganze Ensembles wie das Kolisch-Quartett aus Wien . Dazu berühmte U-Musiker, der Operettenkönig Emmerich Kálmán oder Friedrich Hollaender, der Komponist des Blauen Engels, und rund neunzig Musikwissenschaftler.

Die Wirkungsgeschichte dieses unglaublichen Exodus ist noch ungeschrieben. Nichtjüdische Emigranten wie Bartók, Busch, Hindemith, Strawinsky sind die wenigsten; zu etwa 97 Prozent war das Exil rassistischer Verfolgung geschuldet. So kann man es dem exzellenten Online- Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit entnehmen, das seit 2005 an der Uni Hamburg entsteht (und jetzt mangels Etat eine Bauruine zu werden droht). Es kamen die Besten, und sie kamen mehrheitlich aus jüdischen Familien. Eine Gemeinsamkeit, der die unterschiedlichsten Biografien und Ästhetiken gegenüberstehen. Vielleicht lassen sich einige Linien verbinden? Der »Fall Walter« eignet sich dafür wie kein anderer.

Seine Kindheit erlebte der Musiker im Kaiserreich, am 15. September 1876 kommt er in Berlin zur Welt. Vater Schlesinger ist Buchhalter in einer Seidenfirma. Von »dürftiger Abkunft«, wie sein Sohn schreibt, ist dieser Mann erfüllt vom »Drang zum Höheren«. Stefan Zweig hat betont, wie charakteristisch dieser Drang für die jüdischen Familien jener Zeit war: »Selbst der Vermögendste wird seine Tochter lieber einem bettelarmen Geistmenschen zur Gattin geben als einem Kaufmann.« Der Dirigent Erich Leinsdorf, 1937 aus Österreich emigriert, ergänzt nüchtern: »Juden haben sich auf die Bereiche konzentriert, in denen ihnen die Entfaltung ihrer Talente erlaubt war.«

Schon im Kaiserreich macht ihm der Antisemitismus zu schaffen

Die Mutter spielt Klavier, die Begabung des zweiten Kindes wird früh entdeckt. Als »kleiner Mozart« richtet sich Bruno Schlesinger auf eine Pianistenkarriere ein. Doch als er in der Berliner Philharmonie den Dirigenten Hans von Bülow erlebt, weiß er: Nichts anderes »kommt in Betracht«. Dass er tatsächlich der geborene Dirigent ist, stellt jener Musiker fest, in dessen Bannkreis er mit 18 Jahren gerät. Es ist der Kapellmeister der Hamburger Oper, Gustav Mahler . »Also Sie sind der neue Korrepetitor, können Sie gut Klavier spielen?« – »Ausgezeichnet«, sagt der Jüngling, und Mahler lacht.

Eine Zusammenarbeit beginnt, die den jungen Musiker bald auf die Höhe der Zunft katapultiert. Um eine Stelle in Breslau zu bekommen, nennt er sich erstmals Bruno Walter, und dabei bleibt es. Dass dies ein Akt der Assimilation ist, verschweigt er in seinen 1946 erschienenen Erinnerungen ebenso wie seine Konversion zum Katholizismus vor Antritt eines Postens im damals russischen Riga – so wie sich auch Mahler für Wien hat taufen lassen. Er habe sich »bei zunehmender Reife«, schreibt Walter in seinen Erinnerungen, »der christlichen Lehre« zugewandt.

»Rasiren Sie Ihren Bart ab, ehe Sie in Wien eintreffen«, schreibt Mahler im Sommer 1901 an Walter und erklärt das nicht weiter. Hofoperndirektor Mahler hat den 24-Jährigen als Kapellmeister engagiert. Bruno Walter, der im selben Jahr die Sopranistin Elsa Korneck heiratet, ist im Zentrum der Musik angekommen, aber auch in einer Stadt, deren populistischer Bürgermeister Karl Lueger den Antisemitismus »zu einer Macht im öffentlichen Leben« gemacht hat. Umso schärfer artikuliert sich hier, rund um Gustav Mahler , den auch die junge Avantgarde verehrt, die Gegenmacht des Geistes. Signifikant viele jener Musiker, die sich Jahrzehnte später als Emigranten in den USA treffen, prägen dieses Wien oder werden von ihm geprägt – vom Komponisten Arnold Schönberg bis zum Pianisten Paul Wittgenstein.

Walter kennt sie alle. Mit Schönberg und Alexander von Zemlinsky gründet er, der damals selbst komponiert, einen Verein der »schaffenden Tonkünstler«. Im Palais des kulturbegeisterten Industriellen Karl Wittgenstein fühlt er sich »ans Herz genommen«. Musikalisch ist man dort konservativ, und Walter missfällt das nicht. Was Wiens Großkritiker Julius Korngold gegen Atonalität als »Krankheitssymptom« schreibt, hält Walter auch dann noch für triftig, als die Nationalsozialisten solche Musik zur »entarteten« erklären. Andererseits hat er sich seine Begeisterung für Wagner nie vom Wagnerianer Hitler nehmen lassen. Kunst aus politischen Erwägungen zu verbannen, sagt er später, sei schlicht faschistisch.

Auf die Vorläufer der Nazis trifft Walter nicht nur in Wien, wo er bis 1912 mehr als 850 Mal am Pult der Hofoper steht, sondern auch in München. Im Wagnerjahr 1913 wird er hier Generalmusikdirektor. Größere Teile der Presse bezweifeln sofort seine »stilistische Sicherheit« im Umgang mit Wagner – was im Code der Antisemiten schlicht bedeutet, hier dirigiere ein »Artfremder«. Als das Gezischel nicht nachlässt, greift Walters Nachbar aus der Poschingerstraße ein. 1916 erklärt Thomas Mann in einem Artikel, Walter sei deutsch »seinem Geiste, seinem Herzen, seiner Bildung und Liebe, wenn auch meinetwegen nicht seinem Blute nach«. Manns Bewunderung vertieft sich noch, als Walter 1917 die – legendär gewordene – Uraufführung von Hans Pfitzners Palestrina dirigiert.

1922 erscheinen an Münchens Mauern »blutrote Plakate mit dem unheimlichen Hakenkreuz«, wie sich Walter erinnert, der in diesem Jahr die Stadt verlässt. Sein früherer Mitstreiter Arnold Schönberg hat schon 1921 die Vergiftung des Alltags erlebt und wurde, wie er schreibt, »zu lernen gezwungen, daß ich kein Deutscher, kein Europäer, ja vielleicht kaum ein Mensch bin [...], sondern, daß ich Jude bin«. Denn just als Schönberg im Sommer 1921 mit der Familie in Mattsee bei Salzburg Urlaub machte, veröffentlichte die Gemeindeverwaltung einen Aufruf, der im Interesse einer »judenreinen Sommerfrische« den nichtarischen Gästen die Abreise nahelegte. Ein Exil vor dem Exil nimmt da Umrisse an.

Auch für Bruno Walter. Als er 1922 zu einem ersten Gastspiel in den USA aufbricht, ist ihm die Heimat schon fremd geworden. Zwar leitet er ab 1924 die Städtische Oper Berlin, wird 1929 Gewandhauskapellmeister, aber die Frage »Wie lange noch?« bleibt. Sie beschäftigt viele – auch einen brillanten Musikwissenschaftler, der mangels Professur gezwungen ist, sein Geld als Kritiker zu verdienen: Alfred Einstein, dem Walter einige der enthusiastischsten Rezensionen in Berlin verdankt.

Kunst und Leben sind nicht zu trennen

1917 waren gerade mal 1,2 Prozent des Lehrpersonals an deutschen Hochschulen jüdischer Herkunft, bei weiter fallender Tendenz in der Weimarer Republik. Musikhistorikerin Pamela Potter weist 1999 in dem Buch Driven into Paradise – The Musical Migration from Nazi Germany to the United States nach, dass sich für die »offizielle« deutsche Musikwissenschaft durch die Vertreibung kaum etwas änderte, aber jeder zweite bedeutende US-Musikologe bis 1950 ein Emigrant war. Einstein bekam 1939 eine Professur in Massachusetts und schrieb innerhalb von acht Jahren Werke, die heute Klassiker sind – wie sein berühmtes Buch über Mozart. »Ich kann meinem Führer gar nicht genug danken«, resümierte er.

So ähnlich reagierten die Londoner auf Bruno Walters Auftritt nach seiner Vertreibung aus dem Reich. »Deutschland hat seinen größten Dirigenten dem Rest der Welt geschenkt«, schrieb eine Zeitung. In Amsterdam war der Bahnhofsplatz schwarz von Menschen, die ihn mit einem niederländischen Freiheitslied begrüßten. In Wien dauerte der Applaus beim ersten Konzert des »Heimgekehrten« eine halbe Stunde. Nach den Erfahrungen in Leipzig und Berlin war er mit der Familie nach Wien gezogen. Hier fühlt er sich zu Hause, den Antisemiten zum Trotz. Hier lässt er sich noch 1936 zum Staatsoperndirektor machen. Er dirigiert auch in Salzburg, »und von einem Gipfel der Berchtesgadener Berggruppe drohte abends ein leuchtendes Hakenkreuz zu uns herüber«.

In dieser Zeit, an drei Junitagen im Wien des Jahres 1935, entsteht eine Aufnahme, die uns durch alles Schellackrauschen hindurch erreicht in ihrem glühenden Drang. Mit den Wiener Philharmonikern, mit der Sopranistin Lotte Lehmann und dem Tenor Lauritz Melchior realisiert Bruno Walter den ersten Akt von Wagners Walküre und lässt seinen Siegmund durch einen Wald fliehen, dessen Dunkel in den geschärften Basslinien, den halb drohenden, halb verzweifelten Bläserschreien eine ebenso abgründige wie reale Gegenwärtigkeit hat. »Wes Herd dies auch sei, hier muß ich rasten«, Siegmund spricht es mehr, als dass er es singt. Die Individualisierung jedes Tons, jedes Tempos, jeder Phrase lässt allen Opernnebel zurück. Hier wird wahrhaftig Existenz verhandelt.

Das muss hören, wer bezweifelt, dass Kunst und Leben nicht zu trennen sind, wer wissen will, warum dieser Dirigent zu den ganz Großen zählt und wie man Wagner aus dem Überwältigungspathos seiner dumpferen Bewunderer befreit. Hier ist seine Musik schlank und aufklärend und wird zum Leben gebraucht. Mit diesem Siegmund auf der Flucht tritt Bruno Walter seine eigene Flucht schon an, ehe die Wiener, die ihn jetzt noch feiern, den »Anschluss« bejubeln. Die Nachricht vom Einmarsch der Wehrmacht erreicht ihn auf einer Konzertreise in Amsterdam. Noch schrecklicher ist im Jahr darauf wohl nur die vom Tod seiner jüngsten Tochter Gretel: Wegen ihrer Liebesaffäre mit dem gefeierten Don-Giovanni-Darsteller Ezio Pinza hat ihr Ehemann sie und sich erschossen.

Im November 1939 trifft Bruno Walter mit Frau und Tochter Lotte in New York ein, eine von ungezählten Musikerfamilien in jenen Tagen. »Eine solche Zentralisierung großer Musiker hat es nie vorher gegeben«, schreibt der Kritiker Artur Holde, selbst aus Deutschland geflohen. In der Emigrantenzeitung Der Aufbau warnt er Neuankömmlinge indes vor zu großen Erwartungen. Die wirtschaftliche Basis des Musikbetriebs bleibe labil. Wer Musik als »internationale Sprache« verstehe, übersehe den andersartigen Geschmack der Amerikaner. Zudem seien die Musiker hier gut ausgebildet: »Besonders ihre technische Geschicklichkeit tritt ohrenfällig zu Tage.«

Selbst beste Kräfte haben es schwer, sodass der berühmte Geiger Adolf Rebner, in dessen Quartett auch Paul Hindemith gespielt hat, sich hilfesuchend an Arnold Schönberg wendet und zur Antwort bekommt: »1. Geduld haben, 2. alles annehmen, was irgendwie ein Erwerb ist; 3. und vor allem den Mut nicht verlieren, denn 4. Sie werden etwas finden, wenn es auch ein bis zwei Jahre oder noch länger dauert...«

Für Schönbergs Schwager Alexander von Zemlinsky dauerte es zu lange. Wie Walter war er 1933 nach Wien zurückgezogen. Für die Ausreiseerlaubnis 1938 mussten er und seine Frau 27.612 Reichsmark bezahlen, und in New York galt sein Name wenig. Der mittellose 67-Jährige ließ sich darauf ein, Schlager zu schreiben. Er erkrankte, erlitt mehrere Schlaganfälle und starb vier Jahre darauf, im März 1942.

Deutsche Musiker prägen bald den Sound von Hollywood

Wenn schon ein Mann von seinem Format scheiterte und einer wie Béla Bartók lange darben musste, lässt sich denken, dass den happy endings der Emigration viele Tragödien gegenüberstehen. Selbst im Erfolg des Erich Wolfgang Korngold steckt ein Drama. 1910 hatte Bruno Walter als Pianist das Klaviertrio des 12-jährigen Wiener Wunderkindes aus der Taufe gehoben, und mit seiner üppig glühenden Klangsprache hatte sich Korngold später grandios durchgesetzt. In den USA wurde er zu einem der begehrtesten unter den vielen deutschsprachigen Komponisten, die in Hollywood Karriere machten (allein Friedrich Hollaender schrieb an die 150 Filmmusiken, darunter Songs für den Westernklassiker Der große Bluff mit Marlene Dietrich und James Stewart).

Aber während Korngold Errol Flynn als Robin Hood durch Nachklänge Wagners und Mahlers reiten ließ – ein Sound, der bis heute Hollywoods Blockbuster bestimmt –, sehnte er sich nach der Kunstmusik und nach Wien, kehrte 1949 zurück und war tief enttäuscht, dass man ihm die kalte Schulter zeigte. Ihm brach buchstäblich das Herz – mit 60 Jahren. Bezeichnenderweise ist eines seiner populärsten Werke heute das Violinkonzert, in dem er 1945 auf Filmkompositionen zurückgreift und genial »großes Kino« mit absoluter Musik verschmilzt. Da reißt die Leinwand, man sieht, das Meer ist echt, und spürt den Wind. Auch das Violinkonzert, das Arnold Schönberg 1936 am Pazifik vollendete, verrät, wie die neue Umgebung den Stil beleben konnte: Leuchtender schrieb er nie.

Dass Schönbergs Tennispartner George Gershwin den Druck des Vierten Streichquartetts bezahlte, dass das Kolisch-Quartett dieses und andere Streichquartette Schönbergs im Filmstudio von United Artists aufnehmen konnte, zeigt, welche Vorzüge die Nachbarschaft am Pazifik bot. Die Hügel am Sunset Boulevard werden gern als »Weimar unter Palmen« bezeichnet, weil hier rund um Thomas und Heinrich Mann die literarischen Emigranten Zuflucht fanden – doch die Zahl der Musiker ist höher. Und keiner hat beide Kreise so verbunden wie Thomas Manns Freund Bruno Walter, der den Schriftsteller (noch vor Adorno) beim Romanprojekt Doktor Faustus musikalisch beriet.

Gleich nach der Ankunft hatte Walters Familie ein »hübsches, einstöckiges Haus ganz im Grünen« bezogen, in Beverly Hills . »Meine eigene Verpflanzung verlief ohne Krisen«, schreibt er am Ende seiner Memoiren. Tatsächlich hatte er schon kurz nach der Ankunft fünf Konzerte mit dem Los Angeles Philharmonic Orchestra gegeben, zwei Monate später ebenso viele mit Arturo Toscaninis NBC Symphony Orchestra in New York, und zwischen diesen beiden Städten lagen viele andere, in denen man ihn feierte.

Walters opulente Diskografie zeigt seine Präsenz, seinen Platz zwischen Toscanini, Klemperer, Furtwängler . Sie verrät aber nichts von der Wirkung, die sich durch Kontakte der Musiker untereinander ergab – und die bis heute zu hören ist, wie beim inzwischen 88-jährigen Pianisten Menahem Pressler, Mitbegründer des legendären Beaux Arts Trio. Als Knabe aus Magdeburg über Italien nach Palästina geflohen, machte er seit 1946 in den USA Karriere; bei Bruno Walter nahm er Unterricht.

»Er kannte alles«, sagt Pressler. »Er hat nie befohlen. Nur gebeten. Wie er mir die Musik erläuterte! Wie er das gesehen hat. Diese Wärme.« Wenn Pressler spielt, hört man, was er selbst seinen Schülern sagt: »Du musst jeden Schritt empfinden.« Am Morgen nach seinem Konzert in Leipzigs Gewandhaus sitzen wir in einem Hotel nahe der Stelle, an der Bruno Walter 1933 durchs Fenster auf die SA-Horden blickte. »Emigration ist eine furchtbare Sache«, sagt Pressler, »eine furchtbare Sache.« Walter habe ihn schon deswegen gemocht, weil er, Pressler, seinen Namen von Max Jakob zu Menahem hebräisiert hatte.

Er erzählt, wie er eines späten Abends in Beverly Hills zu Gast bei Walters Nachbarin am Bedford Drive 610 war, bei Alma Mahler. Pressler spielte für sie. »Es gab damals keine Aircondition, die Fenster waren geöffnet, und ich fragte: Sollen wir nicht lieber die Fenster schließen, damit die Nachbarn nicht gestört werden? Und sie«, Pressler lacht, »sie sagt: Der Schlesinger kann ruhig wach bleiben.«