Wer am Ricarda-Huch-Gymnasium in Gelsenkirchen zu unterrichten beginnt, den erwartet eine außergewöhnliche Fortbildung. In einem speziellen Seminar lernen neue Lehrer hier, weshalb einige muslimische Mädchen Kopftuch tragen und andere nicht. Sie erfahren, was Machosprüche pubertierender Migrantenschüler mit dem Islam zu tun haben oder wie man reagiert, wenn ein Vater einen als Rassisten beschimpft, weil man seinem Sohn eine Fünf gegeben hat.

Der Kurs, eine Art kleine Islamkunde für Gymnasiallehrer, gehört zu den neuesten Initiativen, mit denen sich die Schule auf ihre Klientel einstellt. »Türkenschule« nennen manche in Gelsenkirchen das Ricarda-Huch-Gymnasium (RHG). Die Lehrer selbst sprechen lieber von einer »deutschen internationalen Schule«. Rund 40 Prozent der 850 Schüler des Gymnasiums haben eine Einwanderungsgeschichte. Wer in der großen Pause auf dem Schulhof herumfragt, kommt auf 28 Herkunftsländer.

Am Ricarda-Huch-Gymnasium steht neben Englisch und Latein als Wahlfach auch Türkisch auf dem Stundenplan. Wer in Deutsch Defizite zeigt, muss in der fünften und sechsten Klasse Sprachkurse belegen. Ein »Gütesiegel für individuelle Förderung« zeugt von dem Bemühen der Lehrer, starken wie schwachen Schülern gerecht zu werden . »Wir geben niemanden verloren und nehmen die Schüler, wie sie sind«, sagt die Rektorin Ursula Klee.

Informationsabende auf Türkisch, verpflichtende Sprachförderung, ein Unterricht im Ganztagsbetrieb – das kennen viele Schulen im Ruhrgebiet wie anderswo. An Gymnasien jedoch sind diese Phänomene bis heute eine Ausnahme. Denn das Gymnasium gilt vielen Eltern, Lehrern und Politikern als Bastion gegen den Leistungsverfall und Festung gegen flüchtige Reformmoden. Vor mehr als 200 Jahren von Wilhelm von Humboldt in seinem klassischen Zuschnitt gegründet, hat es seine Rolle als Leitinstitution des Bildungswesens bis heute bewahren können. Mit dem Gymnasium verbinden die Deutschen traditionell ihre zentralen Tugenden: Fleiß, Ordnung und Aufstiegswillen, vor allem aber Beständigkeit.

Lange Zeit schien das Gymnasium allen Stürmen der Zeit zu trotzen. Doch nun sieht sich die beliebteste Schule der Deutschen mit grundlegenden Veränderungen konfrontiert. Das nationale Monument wankt. Es wird einer neuen Schülerklientel und neuen pädagogischen Ideen ausgesetzt, es wird erschüttert von den großen Umbrüchen in der deutschen Bildungslandschaft: Der Rückgang der Geburtenzahlen trifft alle Schulformen. Auch Gymnasien müssen in Zukunft stärker um die Gunst der Eltern werben. Nur wenn sie sich neuen Schülern öffnen, lässt sich die Gefahr eines Stellenabbaus oder gar einer Schließung bannen. Schon jetzt ist zu beobachten, dass der Anteil der Schulwechsler und Sitzenbleiber trotz steigender Gymnasialquote sinkt. In Nordrhein-Westfalen etwa sank die Wiederholerquote seit 2002 um mehr als die Hälfte. Zum einen weil die Politik Druck macht, sich besser um die schwächeren Schüler zu kümmern. Zum anderen weil »der demografische Druck flexibel macht«, wie der Tübinger Bildungsforscher Ulrich Trautwein sagt. Dennoch schaffen bislang nur wenige Schüler mit Zuwanderungsgeschichte den Sprung aufs Gymnasium, im bevölkerungsbunten Nordrhein-Westfalen sind es 14 Prozent.