Die Hauptrolle in dieser Seifenoper spielt das Dorf. Hier hängt im Wirtshaus der Jesus am Kreuz. Im Postauto stricken die Frauen Socken, und nirgendwo sind die Holzscheiter vor den Häusern ordentlicher, ja, kunstvoller geschichtet. Die Straße nach Vals ist lang, eng und kurvenreich. Drohend steigen die Felswände in den Himmel, überall Lawinenspuren. Doch die Architekturpilger kümmert das nicht. Sie wollen Peter Zumthors Therme sehen.

Jetzt soll sie verkauft werden. Kein Problem. Wäre da nicht ein Haken. Die Besitzerin, die Gemeinde Vals, gibt ihr Kronjuwel nur her, wenn der Käufer auch die dazugehörige angejahrte Hotelanlage saniert. Und das geht ins Geld. Unter 50 Millionen Franken ist da nichts zu machen.

Jahrelang suchte die Gemeinde vergeblich nach einem Interessenten. Seit ein paar Wochen hat sie plötzlich drei. Und damit die Qual der Wahl: Der eine ist jung und reich, der andere väterlich und kultiviert, der dritte stammt aus dem gleichen Dorf.

Die Rollen der drei Bewerber sind hochkarätig besetzt. Der erste, Remo Stoffel, besitzt, obwohl erst 35, ein Firmenimperium, das bis nach Dubai reicht und auf eine halbe Milliarde Franken geschätzt wird. Manche sehen in ihm auch den bad guy im Stück. Sein Zürcher Hauptquartier wurde mal von einer Polizeirazzia verwüstet, und es geht die Sage von laufenden Strafverfahren. Zudem gibt es ehemalige Geschäftspartner, die beim Nennen seines Namens die Faust ballen und nur eines wollen: »Herrn Stoffel nie wieder sehen!«

Vals den Valsern – die Therme darf nicht verkauft werden

Remo Stoffels Kaufangebot letzten Herbst – ein lässiger Steinwurf in die stillen Gewässer der Therme – hatte einen Tsunami zur Folge. Niemals, donnerte Stararchitekt Peter Zumthor, dürfe sein Werk in die unwürdigen Hände dieses Finanzjongleurs fallen! Niemals Spekulationsobjekt werden! Eilends trommelte er eine illustre Geldgeberrunde namens IG Therme Vals zusammen und stellte sie am 27. Januar dieses Jahres den Valsern vor. Um ihre Gunst zu gewinnen, versprach er einen, wie gewohnt, kultiviert feinfühligen und sozial ausgerichteten Umgang mit den ihm anvertrauten Werten. Das Publikum applaudierte artig. Vergaß jedoch nicht, dass es auch einen anderen Zumthor kannte. Der war recht spröde und rechthaberisch und hatte das Dorf im Zorn verlassen. Nach seinem Valser Auftritt zog sich der Star samt Entourage in seine Festung in Haldenstein zurück und verbat sich jede weitere Ruhestörung durch die Medien und andere lästige Mitbürger.

Bewerber Nummer drei federte am letzten Freitagabend in Joggingschuhen und bemerkenswert fit über die Valser Turnhallenbühne und bot eine erstklassige Show. Titel: Vals den Valsern! Groß ist die Empörung des einheimischen Steinbruchbesitzers Pius Truffer über die schäbigen Angebote seiner Konkurrenten: »Wir Valser haben die Therme mit 26 Millionen Franken bezahlt. Und jetzt sollen wir sie zum Schnäppchenpreis von drei oder vier Millionen verscherbeln?« Und flammend ist sein Aufruf für seine frisch gegründete Interessengruppe Valser Weg. Seine »Bi ünsch« beschwören den Zusammenhalt im Tal, seine »Gopferteckel!« die gemeinsame Entrüstung. Gopferteckel, soll sich Vals schon wieder von Unter- und Ausländern übertölpeln lassen? So wie damals, als sich Coca-Cola für ein Trinkgeld das Valser Mineralwasser unter den Nagel riss? Auch wüsste er jetzt schon, was im Therme-Hotel des Valser Wegs auf den Tisch käme: »Unsere Spezialitäten und nicht Maluns, Capuns und därigi War!« Solche Ware, das sind die Spezialitäten der benachbarten Romanen, die von den deutschsprachigen Valsern noch immer mit Misstrauen betrachtet werden. Die Valser haben nicht vergessen, wie die Romanen ihr enges Tal zustöpselten, Wegzoll verlangten, um die Einwanderung neuer Alemannen aus dem Wallis zu stoppen. Und noch vor hundert Jahren, sagt Pius Truffer, wurde ein romanisches Mädchen enterbt, das einen Valser heiraten wollte.

Clou von Truffers Valser Weg: Die weltberühmte Therme darf nicht verkauft werden. Sie wird zur Stiftung, womit ihre Unverkäuflichkeit »für alle Ewigkeit verankeret und verschruubet« ist. Schließlich sind auch andere Kulturdenkmäler wie Eiffelturm und Kolosseum nicht auf dem Markt. Damit nicht genug: Er hat Nebenbuhler Stoffel an Bord des Valser Wegs geholt. Schließlich ist der auch Valser. Und bringt »50 Millionen Franken ins Täli iächa«.

Aufgewachsen ist Remo Stoffel in bescheidenen Verhältnissen. Der Vater arbeitete in der Mineralwasserfabrik, die Mutter war Verkäuferin im Dorfladen. Am liebsten wäre er Bauer geworden. Doch das Heuen lag ihm nicht, schon gar nicht an steilen Valser Hängen. Das Gymnasium im Kloster Disentis brach er nach wenigen Wochen wegen Heimwehs ab. Aus dem gleichen Grund pendelte er während seiner Banklehre drei Stunden täglich zwischen Vals und Chur. Doch endlich war er in seinem Element. Geschmeidig wie ein Fisch ins Wasser, glitt er hinein in die Welt der Börsentransaktionen. Schon als Lehrling besaß er seine eigene Investorengruppe. Ihr heimeliger Name: Valser Bienenfreunde. Die Banklehre hätte er mit einem glatten Sechser abgeschlossen, wäre da nicht das Französisch gewesen. Das Stellenangebot der Bank lehnte er ab: zu schlecht bezahlt, zu eng. Mit 21 verwaltete er seine ersten drei Valser Appartementhäuser. Mit 23 kaufte er die ersten Mietblocks, um sie in Eigentumswohnungen umzubauen. Stoffel entdeckte das Versicherungswesen und den Derivatehandel, und bald besaß er auch Firmen in Liechtenstein und der Karibik sowie einen Wohnsitz auf einer britischen Kanalinsel. Heute, mit 35, logiert Remo Stoffel im ehemaligen Swissair-Direktoriumsgebäude in Kloten Balsberg, und fast alles, was er von seinem Bürofenster aus sehen kann, gehört seiner Firma Priora. Die geschätzten 3 Millionen Quadratmeter jetzt schneebedeckten Landes hatte er für 198 Millionen Franken aus der Swissair-Konkursmasse gekauft.