Geigerin Carolin WidmannSo klingt verletzliche Musik

Carolin Widmann und Alexander Lonquich überwältigen mit Franz Schubert. von Wolfram Goertz

Die Geigerin Carolin Widmann

Die Geigerin Carolin Widmann  |  © Promotion

Bisweilen weitet sich schlagartig der Horizont, den man sehr genau zu kennen glaubte. Dachte man bei großer Violinliteratur nicht immer an Bachs Solowerke, an die Franck-Sonate, an die Konzerte von Beethoven, Mendelssohn, Brahms, Sibelius, Tschaikowski, die Capricen von Paganini ? Jetzt aber kommt dieses unscheinbare h-moll-Rondo D 895 von Franz Schubert , raubt uns den Verstand und drängt mit Macht zu den Chefstücken.

Für solche Neuordnungen bedarf es eines Entdeckers. Hier ist es die 1976 in München geborene Geigerin Carolin Widmann, die längst zur Weltelite zählt und soeben mit dem Pianisten Alexander Lonquich beim Label ECM eine reine Schubert-Platte aufgenommen hat. Dort steht das h-moll-Rondo im Zentrum. Das seltsame Werk beginnt doppeldeutig formelhaft, wie eine majestätische französische Ouvertüre, der man den glühenden Kern entfernt und den wärmenden Mantel genommen hat. Die Geige weiß nicht, zu wem sie singen soll, das Klavier liefert ziellose Akkorde mit scharfen Punktierungen, einmal lächelt die Violine zur fernen Tonart F-Dur hinüber, um sich gleich wieder nach h-moll zurückzukrümmen. So klingt verletzliche, fragile, sich vor Beschädigung fürchtende Musik. Erregt warten wir auf Erlösung, doch lange Zeit kommt sie nicht. Zwar gibt es diese rustikale H-Dur-Passage mit den wippenden, schunkelnden Bässen, gibt es trappelnde Tonwiederholungen, doch großer Strom hört sich irgendwie anders an. Schubert macht indes das Fragmentierte zu wundervoller Kunst – und wie Widmann und Lonquich diese Idee weiterverfolgen, ist die eigentliche Sensation. Beide Musiker nähern sich diesem tönenden Flüchtlingsdrama wie Sanitäter, sie bergen heimatlose Melodiefetzen im Quarantäne-Zelt, in das frische, fröhliche Luft erst am Ende, nach der Gesundung, dringt.

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Dabei muss man es gehört haben, wie Widmann artikuliert, wie sie vor allem ein Vibrato zur Sensation erheben, es aber auch zu völliger Ausdruckslosigkeit zurücknehmen kann. Die Momente der Platte, da man die Geige fast nicht wahrnimmt, sind besonders eindrucksvoll: weil da zwei Musiker begriffen haben, dass das Klavier in diesem Augenblick die Hauptstimme innehat. Doch wenn Widmann dann aus dem Nichts nach vorn schießt, ist die Verblüffung umso größer. In einem Interview sagte sie, ihr seien Geiger verdächtig, die bei dieser Musik nicht nach hinten träten, sondern den Regler am Mischpult noch hochzögen. Ihr passiert das nie. Aber sie hat trotzdem Gefühl für das Innige, Süße, behaglich Flötende – man höre nur die A-Dur-Sonate D 574, die nach Frühlingstraum, Burleske und Feenreigen klingt.


Niemand muss noch betonen, dass Carolin Widmann eine virtuose Geigerin ist. Lagenspiel, Arpeggien, Doppelgriffe – alles meisterlich. Nie hört man die Mühe. Aber wir müssen auch den Pianisten loben. Wie oft hat man den Beginn der Fantasie C-Dur D934 schon vernuschelt gehört, fad, in klavieristischen Mühen verhaftet. Lonquich hingegen spielt das wie ein Flimmern vom Firmament, in das die Violinstimme wie in Sternenglanz gehüllt wird.

Man hüte sich, Carolin Widmann nun als Schubert-Spezialistin ausrufen. Ihr Repertoire ist groß: Die Capricci von Salvatore Sciarrino geigt sie als höllische Musik zwischen Hochseilartistik und Schweigegelübde; soeben betreute sie die Uraufführung des Violinkonzerts von Rebecca Saunders in London , aktuell hat sie ein Programm von Bach bis Xenakis im Geigenkasten. Wenn sie Avantgarde spielt, hat das indes immer Auswirkungen auf die Art, mit der sie die Klassiker interpretiert, auch diesen hellen und abgründigen Schubert. Für Carolin Widmann ist jede Musik Intensivstation.

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Leserkommentare
    • rabin
    • 18. Februar 2012 12:46 Uhr

    Eine reine Schubert-Aufnahme? Na und? das machen Julia Fischer und Martin Helmchen auch oder Liza Ferschtman oder Gidon Kremer oder Isabelle Faust.

    Die Konkurrenz bei D. 934 ist sehr gross geworden.

    Da ist diese eine Interpretation unter mehreren hochkarätigen.

    • koberre
    • 20. Februar 2012 8:13 Uhr

    ... nicht an "DIE" Violinkonzerte gedacht wurde, ist nicht verwunderlich, wie im 2. Satz des Artikels geschrieben. An "DAS" Violinkonzert kann man sehr wohl denken.

  1. Silente y
    suave como
    el lento pasar
    de la noche
    encantada.

    Francesco Sinibaldi

  2. Schöner Text und absolut zutreffend. Schade nur ein bisschen um die Subhead: Wenn die beiden mit ihrer Musik etwas gerade nicht zu wollen scheinen, dann, den Hörer zu "überwältigen". Eher vertrauen die beiden auf ein mitdenkendes und -fühlendes Publikum, da braucht es gar keine Eroberergesten. Zum Glück.

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  • Schlagworte Musik | Franz Schubert | Pianist | London | München
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