Immerhin gründete das Innenministerium eine »Arbeitsgruppe Skinhead« und siedelte sie bei der Kriminalpolizei an. Der Leiter, Oberstleutnant Bernd Wagner, sollte eine »Einstiegsanalyse« verfassen und Repressionsstrategien empfehlen. Doch Wagner und seine Kollegen wussten, dass sie es längst nicht mehr mit einem flüchtigen Jugendphänomen zu tun hatten. Was da unter ihren Augen ablief, war ein Prozess, der die gesamte Gesellschaft bedrohte. Wagner entwarf ein Forschungskonzept, das die Mitarbeit von Soziologen vorsah. Und die Zeit drängte: Auf Magdeburger Betriebe wurden Sprengstoffanschläge verübt. In Karl-Marx-Stadt überfielen Rechte ein »ausländisch« wirkendes Mädchen und ritzten ihm einen Davidstern in den Arm. In Dresden schlugen Skinheads einen Mosambikaner zusammen. In Halle verprügelten fünf junge Männer einen weiteren Afrikaner. Einen dritten warfen Rechte nahe Riesa aus dem fahrenden Zug.

Der Hass kam mitten »aus der jungen Arbeiterklasse«. Die Täter waren fleißig, diszipliniert, engagiert, hatten beste Sozialprognosen und wachsende Unterstützung in der Bevölkerung. Zu dieser Erkenntnis kam die Soziologengruppe der Berliner Humboldt-Universität, die nun im ministeriellen Auftrag forschte. Obendrein stellte Studienleiterin Loni Niederländer fest: Zwar gab es Kameradenhilfe aus dem Westen, jedoch »keine überzeugenden Hinweise, daß der Westeinfluß eine Existenzbedingung für Skinheads« sei. Fazit: Das Problem war hausgemacht.

Ein Achtel der DDR-Jugend findet, »der Faschismus hatte auch gute Seiten«

Die wahren Dimensionen gingen zur selben Zeit aus Studien des Leipziger Zentralinstituts für Jugendforschung unter Walter Friedrich hervor: 2 Prozent der DDR-Jugend bekannten sich zur Skinszene, 4 Prozent sympathisierten, 30 Prozent hießen rechte Aktivitäten gut. Etwa ein Achtel fand, »der Faschismus hatte auch gute Seiten«. Ebenso viele glaubten: »Hitler wollte das Beste für das deutsche Volk.« Bernd Wagners AG Skinhead erfasste unterdessen über 1.000 gewalttätige Nazis, zudem 6.000 organisierte. Insgesamt bezifferte sie das Milieu auf mehr als 15.000 Personen.

Die Ergebnisse waren ein Schock. Die Staatsführung reagierte umgehend: Die Studien landeten im Giftschrank, die Berliner Forschungsarbeit wurde beendet, die AG Skinhead aufgelöst. Obwohl die Untauglichkeit allein strafrechtlicher Maßnahmen bewiesen war, griff man weiter ausschließlich darauf zurück. Das wurde immer öfter nötig. Gab es in der DDR 1988 noch 185 rechtsradikale Delikte, schnellte deren Zahl 1989 auf über 300.

Bernd Wagner und seine Kollegen wollten sich gleichwohl nicht damit abfinden, dass alle Mühen vergebens, dass all ihre Erkenntnisse verschlossen bleiben sollten, und spielten sie dem regimekritischen Regisseur und Autor Konrad Weiß zu. Der verfasste daraufhin den Essay Die neue alte Gefahr. Anfang 1989 trug Weiß daraus auf dem Evangelischen Kirchentag in Berlin vor. Was die Besucher hörten, war in seiner Deutlichkeit ungeheuerlich: Niemals sei in der DDR der Nationalsozialismus selbstkritisch aufgearbeitet worden. »Die Drahtzieher und führenden Köpfe des neuen Faschismus in der DDR sind nicht im Westen zu suchen […]. Sie sind das Produkt unserer Gesellschaft.« Kurz darauf erschien der Text in der Untergrundzeitschrift Kontext.

Um endlich eine offene Diskussion zu erzwingen, war es allerdings zu spät. Die öffentlichen Debatten hatten längst ein anderes Ziel. Als 1989 die Mauer fiel, strömten mit allerlei Glücksrittern und Abenteurern auch Aktivisten westdeutscher Rechtsparteien ungehemmt ins Land. Obwohl sie schon vorher Kontakte zu Ost-Glaubensbrüdern gehabt hatten, trauten sie ihren Augen kaum, welch blühende Landschaften sie vorfanden. Im Januar 1990 gründete sich die Nationale Alternative, die erste – und letzte – rechtsextreme Partei der DDR.

Der Rechtsradikalismus im »Beitrittsgebiet« blieb den neuen Sicherheitsbehörden nicht verborgen. Doch als Bernd Wagner ihnen seine Erkenntnisse präsentierte, konnte er die Reaktion nicht fassen. Auch sie glaubten ihm nicht. Auch sie wollten das Ausmaß des Rechtsextremismus Ost nicht wahrhaben. So konnten west- und ostdeutsche »Kameraden« über Jahre hinweg ungestört feste Strukturen aufbauen.

Der Mythos von der neonazifreien DDR wirkt bis heute nach. Ob Zwickauer Terrorbande, ob Aufmärsche wie dieser Tage in Dresden anlässlich des Gedenkens an die Bombenangriffe vom Februar 1945: Wann immer es zwischen Ostsee und Erzgebirge zu rechten Umtrieben kommt, halten dies viele Menschen, nicht nur in Ostdeutschland, für rein westgemacht. Dabei wuchs auch da 1989 nur zusammen, was zusammengehört.