NorwegenZum Dahinschmelzen

Bei einem Festival im norwegischen Skiort Geilo spielen Künstler auf Instrumenten aus Eis von Wolfgang Gehrmann

Bill Covitz präpariert nicht nur Statuen aus Eis, sondern auch Musikinstrumente.

Bill Covitz präpariert nicht nur Statuen aus Eis, sondern auch Musikinstrumente.  |  © John Hugues/AFP/Getty Images

Vielleicht hätte einem der Anblick Leo Svenssons als Warnung dienen sollen. Für eine Sekunde prägen Zweifel sein Mienenspiel, als Bill Covitz ihn am Mittag begrüßt und sagt: »Da ist dein Block.« Vor ihm steht ein massiver, grünlich-opaker Eisklotz im Schnee, einen Meter hoch, 50 mal 50 Zentimeter stark. Leo aus Schweden ist Cellospieler, Bill aus Connecticut lebt davon, mit Kettensägen Skulpturen aus Eis zu formen, und der Amerikaner will dem Schweden aus dem Eisblock ein Cello schnitzen. Überzeugt von dem Projekt wirkt Leo nicht. Dann aber zeichnet er doch mit Filzstift die Umrisse eines Musikinstruments auf das Eis. Bill beginnt, mit Sägen und Stecheisen an dem Klotz herumzuwerkeln, und je mehr das gefrorene Teil tatsächlich einem Cello gleicht, desto mehr bemächtigt sich Leos die Begeisterung, die ringsum schon seit Tagen herrscht.

Wir sind in den Bergen über dem norwegischen Skiort Geilo . Eine Reihe ziemlich spezieller Typen ist hier zusammengekommen, zwei Dutzend Männer und Frauen, die vom Willen beseelt sind, den Schrecken des Eises und der Finsternis zu trotzen. Ein Musikfestival wollen sie veranstalten, bei dem auf Instrumenten aus Eis gespielt wird. Seit 2006 finden die Eiskonzerte jährlich im Februar hier statt, angezettelt von einem örtlichen Tourismusunternehmer und dem Jazzmusiker Terje Isungset . Der eine will damit Norwegens ältesten Wintersportort um eine Attraktion bereichern. Der andere lässt sich von der Vorstellung leiten, der Natur eine kultivierte Stimme zu geben. Als Perkussionist arbeitet Isungset gern mit Steinen, Ästen, rostigen Eisenteilen. Ein Konzert unter einem gefrorenen Wasserfall in Lillehammer brachte ihn 1999 auf die Idee, es auch mit Eis zu versuchen.

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»Als ich zum ersten Mal auf ein schönes Eisstück geschlagen habe, sind mir die Tränen gekommen. Seither bin ich verloren«, sagt er beim Treffen an der Festspielstätte von Geilo. »Für mich ist es eine Ehre, Musik aus der wichtigsten Ressource der Erde zu machen. Und wenn die Musik vorbei ist, gebe ich die Instrumente der Natur zurück.« Was er damit meint, ist, dass sein Schlagzeug bei Temperaturen über null Grad taut.

Er hat alle möglichen Instrumente aus Eis zu bauen versucht: Trommeln, Marimbas, Hörner, Streich- und Zupfinstrumente . In Japan und Russland hat er mit Kunsteis experimentiert. »Aber«, sagt er, »singen kann nur natürliches Eis – und auch längst nicht jedes. Von fünfzig Stücken, die du aus einem Gletscher oder gefrorenen Seen schneidest, singt nur eins.« Blasen und Risse haben Einfluss auf die Schwingungen des Eises und natürlich die Temperatur – je kälter, desto besser. Selbstverständlich hat Terje auch seine bevorzugte Quelle: »Das beste Eis kommt aus dem Vatsfjord, zwanzig Kilometer von hier. Es ist wie mit Wein, es gibt gute Lagen und auch gute Jahrgänge.« Auf dem nahen elterlichen Hof unterhält er deshalb einen Eiskeller, in dem sein privater Vorrat an Spitzenkreszenzen lagert.

Isungset hat ein Musiktheater aus Schnee für das Festival errichten lassen. Snowcats, die nachts die Pisten planieren, haben Tonnen von Schnee zu einem fünf Meter hohen Ringwall aufgeschoben. Ein Tunnel führt ins Innere. Rechts zwanzig Sitzstufen aus gestampftem Schnee für das Publikum, links die Bühne. Bill Covitz lässt dort inzwischen schon wieder die Kettensäge walten. Eisstaub spritzt um seine originelle Mütze, die ihn aussehen lässt wie einen Grizzly mit Irokesenschnitt. Er arbeitet an der Möblierung für das nächtliche Konzert.

Am Abend hat sich die Arena in eine stimmungsvolle Eishöhle verwandelt. Die Kulisse schimmert in weißblauem Licht. Scheinwerfer bringen das transparente Musikgerät auf der Bühne zum Glitzern. Rüsselartige und trichterförmige Gebilde. Leuchtende Kästen, auf denen Klangstäbe wie die eines Xylofons liegen. Gestelle, an denen Klöppel und Zimbeln hängen. Taillierte Eiskörper, saitenbespannt. Im Spotlight strahlt Leos Cello.

Leserkommentare
  1. Eis ist etwas, das nur Kulturen mit Winter bekannt ist. Ein Besuch im warmen Thailand hat mir wesentliche klimatisch bedingte Unterschiede unserer Laender verdeutlicht. Viele Menschen in Thailand sind obdachlos, klimatisch kein Problem, abgesehen von einer grassierenden Virusinfektion, welche die Gliedmassen schwarz verfaerbt und die Haut in Fetzen vom Koerper schneidet. Die Pest ? Aus deutscher Sicht sind saemtliche in Thailand erhaeltlichen Kleidungsstuecke Gammel. Viel zu leicht, selbst die asiatischen Schuhsohlen loesen sich bei niedrigen Temperaturen schnell auf. Das gesamte Stromleitungsnetz wurde an statisch im Prinzip unzureichenden Strommasten befestigt, diese loesen sich, offenliegende Leitungen sind ueberall fuer Kinder beruehrbar. So etwas wie eine Risikostatistik zur Reduktion vermeidbarer Alltagsrisiken ist in Thailand nicht existent. Deren Bauordnung scheint weder Feuerschutz, noch zureichende Bestimmungen zu Rettungswegen zu kennen. Der Highway von Bangkok sowie Stationen der Skyway Train wurden auf einzelnen Stuetzen mit bis zu ca. 15 m auskragenden Unterzuegen und korrodierendem Beton hergestellt, Torsionsmomente, Kragmomente und regelmaessige Ueberflutungen gefaehrden die Standsicherheit der Bauten. Struktureller Stahl von Bruecken verrostet, die statischen Konzepte sind verbesserungsfaehig, neuere Hochhaeuser sind einsturzgefaehrdet, mangelhafter Beton. Kettensaegenmassaker - ganze Familien mit Saeuglingen auf Motorraedern ohne Schutzkleidung in Bangkok.

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