Heute Morgen bin ich Zachary Niemczyk, Passagier der Lufthansa . Ich gebe Koffer auf, die ich niemals abhole. Viermal werde ich boarden, kein einziges Mal abfliegen. 260 Komparsen spielen Flughafen, und ich stehe mittendrin. Eine wiesengrüne Weste schlackert um meine Schultern, meinen Kopf bedeckt ein Baustellenhelm.

Seit Anfang Februar lädt der neue Großflughafen Berlin-Brandenburg zum Probebetrieb. Insgesamt 10.000 Freiwillige werden durch immer neue Szenarien vom Routineflug bis zur Bombendrohung geschleust. Die Plätze waren im Nu vergeben, obwohl alle unbezahlt das machen müssen, was auf Reisen gerade lästig ist: in Schlangen stehen, durch Gänge laufen, Koffer schieben.

Jetzt sind die letzten Schutzwesten umgeschnallt, Mitarbeiter verteilen Tickets und ein paar Ereigniskarten (Tauschen Sie den Sitzplatz! Erleiden Sie einen Schwächeanfall!) und lotsen uns in die frisch errichtete Haupthalle. Quaderförmige Schalter verteilen sich in einem gläsernen Flachbau. Kein Mauerwerk stört den Blick ins Winterweiß, die Morgensonne strahlt durchs Membranendach, ein Windhauch lässt die Absperrbänder erzittern. Alle recken neugierig die Köpfe. Hier ist mehr Stahl verbaut als im Pariser Eiffelturm. Im Terminal könnte fast Berlins Olympiastadion Platz finden. »Dies ist ein historischer Moment«, sagt ein grauhaariger Herr. Seit 1992 Münchens Flughafen Franz Josef Strauß in Betrieb ging, sei in Deutschland kein Großflughafen mehr eröffnet worden. »Vom heutigen Tag werde ich meinen Enkeln erzählen.«

Im Halleninneren aber bleibt der künftige Glanz noch unter vielen Schichten Plane verborgen. Die Drehtüren sind in Pappe gehüllt, am Air-Berlin-Schalter steht » Iran « und » USA « auf Sperrholz gesprüht, aus allen Ecken dröhnen Bohrer. Das Abfluggate wird auf keinem Monitor verkündet, sondern auf einer mit Folienstiften bemalten Tafel. Und auf der Schneefläche vor der Halle parkt statt einer Boeing der Opel von Fugen Schulze. Immerhin ist der Kalksteinboden verlegt, und an den Schalterwänden schimmert bereits Nussbaumfurnier.

Dass die Betreibergesellschaft bis Mitte Mai Komparsen auf die Baustelle lädt, liegt auch an einem Branchentrauma: Berlin soll kein zweites Heathrow werden. Vor vier Jahren endete dort die Eröffnung des neuen Terminals im Chaos, 28.000 Koffer strandeten, Sortieranlagen und Parkautomaten streikten, schließlich musste British Airways Hunderte Flüge absagen.

So hat der Berliner Flughafen zum Üben 15.000 Koffer angeschafft. Zwei davon lädt ein Mitarbeiter auf meinen Gepäckwagen. Ich reihe mich ein in die Schlange grüner Männer am Check-in-Schalter und bin froh, dass dies nur ein Test ist. Dass ich keinen Fensterplatz bekomme, kann mir heute egal sein, und für das Übergewicht, das meine Koffer haben, werde ich nicht zahlen müssen.

Der Probebetrieb soll nicht nur Schwachstellen aufzeigen, er soll Berlinern auch Lust machen auf ein Großprojekt, das durchaus umstritten ist. Vor allem bei jenen, über deren Köpfe und Eigenheime die Flugzeuge vom 3. Juni an hinwegdonnern werden. Oder bei jenen, die aus Prenzlauer Berg oder Mitte nur zwanzig Minuten bis Tegel brauchten und die nun hinaus aufs Land fahren müssen. 23 Jahre nach der Wende vollzieht Berlin die Flughafenvereinigung. Schönefeld, einst Zentralflughafen der DDR, und Tegel, zu Zeiten der Luftbrücke im französischen Sektor errichtet, verbinden sich zu einem Giganten, der bis zu 27 Millionen Passagiere pro Jahr abfertigen soll.