Alice Schwarzer"Mich weht die Intrige an"

Alice Schwarzer kämpft um ihr Lebenswerk. Denn die rot-grüne Landesregierung in NRW hat ihrem FrauenMediaTurm radikal die Mittel gestrichen. Muss das Frauenarchiv geschlossen werden? von Moritz von Uslar

So ein mittelalterlicher Wehrturm ist, entgegen landläufiger Meinung, erst mal kein besonders schöner Anblick. Da steht er, der Bayenturm, bis zur Vollendung des Doms im Jahr 1880 Wahrzeichen der Stadt, kurz und breit, am neu gestalteten Rheinufer im Kölner Schneeregen. Das Klingelschild an der Stahltür sagt »FrauenMediaTurm« . Kann in diesem Turm, hinter Schießscharten und zwei Meter dicken Mauern, die eher nach Playmobil aussehen als nach echtem Mittelalter, das gute, schnelle, ja, das revolutionäre Denken zu Hause sein, oder ist es alles eine Attrappe?

Man muss in diesen Tagen mal wieder bei Alice Schwarzer , Deutschlands oberster Feministin, und ihrem Turm vorbeigucken, es gibt schon wieder Ärger, einen, von außen besehen, lustigen, vielleicht auch nur mittellustigen Ärger – der Fall ist jedenfalls schnell erzählt: Die von Hannelore Kraft geführte Landesregierung von Nordrhein-Westfalen hat die Mittel für den FrauenMediaTurm zusammengestrichen , das feministische Archiv und Dokumentationszentrum, das Alice Schwarzer im Jahr 1984 gegründet hatte. Von der einst von Ministerpräsident Rüttgers bis 2017 zugesagten Fördersumme von jährlich 210.000 Euro blieben zunächst 140.000 Euro, heute sind es 70.000 Euro.

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Frau Schwarzer, die einen Ruf als laute und emotionale Kämpferin zu verteidigen hat, sprach gleich von einem »Todesstoß« und der Gefährdung eines Teils ihres Lebenswerks, die grüne Emanzipationsministerin Barbara Steffens konterte mit dem Hinweis auf eine schwierige Haushaltslage und sprach eine zugegebenermaßen trostlos klingende Würdigung von Schwarzers Lebenswerk aus: »Es gehört nicht zum Fördertatbestand des Frauenministeriums, Archive zu fördern.« Hinter der Kürzung, so hört man, liegen eventuell noch ganz andere Gründe: SPD und Grüne hatten mit »wachsendem Unbehagen« die »gutsherrliche Art der Alice Schwarzer« registriert. Besonders den Grünen sei es gelungen, das Gerücht zu streuen, der FrauenMediaTurm sei der Öffentlichkeit nur an einem Wochentag, also praktisch gar nicht zugänglich: Statt eines Archivs seien im Kölner Bayenturm die Emma- Redaktion und Alice Schwarzers Himmelbett untergebracht. Interessant.

Wir machen den guten alten Trick, dass wir an den Gerüchten nicht mitstricken, sondern uns das Frauenarchiv, immerhin das größte seiner Art in Deutschland, einfach mal angucken wollen. Welche Bücher stehen da? Kann man da gut sitzen und lesen? Gerät der Besucher im FrauenMediaTurm gar in einen spontanen Studier- und Forschungsrausch hinein? Antwort des Büros Alice Schwarzers: Sehr gerne. Kommen Sie doch einfach mal vorbei.

In so einem Wehrturm ist es eng. Weiß getünchte Backsteinwände, helle Hölzer, Metall. Moderne Sachlichkeit. Der Umbau zum Archiv wurde 1994 mit privaten Geldern des Mäzens Jan Philipp Reemtsma finanziert. Die vier Stockwerke sind je 50 Quadratmeter groß. Die vier Redakteurinnen der Emma , die in beigefarbenen Arbeitsnischen sitzen, begrüßen einen mit dem ziemlich lustigen Ausruf: »Besuch ist da! Jetzt nichts Schlechtes über Männer sagen!« Antritt bei Alice Schwarzer: Sie sitzt vor einer elektrischen Schreibmaschine. Über einer Chaiselongue hängt ein Helnwein-Porträt von Simone de Beauvoir, der Grande Dame des Feminismus. Frau Schwarzer – ja längst selber eine Grande Dame der Bewegung – sieht aus wie die Alice Schwarzer in den Talkshows. Die blonden Strähnchen, ihre hellblauen Äuglein. Das Große, Breite, Überfrauenartige der Alice Schwarzer: Da steht gleich sehr viel Frau vor einem im Büro. Sie lacht einladend und breitet die Arme aus, weil sie das Lachen und das Armeausbreiten so gut kann.

Sind es aufregende Tage für sie? Souverän lächelnde Turmherrin: »Ach was. Es ist doch immer aufregend.« Wie erklärt sie die Vorgänge der letzten Tage? Schwarzer ist Interviewprofi genug, zu wissen, dass man sich die Fragen, auf die man antwortet, immer auch selber aussucht: »Lassen Sie mich doch lieber die Geschichte des Archivs erzählen.« Und sie geht gleich in das Jahr 1974 zurück: Damals habe sie zum ersten Mal den Namen Hedwig Dohm gehört, eine der brillantesten, polemischsten Autorinnen der historischen Frauenbewegung, und so deren Geschichte kennengelernt: Olympe des Gouges, Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin, Flora Tristan, Christine de Pizan. Eines der stärksten Hindernisse für die Emanzipation sei die scheinbare Geschichtslosigkeit: »Wir fangen immer wieder bei null an.« Zuletzt habe sie am eigenen Leib die Verschüttung der Frauengeschichte erlebt, sie sei ja selber schon ein Stück Geschichte: »Ohne Vergangenheit hat man keine Zukunft. Das war mein Motiv.« Wir reden später weiter.

Besichtigung des Archivs mit Schwarzers wissenschaftlicher Mitarbeiterin: ein überschaubar großer Raum, hohe Wände. Eine Metalltreppe führt in eine Galerie. 15.000 Bücher sehen gar nicht mal nach so viel aus. Es fallen einem als Erstes die Bücher Pornografie (Unterzeile: Männer beherrschen Frauen ), Sexus und Herrschaft und der Schwarzer-Hit Der kleine Unterschied und seine großen Folgen ins Auge. Warholartige Poster der Urfeministinnen Dohm, Minna Cauer und Bertha Pappenheim. Die gut-scheußlichen Comic-Punk-Pappfiguren der Emma- Cartoonistin Franziska Becker. Es lagern hier auch die Archivkartons von Zeitschriften seit den siebziger Jahren: eine äußerlich abturnende, inhaltlich aber umso interessantere Sammlung. Die Mitarbeiterin führt nun meterweise Sammelbände historischer Frauenzeitschriften vor: Die Frauenbewegung , Die Neue Generation , ein Jahrbuch der Frauenbewegung von 1913. Ein echter Hit lagert in Schubladen: eine Plakatsammlung aus den siebziger Jahren. Die IG Metall sagte 1972: »Die Zeit der passiven Puppen ist vorbei«, das Bild zeigt einen mit dem Hammer zerschlagenen Puppenkopf. Ein Schwarz-Weiß-Klassiker von 1974 gegen den Paragrafen 218: »Kommt massenhaft«.

Stimmt die Geschichte, dass dieses wunderbare Archiv nur an einem Wochentag geöffnet hat? Leicht genervte, geduldig Auskunft gebende Mitarbeiterin: Das Archiv habe montags bis freitags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. 5 Euro Schutzgebühr. »Am Tag vorher anmelden.« 2011 seien im FrauenMediaTurm etwa 250 Besucher akkreditiert gewesen, telefonische Rechercheanfragen nicht miterfasst.

Leserkommentare
    • hardius
    • 16. Februar 2012 19:08 Uhr

    Frauen und Geld haben nämlich ein besonderes Verhältnis zueinander. Und wenn denn der Frau Schwarzer Mittel für ihr Lebenswerk gestrichen werden, stellt sich die Frage ist es nun ihr Werk oder das des Steuerzahlers?
    So kann Frau auch durch's Leben kommen!

    16 Leserempfehlungen
  1. Erst Werbung für die Bild, die nicht zuletzt Geld durch Prostitutionsanzeigen verdient, dann Artikel neben dem Seite-Eins-Ti**enmädchen und die dazugehörige Teilnahme an der Schlammschlacht um Kachelmann, als ob ein Vergewaltigungsprozess eine geeignete Bühne für ein politisches Schauspiel wäre.

    Schwarzer hat dabei vielleicht nicht ihre Verdienste um die Emanzipation zerstört, aber ihren Ruf sehr nachhaltig.

    27 Leserempfehlungen
    • Entity
    • 16. Februar 2012 20:00 Uhr

    Es gibt keine Emanzipationsministerin? Wie bitte?

    3 Leserempfehlungen
  2. Sehr gut geschriebener Artikel.

    Frau Schwarzer residiert in bester Lage Kölns, mit Ihrem, wir nennen es mal Nonprofit Unternehmen Emma; statt Miete zu zahlen, auf Kosten des Steuerzahlers. Warum ?

    Auf 250 "Lebenswerk-Archiv" Besucher/innen im Jahr 2011 verteilen sich immer noch reale 70.000 Euronen. Macht 280,-€ each plus Eintritt. Dafür gibts anderswo die Bände A bis Z zur Geschichte des Feminismus.
    70.000 € Subventionen, bei 250 Besuchern jährlich,davon träumt nicht nur jedes Jugendzentrum im Wilden Osten, das ist schon grosse Oper.

    Bild Dir Deine Meinung.

    30 Leserempfehlungen
  3. Denke nur ich da an Zigaretten?
    Und wer ist da, sich fröhlich emanzipierend, der letzte Wachstumsmarkt?

    Auch wenn es sich in dem Falle bestimmt um eine gemeine Intrige handelt, die bestimmt die richtige trifft, sollte man sich einfach drauf einigen, es gibt in dem Fall eben mal nur Schurken.

    Alice böse.
    Grüne böse.
    SPD Verräter.
    Reemtsma böse.

    Und ja, ich bin mir einiger Ungenauigkeiten meines Kommentares bewusst.

  4. Vermutlich werden sich tatsächlich Förderer finden und das Archiv somit in der Tat überleben.

    Die Ironie der Geschichte wird aber vermutlich sein, dass der weitaus grösste Teil dieser Fördergelder von Männern kommen wird.

    5 Leserempfehlungen
    • ludna
    • 16. Februar 2012 22:08 Uhr

    Frau Schwarzer wird tatsächlich vom Steuerzahler alimentiert ? Eigentlich hätte ich mir das denken können. Nichts leisten, aber beim Klüngeln und Netzwerken steht sie den Männern in nichts nach.

    Ich würde sagen, die liebe FRAU Merkel kürzt den Hartz IV Männern (Versager)das Geld, das kann dann an die liebe Frau Schwarzer überwiesen werden.

    6 Leserempfehlungen
  5. gegen den Ex-Mann oder Ex-Freund zu hetzen muß eine große Herausfordeung für Fr. Schwarzer sein

    ich habe mal eine versteckt aufgezeichnete Panorama Interview mit Fr. Schwarzer gesehen,dabei ist mir die Kaffeetasse aus der Hand gefallen

    Alice Schwarzer wird von Steuerzahlern unterschtützt ?
    mir fehlen einfach die Worte

    7 Leserempfehlungen

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