Gesellschaftskritik Über Jungsspiele
© Vittorio Zunino Celotto/Getty Images

Wladimir Putin und Silvio Berlusconi im April 2010
Eishockey. War das nicht dieser Mannschaftssport aus dem analogen Zeitalter, bei dem eine Horde von Michelinmännchen einen Puck über eine Eisfläche jagt? Die Antwort lautet: Kommt drauf an, wer es spielt. Aus London erreicht uns die Kunde, Silvio Berlusconi habe Reportern der Financial Times im ersten großen Interview nach seinem Rücktritt als Beleg seiner unverwüstlichen Jugendlichkeit eine Beule – nein, nicht in seiner Hose, sondern auf seiner Stirn vorgeführt. Die habe er beim Eishockeyspielen mit seinem Kumpel Wladimir Putin davongetragen.
Silvio und Wladimir on Ice, klingt das plausibel? Absolut! Angesichts der sibirischen Temperaturen, die derzeit in ganz Europa herrschen, fällt es nicht schwer, sich die beiden vorzustellen, wie sie auf messerscharfen Kufen gladiatorengleich durch das eisbedeckte Kolosseum gleiten. Natürlich wären Putin und Berlusconi nicht die stahlharten Mannsbilder, die sie sind, wenn so ein Paarlauf nicht ins schönste Ego-Shooten ausarten würde. Eine Mannschaft stört da ebenso wie ein Helm. Während Putin sich gern in Tarnmontur, mit entblößtem Oberkörper zu Pferde oder im Neoprenanzug neben antiken Vasen ablichten lässt, gab sein Buddy Silvio wahlweise den Sexgott oder den Politclown. Zusammen waren sie unschlagbar. Einmal traten Putin und Berlusconi in bärenkopfgroßen Pelztschapkas vor die Kameras, ein andermal wischte Berlusconi seinem Freund während einer Pressekonferenz erst über die Stirn und putzte ihm dann die Nase. Die Botschaft war klar: Das sind Jungs, die wollen nur spielen.
Kein Wunder, dass Putin den Abgang seines Freundes von der politischen Bühne tief bedauert. Mit Berlusconi, so Putin, gehe »einer der größten Politiker Europas«. Der selbst sieht es ganz ähnlich. Er sei noch immer viel beliebter als der französische Präsident Sarkozy oder Angela Merkel, ließ er die Reporter wissen. »Wenn ich auf die Straße trete, bin ich ein Verkehrshindernis.«
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Noch mal antreten mag er trotzdem nicht. Wo der Sparzwang beginnt, hört der Spaß bekanntlich auf. Nun muss sich Putin einen anderen Spielkameraden suchen. Die Frage ist, ob Mario Monti, Berlusconis Nachfolger, oder der Engländer Cameron Lust auf Jungsspiele wie Fußtreten oder Arschrodeln haben. Von der Merkel ganz zu schweigen. Wegen der müssen ja jetzt alle auf der Schuldenbremse trainieren.
Wir Zuschauer gehen freudlosen Zeiten entgegen – keine Beule, nirgends. Berlusconi und Putin aber rufen wir zu: Euch bleibt immer noch Rom. Oder eine Kandidatur bei Jackass.
- Datum 15.02.2012 - 17:21 Uhr
- Serie Gesellschaftskritik
- Quelle ZEITmagazin, 16.2.2012 Nr. 08
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