Größer könnte der Kontrast kaum sein. In Athen : ausgebrannte Ruinen, wütende Demonstranten, Dutzende Verletzte . Ein Land im Ausnahmezustand, eine Gesellschaft, die vor den Augen der Weltöffentlichkeit zu zerbrechen droht. Zweitausend Kilometer entfernt, in Brüssel : schwarze Limousinen, schwere Aktentaschen, ernste Mienen. Schon wieder ein Treffen der europäischen Finanzminister . Rettungsroutine.

Doch es gibt in diesen Tagen keine Routine, in Brüssel genauso wenig wie in Athen. Griechenlands Wirtschaft stürzt ab , um noch mal knapp sieben Prozent im Jahr 2011. Die Europäische Union steht vor einer gänzlich neuen Aufgabe. Sparen reicht nicht, schadet bisweilen sogar. Was jetzt zu tun ist, lässt sich nicht mit Milliardenbeträgen bewerkstelligen, auch wenn nun weitere Kredite von mindestens 130 Milliarden Euro lockergemacht werden sollen . Die Aufgabe ist größer.

Sie lautet: Staatsaufbau. State building kannte man bislang vor allem aus kriegsversehrten Regionen. Nun geht es um ein EU-Land. Denn der Staat, den man vor der drohenden Pleite bewahren will, er existiert so gar nicht. Das ist die bittere Erkenntnis, fast zwei Jahre, nachdem die EU und der Internationale Währungsfonds ( IWF ) das erste Hilfspaket für Griechenland geschnürt haben. Griechische Behörden haben viele beschlossene Reformen nicht umgesetzt. Das Land tritt auf der Stelle. Woran liegt das? Was kann die EU tun?

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Am Syntagma-Platz gegenüber dem griechischen Parlament sind alle Ampeln ausgefallen. Die Demonstranten haben bei den Ausschreitungen am vergangenen Sonntag die grünen Lampen zerstört, so als wollten sie, dass hier im Herzen Athens nichts mehr vorangeht . Die Fußgänger, die die sechsspurige Straße überqueren wollen, sammeln sich an ihrem Rand. Die Menge wird größer, baut Druck auf. Plötzlich betritt einer die Fahrbahn, die Wagen bremsen, die Masse setzt sich in Bewegung. Die Minute der Fußgänger. Bald werden die Fahrer nervös, Motoren heulen auf, die Menschen bleiben stehen, die Autos fahren an. Beide Seiten folgen keiner wohlgeplanten Ampelschaltung, keinem System mehr, sondern nur noch dem starken Druck der anderen Seite.

So ungefähr funktioniert derzeit die griechische Politik . Zugespitzt ist das jüngste Spar- und Reformpaket das Ergebnis einer Erpressung der EU-Mitgliedsstaaten, des angedrohten Geldentzugs, der heraufziehenden Pleite. Doch bei jeder Bewegung in Richtung Reformen kommt sofort der Druck von der anderen Seite: Die Interessenverbände klagen ihr Recht ein, die Wählerklientel fordert ein Ende der "von außen diktierten Maßnahmen", die Gewerkschaften organisieren Streiks. Die Reformen bleiben liegen, bis die EU wieder Druck aufbaut und mit Bankrott droht. Es fehlt die systematisch durchdachte Reform. Was Athen vor ein oder zwei Jahren versprochen hat, wird nicht umgesetzt: die Öffnung geschlossener Berufe, der Abbau kafkaesker Vorschriften, der Umbau von Ministerien, der Verkauf von Staatsbetrieben.