Eine Demonstration von Frauen im Jemen ist wie eine schwarze Wand, aus der sich plötzlich ein Schrei erhebt. »Bismillah«, im Namen Gottes! Hoch und hell, wie bei einem dissonanten Mädchenchor, fliegen die Stimmen durch die doppelte Kunststoffgaze der Gesichtsschleier, die Worte so scharf herausgestoßen, als könnten sie noch jenen Mann erreichen, der gerade das Land verlassen hat , im Schutze völliger Immunität : Präsident Ali Abdullah Salih . »Salih«, hebt der schwarze Chor an, »wir schicken dir diese Botschaft: Wir werden dich vor Gericht kriegen! Jugend! Es ist Zeit zum Reinemachen! Das Volk will einen neuen Jemen

Der Zug setzt sich in Marsch, einige Tausend schwarze Gestalten, zornig und grazil. Vorne eine junge Frau mit Mikrofon, sie trägt Handschuhe, verbirgt sogar ihre Hände.

Welch ein seltsamer clash of civilizations: Internationale Diplomatie, gedeckt auch von Europa , hat dem scheidenden jemenitischen Präsidenten eine Straffreiheit verschafft , die pauschal seine 33 Amtsjahre abdeckt, diverse Kriege im Inneren und einige Massaker während der jüngsten Revolution inbegriffen. Und diese bis zur Wimper verschleierten Jemenitinnen, denen der Westen demokratisches Denken (und Emanzipation) erst beibringen möchte, verlangen Recht, Rechenschaft, Strafe.

Sanaa , Jemens Hauptstadt, gleicht in diesen Tagen einer Bühne, auf der Szenen von Hoffnung und von Bitterkeit in rasender Folge wechseln. Hoffnung, die Präsidenten-Wahl kommende Woche könne die Tür zu friedlichem Neubeginn öffnen. Bitterkeit, weil dies eine Wahl ohne Wahl ist, mit einem vorab diktierten Sieger, Salihs Vize, dessen Beiname wichtiger ist als sein Name: der Mann, der immer nickte. Er traut sich, Anschläge fürchtend, kaum aus dem Haus.

Tage eines Umbruchs ohne Titel; was bricht wohin? Salih ist weg und doch geblieben. Seine Verwandtschaft kontrolliert Militär, Polizei und Staatsschutz, das Militär beherrscht die zivilen Apparate. Abends, wenn Sanaa wegen Strommangels im Dunkeln versinkt, strahlt Salihs gewaltige Präsidentenmoschee einsam durch die Nacht; die Minarette funken rote Lichtsignale, wie zur Warnung. Unter den arabischen Revolutionen ist Jemen das Schmuddelkind. Arm, wild, weit weg, unverständlich. In Sanaa, zwischen den Sandsäcken der letzten Checkpoints und den Einschusslöchern, beginnt man zu begreifen, dass sich Jemens Revolution vor allem durch Tragik auszeichnet. Eine gewaltfreie Jugendbewegung wird bekämpft wie eine Kriegspartei, dann zur Geisel genommen vom abtrünnigen Armee-Flügel, missbraucht für den Machtkampf der alten Eliten, schließlich erstickt von Realpolitik.

Und trotzdem weigert sich diese Revolution zu sterben.

Ihre Zeltstadt am Universitätsplatz wird größer statt kleiner, dehnt sich aus wie ein übervölkertes Stadtviertel, halb Basar, halb Camp, mit Friseurläden, fliegenden Ständen, Popcorn, Parfümverkäufern. Seit einem Jahr harren viele hier aus, das größte und längste Occupy der Welt. Zur besten Zeit war dies ein Ort der Utopie, des freien Austauschs. Seminare, Foren, Debatten. Nun überwuchert alte patriarchale Kultur die Pflänzchen des Neuen; Stämme und Parteien infiltrieren den Platz, bauen sich VIP-Zelte, mit Ziegeln und gaffenden Männerbünden. Neben Gandhi-Plakaten lungern Soldaten aus den abtrünnigen Einheiten herum, in staubigen braunen Militärmänteln wie Söldner eines vergangenen Jahrhunderts.