Schauspielerin Nina Hoss, hier in einer Filmszene in "Barbara" © Hans Fromm, Pfiffl Medien

Fallen wir mit der Tür ins Haus! Es tut so gut, im Kino nicht zu Mitleid gezwungen zu werden. Oder, noch schlimmer, zu folgenloser Betroffenheit. Es tut gut, den Heldinnen, die auf dieser 62. Berlinale weiß Gott Schlimmes durchmachen, auf Augenhöhe zu begegnen. Verbeugen wir uns also vor diesen Frauenfiguren, die der Welt abhandengekommen, aus der Gegenwart gefallen sind. Vor den weiblichen Phantomen, die versuchen, aus ihrer Wirklichkeit in eine andere zu entkommen. Vor den Opfern, die sich nicht zum Opfer machen wollen und zu Kämpferinnen werden. Oder es immer schon waren.

Wer könnte mehr Opfer sein als ein Mädchen, das mit acht Jahren von einem Mann gekidnappt und in einem fensterlosen Kellerverschlag gefangen gehalten wurde? In Frédéric Videaus A moi seule blickt ein Mädchen an einer Bushaltestelle auf das eigene Phantombild. Vor acht Jahren wurde Gaelle (Agathe Bonitzer) der Welt entrissen, in der sie sich nun neu zurechtfinden muss. Von der Gegenwart springt der Film immer wieder zurück in das Trauma, in die Jahre der Gefangenschaft. Vincent, der Entführer, ist auf eine entsetzliche Weise Gaelles Ein und Alles, also muss sie eine Beziehung zu ihm aufbauen. Zermürbt vom ewigen Warten im Kellerloch, beginnt Gaelle, Vincent herumzukommandieren, wirft ihm vor, zu spät von der Arbeit zu kommen, besteht auf nächtlichen Ausflügen. Zurück in der Freiheit, hört der Kampf nicht auf, Gaelle muss sich dagegen wehren, mit ihrem Schicksal gleichgesetzt zu werden.

In diesem Film hat sie nur eine einzige Verbündete: Die Kamera, die ihr entschlossenes Gesicht zeigt, ihren konzentrierten Blick einfängt und die ihr schon im ersten Bild kräftige Farben zur Seite stellt. Natürlich denkt man an das Schicksal von Natascha Kampusch . Aber Gaelle, auch das macht ihre Geschichte aus, ist eben Gaelle und nicht die Nacherzählung einer realen Figur.

In A moi seule besteht der Überlebenskampf der von der Wirklichkeit weggesperrten Heldin darin, kein Phantom zu werden. Aber es gibt auch die andere Strategie: als Phantom durch eine Welt zu wandeln, die man anders nicht zu ertragen vermag. So wie Nina Hoss in der Titelrolle von Christian Petzolds Film Barbara , der Anfang der achtziger Jahre in der DDR spielt. In einer der ersten Einstellungen zeigt die Kamera die Heldin von oben, auf einer Bank sitzend, eine Zigarette rauchend. Es ist die Perspektive des Stasi-Mannes, der Barbara im Visier hat. Es ist der überwachende Blick, mit dem Barbara sich selbst wahrnimmt. Weil die Ärztin einen Ausreiseantrag gestellt hat, wurde sie von Berlin in die Provinz versetzt. Ihr Freund im Westen bereitet die Flucht über die Ostsee vor, sie selbst wandelt distanziert, mit hochgezogenen Schultern durch das, was ihre letzten Krankenhausdienste im Arbeiter- und Bauernstaat sein sollen.

In Petzolds Film meint man, das Putzmittel im Hospital riechen zu können, glaubt man, die Badezimmerarmaturen in der Barbara zugeteilten Wohnung tropfen zu hören, erlebt man in nüchternen Szenen die Bespitzelung: Die Blicke der Kollegen, die Durchsuchung von Barbaras Wohnung, die Gummihandschuhe der Stasi-Frau, die sie ins Bad führt. Und je lauter der Wind in den Blättern und auf der Tonspur rauscht, je lebendiger die Natur das Bild erfüllt, desto deutlicher wird Barbaras innere Abwesenheit in diesem Land. Petzold gelingt ein Paradox: das totalitäre Wesen der DDR zu erfassen, sie aber trotzdem nicht an ihrer Tristesse ersticken zu lassen.

Seine klaren Bilder atmen das Licht und den Sommer, Nina Hoss radelt mit dem für sie so typischen achselzuckenden Glamour über rissige Asphaltwege, Ronald Zehrfeld hat eine bärenhafte, sanfte Sinnlichkeit, die auch auf ein Phantom verführerisch wirken muss. Er spielt den Chefarzt des Krankenhauses, den Barbara zugleich misstrauisch und neugierig beäugt. Ist er wirklich der leidenschaftliche Mediziner, der ihr, der leidenschaftlichen Ärztin, immer näher kommt? Oder ein Spitzel? Oder beides?

Barbara zeigt, wie die Überwachung alle Beziehungen, auch die eines Menschen zu sich selbst, durchdringt. Aber wer hätte gedacht, dass es möglich ist, im Mecklenburg-Vorpommern der achtziger Jahre eine deutsch-deutsche Casablanca -Variante zu erzählen? Genau hier liegt das Überraschende dieser Filme und ihrer weiblichen Phantome: Sie fordern keine Empathie, denn ihre Heldinnen nehmen ihre Schicksale, so schrecklich und so schwer sie auch sein mögen, selbst in die Hand.