DIE ZEIT: Mrs Streep, Interviews mit Ihnen sind selten und kurz, wären Sie so freundlich, möglichst schnell zu sprechen?

Meryl Streep: Kein Problem, das kann ich super, ich bin doch Amerikanerin (sehr schnell): Blablablablablabla. Okay so?

ZEIT: Perfekt. Ihre größte Motivation sei Angst, haben Sie einmal gesagt. Wovor?

Streep: Vor dem Scheitern an der Figur. Aber es ist auch die Angst, die mir hilft, eine Art Überlebensinstinkt zu entwickeln. Vor den Dreharbeiten von The Iron Lady war ich zutiefst beunruhigt, denn jeder hat eine feste Meinung zu Margaret Thatcher, eine sehr präzise visuelle und oftmals nicht sonderlich angenehme Erinnerung. Eigentlich wollte ich mir drei Monate Zeit nehmen, um alles über sie zu lesen, was geschrieben wurde, um dann voller Selbstvertrauen und mit einem prall gefüllten Recherche-Konto nach England zu gehen. Aber nach einem Monat Vorbereitung hatte mein Mann gesundheitliche Probleme und musste operiert werden. Meine beste Freundin wurde sehr krank und starb. Es war wohl diese Mischung aus Intensität, Angst und Überlebensinstinkt, die die Essenz ihres Charakters hervorgebracht hat.

ZEIT: Was meinen Sie mit Essenz?

Streep: Die Chuzpe, die man haben muss, um zu glauben, es sei vollkommen natürlich, die Welt zu dominieren. Ihre unfassbare Zielstrebigkeit, ob man ihre Ziele nun mochte oder nicht. Das Rückgrat, das es brauchte, um die Menge an Hass auszuhalten, die ihr entgegenschlug, ohne Unterlass, während ihrer gesamten Laufbahn.

ZEIT: Thatcher musste ihre Frisur, ihren Kleidungsstil und ihre Stimme ändern, bevor sie die große politische Bühne betrat. Wie ist es, eine Frau zu spielen, die sich auf der Leinwand erst in das Bild verwandelt, das wir von ihr haben?

Streep: Oh, das ist eine sehr dankbare Aufgabe. Wir alle verwandeln uns ja permanent in das Bild, das wir uns von uns machen, schon wenn wir zum Abendessen ausgehen, uns fragen, was wir anziehen, wie wir wirken mögen. Es hat etwas Tragisches, dass selbst eine hart gesottene Politikerin wie Thatcher wusste, dass sie nichts erreichen konnte, ohne auf diese Äußerlichkeiten Rücksicht zu nehmen.

ZEIT: Eine Parallele zwischen Ihnen und Thatcher liegt in Ihrer beider Durchhaltevermögen. Thatcher war die dienstälteste Premierministerin des zwanzigsten Jahrhunderts, Sie begleiten als der Welt erfolgreichste Schauspielerin inzwischen schon Generationen von Kinogängern.

Streep:Mamma mia!

ZEIT: Eben.

Streep: Das ist wohl so. Aber es entspricht nicht meinem subjektiven Empfinden. Jeder Schauspieler denkt nach seiner letzten Rolle, dass nun Schluss sei mit der Karriere. Dann liest man wieder diese vielen Drehbücher und denkt: »Oh Gott, das ist ja grauenhaft. Aber vielleicht sollte ich den Mist spielen, denn bestimmt kommt nichts anderes mehr.« Es wird besonders schlimm, wenn man als Schauspielerin die Grenze der vierzig erreicht. Ich dachte also schon vor 22 Jahren, dass alles zu Ende sei. Aber irgendwie ging es immer weiter.