Roman von John BanvilleO Gott! O ja! O nein!

John Banville und sein Roman "Unendlichkeiten" spielen mit Tod und Liebe und unterhalten mit Witz und Glanz von 

Was von uns Menschen bleibt, nach unserem Gezappel, der Suche nach göttlicher Erleuchtung, durchkreuzt von Bangigkeit oder niedrigen Trieben? Fliegenschiss vielleicht. »As flies to wanton boys are we to th’ gods«, hat man ja bei Shakespeare gelernt, einen Vers, der sich inmitten von King Lear wie ein Abgrund öffnet, man hatte hinuntergeschaut und bittere Verzweiflung gesehen, jaja, den Göttern sind wir, was Fliegen bösen Buben sind, sie töten uns zu ihrem Spaß. Mit allergrößter Vorsicht nähert man sich also dem neuen Roman von John Banville, der als ehemaliger Literaturchef der Irish Times natürlich auch seinen Shakespeare kennt und gleich ein ganzes Buch dem Thema gewidmet hat, den bedenkenlosen Götterspielen, und das Buch Unendlichkeiten auch noch von einem Gott erzählen lässt. Hermes natürlich, dem Gott der Gaukler und Botenberichte, der aus höchster, wenn auch versteckter Perspektive berichtet, was hier bei uns Menschen los ist, wenn sich Papa Zeus und andere Verwandte mit uns die Zeit vertreiben, ihre unendliche Zeit. Unser unendlich großes Drama!

Es ist, natürlich, klassisches Drama. Morgendämmerung, Abendglühen, dazwischen ist diese Geschichte gespannt, die sich in einem einsam gelegenen Landhaus abspielt, einen Tag beschreibt im Leben der Familie, die sich um ihr sterbendes Oberhaupt schart, Einheit von Zeit und Handlung, Aristoteles lässt grüßen, augenzwinkernd.

Anzeige

Ein Leben geht zu Ende: Das wären also die Koordinaten einer Tragödie. Wie kommt es da nur, dass der Ton dieses Romans so komödiantisch ist? Burleske Szenen durcheinandertaumeln, Liebeshändel sich mit Slapstick vermischen, Klamauk und Szenen großer Innigkeit ineinander übergehen, dazwischen viel Ironie, unter einem Feuerwerk von Sprache, das uns zu vielen O Gott, o nein, zu Os und Ahs zwingt?

© Kiepenheuer & Witsch

Der sterbende Mensch heißt Adam, und Adam stirbt, als wäre er der allererste Mensch, dem das geschieht, gut möglich, dass sich seit der Vertreibung aus dem Paradies der Unsterblichkeit das für jeden so anfühlen mag. Selbst für Adam, dessen Lebensziel es war, einen ultimativen Beweis der Unendlichkeit zu liefern, der liegt nun einen, sich ein Buch lang dehnenden, Tag in seinem Zimmer, schön aufgebahrt, Frau Ursula nimmt seine Hand – »spröde wie Butterbrotpapier die Haut, das Fleisch darunter breiig; wie ein Päckchen Schlachtabfall vom Metzger«. Am Ende dieses Tages findet man Adam auf der Terrasse, im Kreis seiner Familie, im Licht des Sonnenuntergangs, Adam hat die Augen wieder geöffnet, ob zum Sterben oder Leben, ist nicht ganz klar, oder was da der Unterschied wäre, irgendwas mit Unendlichkeit, die sich jetzt irgendwie auslaufend anfühlt. Obwohl, irgendwo zappelt, inmitten dieses Sterbens, schon wieder neues Leben, ob in ihm, in Adam, oder in Helen, im Bauch der schönen Schwiegertochter, auf die der alte Adam zeit seines Lebens so scharf war wie Gottvater Zeus, es ist nicht ganz klar, und ob das den Göttern zum Trotz geschieht, oder mit ihrer Hilfe, wer weiß. Der allwissende Erzähler jedenfalls weiß es nicht, auch das hat seine eigene Komik.

John Banville, der irische Schriftsteller, hat sich mit seinem Roman Unendlichkeiten jedenfalls einen weiten Raum eröffnet, weit hinausgehend über Arden, den Familiensitz der Godleys, God wie Gott selbstredend. Der Ort ist so etwas wie ein Zitat jenes abgeschabten Herrensitzes, der in irischer Literatur, etwa bei William Trevor oder natürlich Elizabeth Bowen , zuverlässig auftaucht, hässliche Kästen, von der englischen Herrenrasse auf nasse Wiesen gebaut, inwendig zugig und üblicherweise kurz davor, von undankbaren Iren abgefackelt zu werden, also auch immer schon kurz vor Exitus. Arden selbstredend wie the Forest of Arden. Den haben wir ebenfalls schon mit ein bisschen Hilfe von Mr Shakespeare durchforstet, in Wie es Euch gefällt, der heiteren Komödie von Sinnesrausch und Sinnestrübung, es geht da wie bei Banville um mehrere Paare und darum, wie Männer und Frauen die Rollen wechseln, sodass allen die Sinne schwinden und niemand mehr weiß, ob er oder sie noch Weiblein oder Männlein ist. Der Zuschauer kann nicht umhin, zu bewundern, wie Shakespeare das alles, was man die moderne Identitätsfrage nennen könnte, am Ende wieder säuberlich sortiert bekommt.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Artikel Auf einer Seite lesen
    • Schlagworte Hermes | Kazuo Ishiguro | Roman | William Shakespeare
    Service