Roman von Steve Sem-SandbergDer Vollstrecker

Mit den "Elenden von Łódź" hat der schwedische Schriftsteller Steve Sem-Sandberg einen erschütternden Roman über das Ghettoleben geschrieben von 

Der schwedische Schriftsteller Steve Sem-Sandberg, der einen Roman über das Ghetto von Łódź geschrieben hat, ist kein leichtfertiger Autor. Er weiß um die Gefahr, als Erzähler zum Parasiten einer Erschütterung zu werden, die dem Gegenstand schon selbst innewohnt. Und er weiß, dass jeder ästhetische Missgriff mehr als nur ein künstlerisches Scheitern sein würde: Es wäre eine moralische Geschmacklosigkeit. Wer als Nachgeborener ohne eigene Zeugenschaft über den Holocaust schreibt, darf nicht mit dem realen Grauen schriftstellerisch Effekt zu machen suchen. Jede Monumentalisierung verbietet sich. Trotzdem muss es auch jenseits des reinen Protokollstils eine Form der literarischen Annäherung an das Unvorstellbare geben.

Steve Sem-Sandberg, früher Kulturjournalist für das Svenska Dagbladet und in Schweden schon seit Langem ein hoch angesehener Schriftsteller, ist ein Autor der Beherrschung, des Maßes und der Ökonomie. Die erzählerischen Mittel, die er einsetzt, sind nie überschießend, sondern streng im Dienst der Darstellung. Nie mehr als nötig: Dieses poetologische Ethos ist Sandbergs Pietät gegenüber jenen, von deren Schicksal er erzählt. Obwohl es in diesem Roman kein eitles Wort gibt, arbeitet Sandberg trotzdem mit poetischen Mitteln, wenn er zum Beispiel in Form von Traumfantasien dichte, bedrückende Bilder für die Allgegenwart des Todes und die radikale Entwertung des Lebens schafft.

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Im Ghetto von Łódź gab es eine jüdische Selbstverwaltung, die durch den Ältestenrat und dessen Präses Mordechai Chaim Rumkowski angeführt wurde. In Wahrheit herrschte Rumkowski im Ghetto mit der Machtvollkommenheit eines Diktators. Für seine absolutistische Alleinherrschaft hatte er gute Gründe: Nur er sei imstande, mit den Nazis so zu verhandeln, dass diese ein Interesse am Fortbestand des Ghettos von Łódź hätten. Sich durch Arbeit unersetzlich für das Reich und seine Kriegsproduktion zu machen, das war Rumkowskis Überlebensprogramm.

© Klett-Cotta

Er sah sich als Retter seines Volkes. Er hielt sich viel zugute auf seine Beziehungen zu den deutschen Besatzern, denen er mit korrekter Demut auch dort noch begegnete, wo sie vor seinen Augen willkürlich seine Schutzbefohlenen ermordeten. Während die Geschichtsschreibung Rumkowski heute vor allem als vielleicht verblendeten Kollaborateur sieht, verstand sich Rumkowski als jemand, dessen Löffel lang genug ist, um mit dem Teufel zu speisen.

Zu Rumkowskis Vorstellungen von demonstrativer Ordnung gehörte auch die Führung einer Ghetto-Chronik , die gegenüber den Deutschen den vorbildlichen Zustand des Ghettos dokumentieren sollte. Diese Chronik mit ihren 3.000 Seiten ist vor wenigen Jahren auf Deutsch und auf Polnisch publiziert worden. Sie ist ein einzigartiges Dokument, das das Leben in der gespenstischen Verschränkung von Alltag und Ausnahmezustand beschreibt, das Unfassbare als zu erleidende Normalität. Aber die Chronik mit ihrer kollektiven Autorschaft der Archivmitarbeiter entfaltete eine eigene Dynamik: Immer mehr wurde sie geschrieben im Bewusstsein, dass diese Sätze das Einzige sein würden, was von ihnen bleibt. Sem-Sandberg hat aus dieser Chronik, die Fakten durch Fiktionen behutsam ergänzend, seinen Roman gearbeitet.

Sagen wir es ganz direkt: Es ist ein beeindruckender Roman, aber es ist kaum zu ertragen, ihn zu lesen. Und zwar nicht so sehr wegen der äußeren Gewalt, die im Ghetto jederzeit und völlig willkürlich auf die Bewohner niedergehen konnte, sondern weil die Logik der Vernichtung, die die Nazis verhängt hatten, sich auf die Binnenmoral des Ghettos übertrug. Die Nazis werden an den Juden nicht nur zu Mördern, sie machen sie auch noch im Rahmen der Ghetto-Hierarchie zu ihren eigenen Mordknechten.

Leserkommentare
  1. nicht nur (quasi im gesellschaftlichen Konsens) wissen, dass sie nie Täter geworden wären; sie wissen sogar, wie sich auf Opferseite besser verhalten hätten.
    Bei so viel Selbstgefälligkeit kann man sogar das Entsetzen in Romanform konsumieren.

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