Den Niedergang der Lesebrille prognostizierte das Deutsche Ärzteblatt bereits im Jahr 2010. Stattdessen komme "die Brille im Auge", verspricht beispielsweise die Freiburger Firma Alcon Pharma in einem aktuellen Prospekt. Die Lösung für die Sehprobleme älterer Menschen (und der Kassenschlager des Unternehmens) heißt Acrysof Restor. Diese künstliche Linse wird direkt ins Auge implantiert und soll scharfes Sehen in jeder Entfernung ermöglichen. Zielgruppe für solche Hightechprodukte sind Senioren, deren natürliche Linse langsam trüb wird. Unter dem sogenannten Katarakt oder grauen Star leiden im hohen Alter 90 Prozent der Bevölkerung.

Der graue Schleier lässt sich weder aufhalten noch entfernen. Ist das Sehvermögen einmal eingeschränkt, ist der einzige Ausweg eine Operation, bei der die körpereigene Linse zerstört und durch eine Kunststofflinse ersetzt wird. Mehr als 600.000 Kataraktoperationen verbuchen deutsche Kliniken und Praxen jedes Jahr. Damit ist der Eingriff der häufigste in ganz Deutschland – und ein Zukunftsmarkt für die Hersteller, die den demografischen Wandel auf ihrer Seite wissen.

Allerdings sind die bisher standardmäßig eingesetzten Kunststofflinsen kein perfekter Ersatz für eine natürliche und jugendliche Linse. Während die natürliche Linse bei alten Menschen nur noch wenig flexibel ist und daher nicht mehr die hohe Brechkraft besitzt, die etwa zum Lesen nötig ist, sind Kunststofflinsen vollständig starr. Sie können ihre Brechstärke nicht auf unterschiedliche Entfernungen einstellen und deshalb nur Gegenstände in einem festgelegten Abstand scharf auf der Netzhaut abbilden.

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Solange die alte Linse zwar starr, aber klar ist, reicht eine Lesebrille als Korrektiv. Musste die Linse wegen starker Trübung ausgetauscht werden, behalfen sich die Augenärzte bislang mit einem einfachen Trick: Sie wählten eine Brechstärke, mit der die Patienten in der Ferne gut sehen konnten – und verschrieben ihnen zusätzlich eine Lese- oder Gleitsichtbrille, mit der sie auch die Schrift in einem Buch oder auf einen Computerbildschirm wieder scharf erkennen konnten.

Nun soll die Brille nach einer Staroperation überflüssig werden, zumindest wenn man den Werbeslogans der Linsenfabrikanten Glauben schenkt: Bei modernen Linsen wie Acrysof Restor sind mehrere Bereiche mit unterschiedlich großer Brechstärke in konzentrischen Ringen angeordnet. Daraus soll ein "natürliches Sehvermögen über den gesamten Sehbereich" resultieren, "größtenteils ohne Brille". Das klingt allerdings schon weniger zuversichtlich.

Für Patienten gibt es durchaus Grund zum Zweifeln, ob eine solche Multifokallinse mit mehreren Brechstärken immer die beste Wahl ist. Fundierte Bedenken äußert beispielsweise Kuno Kirschfeld, Neurobiologe und emeritierter Direktor am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen . Im Fachjournal Der Ophthalmologe hat er im Dezember 2011 gemeinsam mit seinem britischen Kollegen Michael Land die Multifokallinsen kritisch unter die Lupe genommen.

"Das Problem ist, dass schon bei einer Linse mit nur zwei unterschiedlichen Brechstärken von jedem Gegenstand zwei Bilder auf der Netzhaut entstehen", sagt Kirschfeld. "Ein scharfes, wenn sich der Gegenstand im richtigen Abstand zum Auge befindet – und ein unscharfes, das das erste Bild überlagert." In Fachartikeln werde immer wieder die Behauptung aufgestellt, die Patienten würden nach einer Gewöhnungsphase lernen, das unscharfe der beiden Bilder auszublenden. Tatsächlich ist das gar nicht möglich: Ist das Licht einmal auf die Netzhaut gefallen, kann auch das klügste Gehirn nicht mehr entschlüsseln, welcher Teil des Signals dem scharfen und welcher dem unscharfen Bild zuzuordnen ist.