FinanzkriseWas besser werden muss

In welche Richtung muss die Ökonomie sich weiterentwickeln, so dass künftig mehr Wohlstand und weniger Krisen entstehen? von 

Finanzinstitutionen erforschen

Es kann einem schwindlig werden: Manche Makroökonomen haben sich schon damit abgefunden, dass sie die komplizierten mathematischen Modelle zur Erklärung und Vorhersage von Entwicklungen mit ihrer Unzahl von Algorithmen und einzuspeisenden Variablen gar nicht mehr durchschauen. Sie haben sich daran gewöhnt, dass die Einsichten größerer Geister in Computercodes gegossen sind: Die richtigen Eingaben werden schon die richtigen Antworten ergeben.

Tatsächlich funktionieren solche Computersimulationen in vielen Bereichen. Wie wirken Zinsveränderungen der Notenbank? Wie verändern neue Steuern die Wirtschaft? Da spucken die Modelle hochkompetente Antworten aus, und Ricardo Reis von der Columbia University in New York ist "voller Optimismus", dass sie bald noch besser werden. Doch was passiert, wenn die Finanzmärkte verrückt spielen, wenn Bankenzusammenbrüche das Netz der Finanzströme zerreißen? Da versagen die meisten Modelle. Ein Crash ist nicht vorgesehen.

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Der Grund ist nicht etwa, dass Ökonomen zu wenig über die Funktionsweise von Finanzmärkten geforscht hätten. Einige haben sogar wie die US-Ökonomin Carmen Reinhart in jahrelangen Studien jeden einzelnen Crash der Wirtschaftsgeschichte vermessen und verzeichnet. Ihre Erkenntnisse sind aber selten in die großen, gängigen Modelle der Gesamtwirtschaft eingebaut worden – nach dem Motto: Man kann ja nicht alles überschauen, und in den vergangenen Jahrzehnten funktionierten die Finanzmärkte ja ganz gut. So kam es, dass die Standardmodelle so wenig Alarm auslösten.

Viele Fragen, die die Ökonomen künftig im Blick haben müssen: Wann können Ausschläge der Finanzmärkte ganze Volkswirtschaften in den Abgrund stürzen? Wer hat welches Kreditrisiko auf sich genommen? Welche Bank ist von welcher anderen abhängig? Wer ist too big to fail, wer too interconnected to fail ? Und auch: Wer könnte ein Interesse daran haben, dass Wirtschaftsforscher zu besonders gut bezahlten Vorträgen eingeladen werden, in denen gern die These vom effizienten Finanzmarkt vertreten wird? Welche Institutionen profitieren davon, wenn es am Finanzmarkt wild auf- und abgeht? Welches sind die finanziellen Anreize der Angestellten von Rating-Agenturen, die über die Kreditwürdigkeit von Banken, Unternehmen und Ländern bestimmen?

Menschen kennenlernen

Es ist eine Karikatur im Umlauf: Der Volkswirt von heute verstehe die Menschen nicht mehr. Seine Theorien stütze er einzig darauf, dass er seine Mitbürger für eigennützige Bestien hält. Kein Wunder, dass die Volkswirte in der Krise versagt haben !

Dabei untersucht spätestens seit den siebziger Jahren eine breite Strömung in der Volkswirtschaftslehre das tatsächliche Verhalten der Menschen, Verhaltensökonomen wie Amos Tversky und Daniel Kahneman. Sie arbeiten mal mit Psychologen und Neurowissenschaftlern, mal mit Spieltheoretikern und zunehmend auch in Laborversuchen mit echten Menschen. Und sie räumen wie der Bonner Ökonom Reinhard Selten schon mal einen Nobelpreis ab.

Die Einsichten der Professoren werden heute viel genutzt, beim Aufbau schlagkräftiger Unternehmen wie auch beim Design ganzheitlicher Gesundheitsprogramme. Doch ausgerechnet wenn es um das Große und Ganze geht, um Währung, Konjunkur und Krisen, bleiben sie außen vor. Es ist so ähnlich wie bei der Forschung an den Finanzmärkten. Erklären Ökonomen das Verhalten sehr vieler Menschen in einer Volkswirtschaftslehre, lassen sie verhaltensökonomische Einsichten vielfach unter den Tisch fallen. Nicht selten mit dem verständlichen Argument, dass es bei großen Menschenmassen nicht mehr viel ausmache, wie der Einzelne ticke.

Verhaltensökonomie und Makroökonomie künftig doch enger zusammenrücken zu lassen – das gilt als technisches Minenfeld. Aber auch als ein Ort, an dem der nächste große Durchbruch der Disziplin erwartet wird.

Leserkommentare
    • coburg
    • 17. Februar 2012 20:21 Uhr

    https://www.dorftv.at/vid...
    Ich bin ein wirtschaftswissenschaflicher Laie, fand aber den Ansatz von Prof.Dr.Franz Hörmann ausgesprochen interessant.
    Kann dazu jemand was sagen?

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    Wie kann man ein System verbessern, wenn das System, welches unsere Bedürfnisse befriedigen sollte, die Knappheit zum funktionieren braucht?

    Ein System welches auf Knappheit basiert, kann keinen Mangel beheben - denn das würde das System zerstören. Ein Unternehmer, der in diesem System mit seinem Privatvermögen haftet, wird doch nicht bewusst das eigene Unternehmen in den Sand setzen?

    Es funktioniert nicht - außer man schüttet diesem System viel mehr soziale Mechanismen rein. Das würde die jetzige Krise lösen, aber es würden immer noch viele Probleme bestehen.

    Zwei der Probleme:

    - Ein Unternehmen weiß nie, wieviel nachgefragt wird. Diesbezüglich muss dieser immer mehr Geld in Werbung stecken, aber auch ressourcen- und Arbeitskraftverschwänderisch handeln. Es kann auch sein, dass die Waren sich überhaupt nicht verkauft werden.

    - Der technologische Fortschritt wird hier auch behindert. Wenn man sich ansieht das Erfindungen mit Patenten geschützt werden, so können Marktführer Technologien zurückhalten, um das eigene Geschäftsmodell nicht zu gefährden (obwohl das neue effizienter an Ressourcen und Arbeitskraft wäre).

    • genius1
    • 18. Februar 2012 0:52 Uhr

    Kommentar 36:

    http://www.zeit.de/2012/0...

    Kommentar 41:

    http://www.zeit.de/2012/0...

    Sie können auch mal die Artikel auf meiner Profilseite Lesen. Ein Teil davon ist nicht ganz Richtig, aber für die Meinungsbildung geeignet!

    • fauler
    • 18. Februar 2012 2:18 Uhr

    Vielen dank für den Link! Ich hab mir die 1:30 Stunden Zeit genommen und hatte auch schon davor von dem Professor gehört und gesehen. Er war einmal zu Gast bei Beckmann neben Theo Waigel und Philipp Rösler. Ich hab gehofft, dass er ansatzweise die Poltiker beeinflusst, doch bin ich mir sicher das diese sich nicht trauen würden neues zu wagen.

    Auch wenn wir mulmig war bei manchen Ideen find ich das in seiner Gesamtheit sehr gut und sollte auch mehr Beachtung genießen.

    • WolfHai
    • 18. Februar 2012 10:48 Uhr

    Die hier in den ZEIT Online-Kommentaren immer wieder geäußerte Idee, dass das Schuldgeld uns zwangsweise durch exponentiale Ausweitung in die Krise führt, ist einfach falsch. Kurzbegründung: Geld wird auch ohne Schulden geschaffen, z.B. wenn eine Bank ein Gebäude kauft, Angestellte bezahlt, oder die Rechnungen für die laufenden Aufwendungen (Heizung, Papier, Büromieten) begleicht.

    Es gibt bei komplexen Fragestellungen immer Menschen, die die Lösung an einem einzigen Punkt sehen, und solche Vereinfachungen haben eine große Faszination, sind aber falsch. Dies ist ein solcher Fall.

    • taxos
    • 19. Februar 2012 10:01 Uhr

    findet sich bei Joseph Huber "Vollgeld" und der Initiative "Monetative" (http://www.monetative.de/...). Unter www.aktegeld11.blogspot.com habe ich einen neuen Beitrag isns Netz gestellt
    Ernst Dorfner

  1. Komplexe Systeme mit Milliarden eigentständiger Akteure lassen sich zwar statistisch auswerten, bleiben aber letzendlich unvorhersagbar. Auch mit der genauesten Beobachtung und der besten Statistik ist das Verhalten Einzelner nicht deterministisch, abgesehn davon, wer will so eine "Turbo-Marktfoschung"?

    Es gilt, sich von dem Gedanken der Selbstregulierung verabschieden, und zwar gerade nicht weil sich das System nicht selbst regulieren könnte, sondern weil Krisen aller Größenordnungen immer Teil dieser Selbstregulierungsprozesse sind.

    Krisen lassen sich nicht vorhersagen? Vielleicht nicht auf den Tag genau, aber das ist auch garnicht nötig. Wer nur ein bißchen Verstand hat, weiss das alle Blasen irgendwann platzen und die nächste Krise schon in der Mache ist, wenn es gerade boomt. Wer schlau und noch dazu unmoralisch ist, nutz es für sich, oder tritt sich an einer der Zahlreichen lockeren Stellen dieses riesigen Misthaufens selbst eine los.

    Was der Artikel wirklich sagen will ist: "Wie machen wir genau so wie bisher weiter, ohne uns einen Millimeter zu bewegen, ohne dass uns der Laden um die Ohren fliegt?"

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    • WolfHai
    • 18. Februar 2012 11:17 Uhr

    Kommentar 2: "Komplexe Systeme mit Milliarden eigentständiger Akteure lassen sich zwar statistisch auswerten, bleiben aber letzendlich unvorhersagbar."

    Danke, Kommentator 2, völlig richtig. Ich habe nichts gegen Verbesserungen volkswirtschaftlicher Theorien, aber wer damit das Ende der Krisen erhofft, schafft Erwartungen an Volkswirte, die völlig unrealistisch sind.

    Hinzu kommt, dass sich das untersuchte Objekt im Laufe der Zeit verändert. "Die Wirtschaft" funktioniert nicht mehr wie vor 30 Jahren, und in 30 Jahren wird sie wieder anders funktionieren. Gesetzt jemand hat das perfekte Modell, das die Krisen der Weltwirtschaft heute 100%ig verhindern kann, so wird dieses Modell schon morgen falsch sein. Die Krise wird kommen und alle ZEIT Online-Kommentatoren werden über die Volkswirte schimpfen, obwohl das Problem in der Natur der Sache liegt.

    Wer der Komplexität der Wirtschaft entkommen will, muss zurück zur reinen Selbstversorgung. Das ist für mich okay, aber ich stelle fest, dass die meisten Menschen die Komplexität vorzuziehen scheinen, Krisen inbegriffen.

  2. ...sollte man zuerst anfangen "Wohlstand" zu definieren. Ansonsten läuft man allzuschnell wieder in die typische VWL-Falle, die "Wohlstand = Wirtschaftswachstum" setzt.

    Der Artikel greift mir da auch zu kurz, es geht eben NICHT nur darum, bessere Prognosemethoden zu haben um etwa Finanzmarktkrisen besser vorherzusagen. Warum? Prognose und Analyse basieren auf existierenden Systemen, sie taugen nicht um etwa eine Abschaffung der Finanzmärkte zu diskutieren.

    Es geht um die Zielsetzung und vor allem darum, WER die Ziele setzt.

  3. "Und sie räumen wie der Bonner Ökonom Reinhard Selten schon mal einen Nobelpreis ab."

    Sehr unscharf formuliert.

    "Der Preis für Wirtschaftswissenschaften der schwedischen Reichsbank im Gedenken an Alfred Nobel"

    "Er unterscheidet sich von den Nobelpreisen darin, dass er nicht von Alfred Nobel, sondern nachträglich im Jahr 1968 von der Schwedischen Reichsbank anlässlich ihres 300-jährigen Bestehens gestiftet wurde."

    "In seinem Testament legte er [Nobel] fest, dass mit seinem Vermögen eine Stiftung gegründet werden sollte, deren Zinsen „als Preis denen zugeteilt werden, die im verflossenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen geleistet haben“. "

    Quelle wikipedia

    Nach einem Fernsehbericht verabscheute Nobel Theoretiker, weshalb er keinen Preis für Mathematik (oder z.B. Wirtschaftswissenschaften) aussetzte. Die Dinge, die er er für preiswürdig erachtete sollten den Menschen einen Nutzen bringen. Hätte er einen Wirtschaftsnobelpreis gewollt, dann hätte er ihn selbst gestiftet!

    • Ranjit
    • 17. Februar 2012 22:28 Uhr

    Amos Tversky und Daniel Kahneman sind übrigens Psychologen.
    http://en.wikipedia.org/w...
    http://en.wikipedia.org/w...

    Ich würde es begrüßen, wenn sie dies im Artikel korrigieren würden.

  4. Wie kann man ein System verbessern, wenn das System, welches unsere Bedürfnisse befriedigen sollte, die Knappheit zum funktionieren braucht?

    Ein System welches auf Knappheit basiert, kann keinen Mangel beheben - denn das würde das System zerstören. Ein Unternehmer, der in diesem System mit seinem Privatvermögen haftet, wird doch nicht bewusst das eigene Unternehmen in den Sand setzen?

    Es funktioniert nicht - außer man schüttet diesem System viel mehr soziale Mechanismen rein. Das würde die jetzige Krise lösen, aber es würden immer noch viele Probleme bestehen.

    Zwei der Probleme:

    - Ein Unternehmen weiß nie, wieviel nachgefragt wird. Diesbezüglich muss dieser immer mehr Geld in Werbung stecken, aber auch ressourcen- und Arbeitskraftverschwänderisch handeln. Es kann auch sein, dass die Waren sich überhaupt nicht verkauft werden.

    - Der technologische Fortschritt wird hier auch behindert. Wenn man sich ansieht das Erfindungen mit Patenten geschützt werden, so können Marktführer Technologien zurückhalten, um das eigene Geschäftsmodell nicht zu gefährden (obwohl das neue effizienter an Ressourcen und Arbeitskraft wäre).

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    Und das sind nur zwei von vielen Beispielen, was Konkurrenz und dieses System verursacht. Effizienz spielt keine Rolle, sondern der Profit und die Marktmacht. Und da Konkurrenz (durch Kapitalvorteile) immer zu Marktaufkäufen und somit der Festigung dienen, wird es Korruption in der Politik durch Konzerne immer geben.

    Man kann sehen was von der Vernunft in diesem System bleibt.

  5. Und das sind nur zwei von vielen Beispielen, was Konkurrenz und dieses System verursacht. Effizienz spielt keine Rolle, sondern der Profit und die Marktmacht. Und da Konkurrenz (durch Kapitalvorteile) immer zu Marktaufkäufen und somit der Festigung dienen, wird es Korruption in der Politik durch Konzerne immer geben.

    Man kann sehen was von der Vernunft in diesem System bleibt.

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    • coburg
    • 18. Februar 2012 0:44 Uhr

    Meine Frage ging dahin, was von dem Modell von Prof. Hörmann "Am Ende des Geldes" zu halten ist, wie es in diesem Video vorgestellt wird?
    Hier nochmal der link:
    https://www.dorftv.at/vid...

  6. Vor allem dann, wenn sie anklagen wollen.

    Ich vermisse hier ein Konzept, nicht wie die Ökonomie verbessert werden kann, das wäre verwegen, sondern wie und wo Kritik ansetzen soll.

    Stattdessen werde ich hier auf einen wilden Ritt mitgenommen, der kreuz und quer durch die ökonomische Landschaft führt, willkürlich Bereiche auslässt, wahllos name dropping betreibt und dabei den Eindruck erweckt, als ob man die Erkenntisse bestimmter Wissenschaftler nur zu berücksichtigen bräuchte, um den Pfad der ökonomischen Besserung zu beschreiten.

    Ein Impuls zur Verbesserung ist voraussetzungsvoll, vielleicht ein Grund, warum von den Journalisten so wenig Druck auf die weitere Entwicklung der Wirtschaftswissenschaft erzeugt werden kann.

    Bedauernswert ist das allemal, weil es hier um das Wohl der Menschen geht. Jedenfalls steht diese Thematisierung in keinem vernünftigen Verhältnis zur Häufikeit und Intensität üblicher Berichterstattung, wie z.B. bei der Affaire des Biundespräsidenten.

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