Protest gegen die Finanzwirtschaft vor der London School of Economics © Facundo Arrizabalaga/AFP/Getty Images

Die Gläser sind leer, die Luft riecht nach kaltem Glühwein, doch niemand will das überfüllte Studentencafé der Humboldt-Uni verlassen. Eng sitzen die Wirtschaftsstudenten auf abgewetzten Sofas an wackeligen Tischen. "Unsere Professoren lehren die gleichen alten Theorien, die uns in die Krise geführt haben", sagt Maje Basten, eine 24-Jährige mit krausem Haar und blitzenden Augen. Ein Student schimpft: "Die tun so, als gäbe es keine neuen Fragen an den Kapitalismus ."

Knapp 30 Studenten haben sich im Café versammelt: Sie sind der Berliner Ableger von Net Impact, einer weltweiten Studenteninitiative mit dem Ziel, "Mehrwert zu schaffen, der nicht nur der Wirtschaft, sondern den Menschen und dem Planeten gleichermaßen dient". Damit das was wird, soll sich auch die ökonomische Lehre ändern. 25.000 Mitglieder hat die Initiative schon, in Berlin , London und Washington, in Bangalore und Bangkok.

An der amerikanischen Eliteuniversität Harvard gab es vor Kurzem sogar eine ausgewachsene Studentendemo. Eine Gruppe von 70 Hörern verließ geschlossen den volkswirtschaftlichen Einführungskurs EC10. Den muss in Harvard jeder ökonomische Anfänger belegen, und da trifft er dann auf Gregory Mankiw. Mankiw ist ein Marktliberaler durch und durch. Von 2003 bis 2005 war er oberster Wirtschaftsberater von George W. Bush. Mit dem Einführungslehrbuch über die Grundlagen der Volkswirtschaftslehre hat er das mit Abstand meistverkaufte Lehrbuch seiner Art geschrieben. Leider!, wie Gabriel Bayard, einer der Demoorganisatoren, findet. "Da wird immer noch genau die Ideologie gelehrt, die uns die heutige Lage beschert hat."

Stimmt das? Haben Ökonomen die Krise mitverschuldet und dann nichts daraus gelernt? Müssten sie fünf Jahre nach Ausbruch der Finanzmarktturbulenzen, nach dem Subprime-Desaster der USA , nach dem Lehman-Kollaps und in Zeiten des Euro-Chaos über ihre Fehler reden? Die Wirtschaft anders erklären? Und völlig neu forschen und lehren?

November 2008. London-Holborn, die London School of Economics (LSE). Queen Elizabeth II steht im cremefarbenen Kostüm unter einem Schleifchenhut und vor einem Flipchart mit Diagrammen zur Wirtschaftslage. Neben dem Flipchart tut der junge LSE-Professor Luis Garicano sein Bestes, das Thema des Jahrzehnts zu erklären: wie es zur Finanzkrise kam, was nun zu tun ist, wie man einen Zusammenbruch des gesamten Kreditwesens verhindern könnte. Die Queen ist eine höfliche Zuhörerin, aber sie bringt die Dinge auch gern auf den Punkt. "Wie konnte es passieren, dass niemand diese Krise vorhergesehen hat?"

Die Frage der Königin ist inzwischen in Ökonomenkreisen zur Legende geworden, schon weil Garicano und seine Kollegen nicht gleich eine gute Antwort parat hatten. Die Antwort der Zunft kam acht Monate später, in Form eines dreiseitigen Schreibens der berühmtesten britischen Professoren, zerknirscht und ebenfalls nicht so ganz befriedigend. Eine "Psychologie des Nicht-hinschauen-Wollens" habe eine Rolle gespielt. "Um die Sache zusammenzufassen, Ihre Majestät", hieß es zum Schluss, "war dies ein Versagen der kollektiven Vorstellungskraft vieler kluger Menschen." Da klang es noch so, als müsse sich etwas ändern.

Drei Jahre später, im Juni 2011, New York. Das Balthazar-Restaurant kennt jeder in Soho. Es ist wie eine französische Brasserie eingerichtet, schwarz gekleidete Kellner mit weißen Schürzen servieren zum Frühstück große Portionen Rührei. An einem der hinteren Tische sitzt Roman Frydman, ein kleiner, runder Mann mit wachen Augen. Der Professor lehrt gleich um die Ecke an der prestigeträchtigen New York University. Gerade hat er sein Buch Beyond Mechanical Markets veröffentlicht, eine Abrechnung mit der Weltsicht der Wirtschaftswissenschaftler, zu denen er doch selber gehört.

Warum konnte die Krise so heftig ausfallen?

Der Mann ist Makroökonom, und er findet, dass in dem Feld jahrelang Ideologen den Ton angegeben hätten. Ein "Marktfundamentalismus" habe geherrscht, ein falscher Glaube an effiziente und zum Gleichgewicht tendierende Märkte, ein bizarres Bild vom rein rational handelnden Menschen. Mathematische Kenntnisse seien für Ökonomen immer wichtiger geworden, das Lesen von Geschichtsbüchern hingegen entbehrlich und die Wirklichkeit irrelevant. "Und genau das", sagt Frydman und stürzt seinen längst kalt gewordenen Kaffee hinunter, habe in die Misere geführt.

Obwohl er schon lange in den USA lebt, hat Frydman seinen harten polnischen Akzent nie abgelegt. Da sei er einst dem Kommunismus entkommen, poltert Frydman, nur um in einem Kapitalismus zu landen, der genauso "verrückt" geworden sei. Frydman redet sich leicht in Rage und gestikuliert dann voller Ungeduld. Wahrscheinlich wird man so, wenn man jahrelang nicht mehr in den entscheidenden Fachzeitschriften gedruckt, von den tonangebenden Stars der Zunft eher belächelt wird und auf Genugtuung warten muss. Bislang habe sich in der Wissenschaftsgemeinde trotz aller Krisen nur wenig geändert, findet Frydman. Ökonomen sollten akzeptieren, dass Märkte zu Exzessen tendierten, und den Politikern häufiger empfehlen, "gegenzusteuern". Beispielsweise, indem mehr reguliert würde. Und die berühmten Kollegen sollten offen über ihre Fehler diskutieren.

Als das Nobelpreiskomitee im Oktober 2011 bekannt gab, welcher Ökonom die begehrte Ehrung samt 1,5 Millionen Dollar Preisgeld entgegennehmen würde, rieben sich Kenner der Szene die Augen. Der eine Preisträger, Thomas J. Sargent, ist einer der einflussreichsten Makroökonomen der Welt, weil es kaum ein gesamtwirtschaftliches Modell gibt, das sich nicht seiner Methoden bedient. Der zweite ist sein enger Bekannter Christopher A. Sims , ein Architekt ausgeklügelter Verfahren, die laut Nobelpreiskomitee den "Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung in der Wirtschaft" offenbaren. Zusammenhänge, wie sie vor der Finanzkrise schockierend unklar waren.

Sims ist ein freundlicher älterer Professor, der selber ans Telefon geht, in der Sache aber eine ziemlich harte Linie fährt. War er zufrieden mit der Rolle der Ökonomen vor der Krise? Zufrieden mit seiner eigenen Rolle? "Ja", sagt er. Na gut, es habe auch ein paar Probleme gegeben. "Es gab zu viel Deregulierung der falschen Art." Und die Fehler der Ökonomen? Übertriebene Spezialisierung in manchen Bereichen, ja, das schon. Eine ungesunde Fixierung auf die geldpolitische Stabilität. Aber Fundamentalkritik an seiner Zunft will Sims auf keinen Fall gelten lassen: "Die deutlichsten Warnungen, die man vor der Krise hörte, kamen von Volkswirten."

Man kann auch in Deutschland sehr viele Wirtschaftswissenschaftler ansprechen und ziemlich ähnliche Aussagen bekommen. Die Ökonomen hätten die Krise nicht vorhergesehen? Doch, das hätten sie sehr wohl! Und dann wird stolz auf die Studie X verwiesen, auf die Vorlesung Y und ganze Bücherreihen zum Thema Finanzmarktregulierung. Falsches Menschenbild? Das habe doch längst keiner mehr. Überschätzung der Märkte? Ich doch nicht. Zusätzlich kommt bisweilen noch der Satz hinterher, man wolle aber bitte nicht in der Zeitung zitiert werden. Die Nervosität scheint groß.

Aber nehmen wir trotzdem für einen Augenblick an, die These stimmt, wonach vor der Krise alles richtig war, was die Ökonomen so trieben. Warum konnte die Krise dann so heftig ausfallen? "Die Lautstärke hängt davon ab, wie sehr die Presse den Lautsprecher aufdreht", schmettert Hans-Werner Sinn die Frage gleich zurück. Kritik habe es genug gegeben, findet der Chef des Münchner ifo Instituts. Man habe die Kritiker nur nicht gehört.

Natürlich hat Sinn, natürlich haben die wunschgemäß anonym gebliebenen Professoren recht: Die Welt der Ökonomie ist groß und bunt, und immer gab es irgendwo Warner und Kritiker. Der Amerikaner Nouriel Roubini beschrieb schon vor der Krise detailliert, wie die Immobilienblase platzen und die Welt in eine Rezession schlittern würde. Es gab berühmte Nobelpreisträger wie Joseph Stiglitz oder Amartya Sen, die die Ungerechtigkeit der Weltwirtschaft und ihre Krisenanfälligkeit immer wieder anklagten.

Wie bekommt man einen neuen Mainstream?

Der deutsche Nobelpreisträger Reinhard Selten widerlegte das rationale Menschenbild der Neoklassik und stellte die darauf beruhenden Vorhersagemodelle infrage. Robert Shiller und George Akerlof wurden mit ihrer Kritik an den Finanzmärkten und deren Deregulierung zu Bestsellerautoren. Nur, den Ton gaben sie lange nicht an. Meistens setzten sich die Modellbauer mit den neoklassischen Annahmen über das Verhalten der Menschen durch. Die Fans globalisierter Finanzmärkte.

Thomas Straubhaar , der Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), hat sich darüber im vergangenen Herbst mächtig aufgeregt. Er schrieb damals einen kleinen Beitrag für die Financial Times Deutschland, das rosafarbene Leib-und-Magen-Blatt der Wirtschaftswelt. "Über Jahrzehnte dominierte in der Ökonomie die Überzeugung, dass auf Finanzmärkten Effizienz die Regel und Marktversagen die Ausnahme sei", erklärte der aus der Schweiz stammende Ökonom. Deswegen seien "Heerscharen von Studierenden auf den Glauben getrimmt" worden. Straubhaar fügte sogar noch eine Art Kriegserklärung hinzu. Er stellte eine Verbindung zwischen dem "Glauben" her und der Frage, "wie man in ökonomischen Fachkreisen Reputation erlangt". Von dem, was angesagt sei und damit in akademischen Zeitschriften publiziert werde, hänge der Platz im Ranking ab und davon wiederum die Zuteilung von Forschungsmitteln. Sprich: die ganze Karriere.

Wer anders denkt, macht keine Karriere? In den USA ging die Kritik noch weiter. Im vergangenen Jahr erregte dort der Film Inside Job viel Aufsehen in der Zunft – darin wurden Ökonomen bis hinauf zum US-Präsidentenberater Larry Summers vorgeführt, die als einflussreiche Berater, so der Vorwurf, ziemlich direkte Mitverantwortung für die Krise trügen. Sie hätten Liberalisierung als herrschende Lehre durchgesetzt. Manche hätten das sogar getan, um den Mächtigen und Reichen zu helfen, etwa in Fragen der Bankenregulierung. Einige hätten persönlich profitiert.

In den Staaten hat die Sache eingeschlagen. Um dem Verdacht in Zukunft vorzubeugen, fasste die American Economic Association (AEA) bei ihrem jüngsten Treffen den ungewöhnlichen Beschluss: Wenn ein Ökonom künftig in einem namhaften journal einen Artikel veröffentlicht, muss er mögliche finanzielle Interessen offenlegen – seine eigenen und die von Partnern und engen Verwandten.

Ob das etwas nützt? Nicht, wenn Adam Posen recht hat. Der renommierte amerikanische Jurist und Volkswirt, der unter anderem die Bank von England und den US-Kongress berät, hat eine andere, noch weniger schmeichelhafte Erklärung für den Zustand der tonangebenden Ökonomie: Faulheit. Die Finanzkrise habe seine Zunft "beim Nickerchen im Kontrollraum erwischt", sagte er vor einiger Zeit dem New Yorker. Dort schlummerten viele der auf Lebenszeit angestellten Kollegen mit ihren Heerscharen arbeitswilliger Doktoranden bis heute.

Es gibt ein Problem mit dieser Art von Kritik: Wissenschaften, einschließlich der Ökonomie, brauchen ja einen Mainstream. Sie benötigen Annahmen, die die Mehrheit richtig findet und auf deren Basis sie dann weiterforschen. Die Zahl der Denkrichtungen und neuen Ideen ist meist unüberschaubar, und darum hat jede Wissenschaft ihr System des peer review, der Bildung eines anerkannten Konsenses und von Hauptforschungsrichtungen. Die werden auch immer mal umgeworfen. Aber nicht ständig und nicht beim ersten Aufscheinen irgendeiner neuen Idee, auch wenn sie auf den ersten Blick überzeugen mag.

Thomas Lux zum Beispiel, ein Ökonom am Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel , bezeichnet sich selber nach ein paar Sekunden Zögern als einen "wahrscheinlich heterodoxen Ökonomen". Er hält viel davon, in die Geschichtsbücher zu schauen und nach der Wiederholung von Mustern zu suchen. Er hat Anleihen bei Physikern genommen, um damit irgendwann besser erkennen zu können, wann man sich auf sprunghafte Veränderungen in der Wirtschaft einrichten muss. "In der Makroökonomie haben wir eine Bringschuld", gibt er freimütig zu. "Wir müssen erst noch zeigen, dass wir Alternativen zu den bisherigen Modellen haben." Anders gesagt: Wie bekommt man einen neuen Mainstream?

"Wir sind alle Mankiw"

Im Frühjahr 2011 trafen sich im amerikanischen Bretton Woods mitten in den Bergen von New Hampshire Ökonomen aus aller Welt. Das Institute for New Economic Thinking (INET) hatte übers Wochenende in das berühmte Mount Washington Hotel geladen – berühmt deswegen, weil Delegierte aus 44 Ländern hier 1944 eine komplett neue Weltwirtschaftsordnung erfanden. Die Einrichtung des Internationalen Währungsfonds gehörte dazu und ein System fester Wechselkurse der Währungen, das für viele Jahre ein stabiles Finanzsystem sicherte. Die Welt sollte auch diesmal wieder verändert werden, allerdings durch neue Theorien.

"Das ökonomische Denken und die Lehre des 20. Jahrhunderts passen nicht mehr ins 21. Jahrhundert", sagte Robert Johnson, der INET-Gründer, zur Begrüßung und forderte, "neues Denken" zu denken. Seiner Einladung waren die Berühmten, die Einflussreichen und die Gelehrten aus der angloamerikanischen Welt gefolgt. Gekommen war Larry Summers , einst Finanzminister von Bill Clinton und später Wirtschaftsberater von Barack Obama. Der ehemalige britische Premierminister Gordon Brown hielt während des Mittagessens eine Rede. Der amerikanische Ex-Notenbankchef Paul Volcker sprach beim Dinner mit dem wohl berühmtesten Spekulanten der Welt, George Soros , der einst erfolgreich gegen die Bank of England und das Pfund spekuliert hatte. Erschienen waren Ökonomen wie Joseph Stiglitz , Jeffrey Sachs und der Historiker Niall Ferguson . Sie besaßen vor oder in der Finanzkrise Einfluss.

Man müsse mit den Wölfen heulen, um gehört zu werden, erklärte Johnson später die Einladungsliste von Bretton Woods, die sich ja nicht gerade wie eine Versammlung der Denker von morgen liest. Er lade die etablierten Kreise und die jungen Forscher gemeinsam ein, damit Letztere mit ihren neuen Ideen schneller akzeptiert würden. Leute, die interdisziplinär denken. Die ein anderes Menschenbild in der Ökonomie etablieren wollen. Die die ökologischen Folgen des Wirtschaftens und des Wachstums stärker berücksichtigen. Und die mehr über die Stabilität von Volkswirtschaften nachdenken und den Staat nicht direkt verteufeln.

Bis sich so ein neuer Mainstream herausschäle, das werde dauern, sagt Johnson selbst und gibt sich doch ungewöhnlich optimistisch. Gerade war er auf einer Tagung des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft. Dort trat auch der ehemalige Chefökonom des IWF, Kenneth Rogoff , auf und monierte, dass sich die Ökonomie in die falsche Richtung entwickelt habe. Dass man viel zu viel Mathematik betreibe und die Unvollkommenheit der Märkte zu wenig beachte.

In diesem Frühjahr findet die nächste INET-Konferenz in Berlin statt, die London School of Economics arbeitet mit dem Reformer Johnson zusammen, eine hochkarätige Professorengruppe schreibt gerade Empfehlungen für alternative Lehrpläne und Stipendienprogramme. Und auf der rege besuchten Website von INET übt die Ökonomin Robin Wells, die gemeinsam mit dem Nobelpreisträger Paul Krugman ein bekanntes Lehrbuch geschrieben hat, harte Selbstkritik: "Wir sind alle Mankiw", schreibt sie in Bezug auf den marktliberalen Lehrmeister. Sie fährt fort: In einer Welt der "schreienden Ungerechtigkeit, der makroökonomischen Ungleichgewichte und des explodierenden Euro sollten wir zugeben, dass es Bereiche gibt, in denen wir einfach keine richtigen Antworten haben".

Wissen, dass man manchmal nichts weiß: So hat auch Sokrates einst eine Denkschule begründet.