Martenstein : "Ein Macho zieht sein Ding durch und lässt sich nicht reinreden"

Kolumnist Harald Martenstein über die neue Sehnsucht nach harten Kerlen
Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Es gibt diese neue Männerdebatte. Der Mann von heute sei sehr oft ein Jammerlappen, unsicher, melancholisch, er verheddere sich in Selbstreflexionen. Derartiges Verhalten sei unsexy. Die modernen Frauen wollen Typen, die hin und wieder, und zwar genau dann, wenn die modernen Frauen es wollen, auch mal ein bisschen macho sind.

Ich finde das unlogisch. Ein Typ, der auf Wunsch einer Frau den Macho gibt, verhält sich, weil er dem Befehl der Frau folgt, doch völlig antimacho und softie. Ein echter Macho zieht sein Ding durch und lässt sich nicht reinreden. Wenn ein echter Macho Lust dazu hat, mal selbstreflexiv zu sein, dann tut er das auch. Wenn es sein muss, dann reflektiert er die ganze Nacht. Wir lassen uns das Jammern nicht verbieten. Du willst Typen ohne Selbstreflexion, Baby? Du willst schweigsame, unmelancholische Kerle? Schau dich einfach mal bei den Sechzehnjährigen um. Die sind so.

Den dreißigsten Geburtstag habe ich überhaupt nicht ernst genommen. Am vierzigsten Geburtstag heißt es neuerdings: Vierzig ist das neue Dreißig. Aber das stimmt nicht. In Wahrheit ist Vierzig das, was vor Fünfzig kommt. Mir fällt auf, dass ich lange nicht mehr über meinen Tod geschrieben habe. Bleibe weg, du großer schwarzer Vogel! Wenn ich im Aufzug fahre, schaue ich gewohnheitsmäßig auf das Baujahr des Aufzuges. Es scheint da eine Art Vorschrift zu geben, vom Gesundheitsministerium , um ältere Menschen zum Treppensteigen zu motivieren. Um Alte zu erschrecken, müssen sie ein kleines Metallschild mit dem Baujahr in den Aufzug hängen. Aufzüge sind fast immer jünger als ich. Sie sind, ab etwa 1970, verbeult, verdreckt und verrostet. Sie sehen runtergerockt und abgenudelt aus. Jünger als ich sind sie trotzdem.

Wenn ein Fußballstürmer ein paar Wochen nicht trifft, heißt es: Der hat eine Formkrise. Wenn der Fußballstürmer, der ein paar Wochen nicht trifft, aber schon etwas älter ist, dann heißt es: Der kann es nicht mehr, zu alt, vorbei. So geht es auch mir. Bei jeder Formkrise glaube ich: Das war’s jetzt. Wenn ich etwas vergesse, denke ich jedes Mal, dass ich langsam dement werde. Wenn mir etwas wehtut, denke ich sofort: Krebs. Wo ist die fröhliche Unbefangenheit vergangener Tage? Wenn mir alles überall wehtat, dachte ich früher: Gestern war mal wieder ein toller Abend.

Neulich aß ich mit einer Kollegin. Sie fragte: "Wo möchten Sie beruflich in zehn Jahren eigentlich stehen?" Eine typische Psychofrage aus Bewerbungsgesprächen. Was soll das? Ich bin froh, wenn ich in zehn Jahren überhaupt noch stehen kann, egal wo. Mein nächstes Bewerbungsgespräch werde ich voraussichtlich mit einer Heimleiterin führen. Mein Karriereziel heißt: Überleben. Die Position, die ich privat anstrebe: Kein Gebissträger und eine intakte Prostata.

Gute Nachrichten liefert eigentlich nur mein Vater. Er hat sich, mit fast neunzig, kürzlich einen neuen BMW mit schätzungsweise 200 PS gekauft. Wenn man ihn nach Beschwerden fragt, sagt er, dass ihm nach der Gartenarbeit manchmal ein bisschen schwindlig sei. Deshalb lehne ich die linke Theorie ab, nach der fast alles gesellschaftlich bedingt ist. Ich hoffe sehr, dass der Zustand meines Vaters nichts mit der Gesellschaft zu tun hat, sondern auf die reaktionärste Weise mit Vererbung und Genen zusammenhängt. Und das ist erst der Anfang, der lange Ritt in den Sonnenuntergang hat gerade erst begonnen. Mein Gott – ich jammere ununterbrochen. Und warum? Einfach nur, weil ich gerade Lust dazu hatte, Baby.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unterwww.zeit.de/audio