ZEITmagazin: Frau Hall, Sie waren 65, als Sie bei der Berliner Fashion Week mitgelaufen sind – zwischen lauter 16-Jährigen. Hatten Sie leise Zweifel?

Eveline Hall: Zweifel nicht, denn der Designer Michael Michalsky hatte mich ja für seine Show gebucht. Er wollte mich dabeihaben. Aber ich habe mir vorher natürlich überlegt, wie ich mich von all den Teenagern abheben kann. Frauen ab einem gewissen Alter drohen unsichtbar zu werden. Wir Frauen ab 50 müssen etwas darstellen, damit man uns sieht.

ZEITmagazin: Sie waren sehr auffällig. Models starren ja sonst immer regungslos in den Raum, Sie haben mit dem Publikum gespielt.

Hall: Ich musste der Jugend etwas entgegensetzen. Zumal ich nur dieses kurze Zeitfenster hatte, eine Runde auf dem Laufsteg, um auf mich aufmerksam zu machen. Und da habe ich mich aus meiner Trickkiste bedient – und bin als Schauspielerin aufgetreten und als Tänzerin. Beides Berufe, die ich gelernt und jahrelang ausgeübt habe.

ZEITmagazin: In den sechziger Jahren waren Sie Ballerina an der Hamburger Staatsoper , dann wurden Sie Showgirl in Las Vegas und später Schauspielerin im Ensemble des Thalia Theaters in Hamburg – all diese Stationen haben sich in Ihrem Gang über den Laufsteg widergespiegelt. Wie haben die jungen Models auf diesen individuellen Auftritt reagiert?

Hall: Sehr positiv. Ich kam mir vor, als hätte ich plötzlich 20 Kinder. Alle kamen auf mich zu, haben Fragen gestellt und mir ihren Respekt ausgesprochen.

ZEITmagazin: Kein Neid, dass in der eh schon hart umkämpften Modelbranche nun auch noch eine andere Generation mitmischen will? 

Hall: Nein. Wieso sollten die auch auf mich neidisch sein? Ich bin eine ältere Dame, die noch ein bisschen mitspielen darf. Denkbar wären Zickereien mit einer jungen Frau eigentlich nur, wenn es um einen Mann ginge, den wir beide wollen.

ZEITmagazin: In welcher Altersgruppe wildern Sie denn?

Hall: Fünfzehn bis 20 Jahre jünger dürfen sie schon sein. Ich bin ja auch eine sehr körperliche Frau, mit so einem betagten Mann könnte ich nichts anfangen. Einen, der Reife hat und Geld, brauche ich nicht, denn das habe ich selber. Mich ernähren muss er auch nicht. Und ich brauche auch niemanden, der berühmt ist, das bin ich ebenfalls selbst.

ZEITmagazin: Wie halten Sie sich das Alter vom Leib – außer dass Sie sich mit jungen Männern umgeben?

Hall: Ich tue einiges für die Hülle: Ich mache jeden Tag 45 Minuten Sport, und das seit 30 Jahren. Ich habe nie geraucht oder Kaffee getrunken. Alkohol absolut in Maßen. Keine Partys. Und ich esse sehr gesund.

ZEITmagazin: Welche Faltencreme benutzen Sie?

Hall: Gar keine. Weil ich an so etwas nicht glaube. Und es kann auch kein Mensch, der eine Falte entdeckt, ernsthaft glauben, dass er die Entwicklung dann noch aufhalten kann. Das möchte ich allen jungen Frauen sagen: Man muss früh anfangen, auf sich zu achten. Anders als die Männer. Ein Mann blüht mit 40 erst richtig auf, wir bauen ab. Normalerweise. Ich wurde bisher, Gott sei Dank, komplett verschont.