Die Vogue-Autorin Sarah Harris

ZEITmagazin: Frau Harris, es heißt, Ihre Haare seien grau geworden, als Sie 16 Jahre alt waren.

Sarah Harris: Die ersten silbergrauen Strähnen zu sehen war wirklich kein sehr schöner Moment. Da meine Mutter schon mit Mitte 20 silbernes Haar hatte, wusste ich, dass mein Haar dazu tendieren würde. Aber ich hatte doch gehofft, mein Brünett noch etwas länger genießen zu können.

ZEITmagazin: Immer mehr Frauen fangen heute sehr früh an, ihr Haar zu färben, während Sie fest entschlossen scheinen, es nicht zu tun. Warum?

Harris: Haare zu färben ist sehr zeitaufwendig und anstrengend. Als Kind habe ich das schon bei meiner Mutter mitbekommen, bevor sie endlich nachgegeben und damit aufgehört hat. Da die silberne Farbe so ein Kontrast zum Brünett ist, das ich vorher hatte und in dem ich mein Haar färben würde, würde es in meinem Fall regelmäßige Friseurbesuche bedeuten, wohl so alle vier Wochen. Diese Vorstellung gefällt mir einfach nicht. Ich habe aber nie gesagt, dass ich es nie färben würde. Ich bin heute 32 Jahre alt, und da mein Gesicht sehr jung aussieht, fühle ich mich durch meine Haarfarbe nicht älter. Aber wer weiß schon, wie ich das mit 40 sehe?

ZEITmagazin: Aufgrund Ihrer Haarfarbe tendieren vielleicht viele dazu, Sie älter zu schätzen, als Sie tatsächlich sind. Denken Sie, Sie werden deshalb anders behandelt als andere Frauen in Ihrem Alter?

Harris: Es lässt sich leider nicht leugnen, dass graues Haar älter macht. Man muss mehr tun, damit die Haarfarbe zum eigenen Look funktioniert. Föhnen ist für mich essenziell geworden, genauso wie Make-up. Ich bin mir sicher, dass sich jede Frau mit Make-up wohler fühlt, aber für grauhaarige Frauen ist es umso wichtiger. Mir kommt es nicht so vor, dass ich anders behandelt werde als andere Frauen in meinem Alter. Allerdings scheint meine Haarfarbe fremde Menschen dazu zu bringen, mich zu fragen, wer mein Kolorist ist. Nur wenige glauben mir dann, wenn ich Ihnen erkläre, dass ich natürliche graue Haare habe. Das Ganze ist wohl eine Generationensache – meine Freunde lieben meine Haarfarbe, während meine Schwiegermutter beim besten Willen nicht versteht, weshalb ich meine Haare nicht färbe.

ZEITmagazin: Während der Fashion Weeks gehören Sie zu den viel fotografierten Moderedakteurinnen.

Harris: Ich bin mir sicher, dass ich nur wegen meiner Haarfarbe so viel fotografiert werde. Neben all diesen anderen Frauen mit ihrem tollen Stilgefühl bin ich wirklich kein Pionier in Sachen Mode – an den meisten Tagen verlasse ich das Haus mit dem Gefühl, ich hätte 20 Prozent mehr aus meinem Look machen können!

ZEITmagazin: Denken Sie, dass der Streetstyle-Trend Schönheitsideale verändert und Mode individueller gemacht hat?

Harris: Das glaube ich, ja. Ich liebe es, mir Streetstyle-Fotografien anzuschauen. Sie haben das Schönheitsideal definitiv verändert und Mode umfassender gemacht. Es geht eben nicht mehr nur darum, was auf den Laufstegen gezeigt wird. Die Modeindustrie ist heute genauso interessiert daran, was auf den Straßen passiert. Das ist eine sehr interessante Entwicklung.

ZEITmagazin: Wie hat sich Ihr eigener Stil über die Jahre entwickelt?

Harris: Mein Look hat sich schon immer um die Formel "Jeans plus Pullover" gedreht. Ich trage im Jahr zu 90 Prozent Jeans und habe davon etwa 60 Stück im Schrank. Mir persönlich bedeutet Komfort sehr viel, aber für ein wichtiges Ereignis bin ich auch bereit, in einem Paar Schuhe zu leiden.

ZEITmagazin: Die aktuellen Kollektionen sind von Bildern von erwachsenen, unabhängigen Frauen bestimmt. Zählt Alter überhaupt noch?

Harris: Nicht für mich.

ZEITmagazin: Welche Komponenten machen für Sie einen Look aus?

Harris: Geben Sie mir einen Föhn, eine Jeans, ein weites T-Shirt oder einen Kaschmirpullover und einen taillierten Blazer oder eine Bikerlederjacke – schon bin ich fertig!